J. S. Bach: Trio d-moll BWV 583

Ich habe dieses Werk  mit Samples „Notre Dame de Buda” der Riegerorgel in der Matthiaskirche in Budapest eingespielt.

Dieses Stück ist einzeln überliefert und nicht im Autograph. Daher wurde seine Echtheit von manchen Forschern angezweifelt. Eine Quelle nennt das Stück „Choralvorspiel auf der Orgel mit 2 Clavieren und Pedal“. Gegen diesen Titel spricht das Fehlen eines deutlich zitierten Cantus firmus; nur die erste Zeile ist choralartig konzipiert und ähnelt dem unter BWV 519 überlieferten, geistlichen Lied „Hier lieg ich nun, o Vater aller Gnaden“. Weiterlesen

J. S. Bach: Passacaglia c-moll BWV 582

eingespielt mit Samples der Rieger-Orgel im Konzerthaus Wiens. 


Die Symbolik oder Absicht, die Bach der Komposition dieser Passacaglia (mit untrennbar verbundener Fuge) zugrunde gelegt haben könnte, wurde Auslöser unerschöpflicher, teilweise kontroverser Möglichkeiten der Deutung, wie ein Blick in die kleine Auswahl der von mir unten verlinkten Literatur zeigt.

Dass Bach sich bei der Komposition auf die damals beliebte Zahlensymbolik in Verbindung mit theologischen Inhalten stützte ist aber wahrscheinlich, Zum Beispiel verbindet Wolfgang Körner in Tanz um das Heil. Zur Passacaglia in c-moll von Johann Sebastian Bach BWV 582  die einzelnen der 21Variationen mit dem Kirchenjahr:

  • Erster Advent – Variationen I-III
  • 2. bis 4. Advent: Variationen IV bis VI
  • Weihnachten- Variationen VII-IX
  • Epiphanias – Variationen X-XII
  • Passion – Variationen XII-XV
  • Karfreitag – Variationen XVI-XVIII
  • Ostern – Variationen XIX-XXI
  • Pfingsten und Trinitatiszeit – Thema fugatum

Wolfgang Körner fasst seine Überlegungen so zusammen:

Die Passacaglia begegnet als völlig durchkonstruiertes Werk. Wenig ist dem kompositorischen Zufall oder gar einer Laune entsprungen. Die Grundstuktur ist durch die Zahl „3“ terminiert – Symbol für die Trinität. Die Dreieinigkeit besteht intrinsisch in sich selbst. Bach drückt dies durch die innewohnende Dreiheit des Passacaglia-Themas aus: Die Trinität besteht bereits vor der Schöpfung, sie ist präexistent. Extrinsisch wirkt sie als ökonomische Trinität das Heil des Menschen. Das Kirchenjahr durchlebt zyklisch diese Heilsgeschehen – von der Ankündigung des Erlösers bis zur Vollendung der Welt in der neuen Schöpfung. Nach lutherischem Verständnis spielt die Sendung des Gottessohnes durch den Schöpfer und sein Tod am Kreuz die entscheidende Rolle. So entsprechen sich in der Advents- und der Karfreitagsgruppe jeweils die erste Variation – ausgedrückt durch die Einstimmigkeit. So bilden durch Motivgleichheit in allen Gruppen bis auf die zum Karfreitag die zweite und dritte Paare (jeweils Sohn und Heiliger Geist). So treten nach Ostern und mit Pfingsten in „thema fugatum“ alle drei Personen untrennbar miteinander auf. Das Thema „Gott“ in seinen drei Personen wird die Welt zur Vollendung führen. Die Darstellung der Heilsgeschichte fügt Bach ausgerechnet in die an sich Form eines stilisierten Tanzes: der Passacaglia. Doch das war für ihn und seine Zeitgenossen ein- und dasselbe Gegensatz. Entstammten doch alle Gaben des Menschen Gottes Schöpfung. So auch diente der Tanz dem Lob dieses Schöpfers und den Menschen der Verkündigung seines Heils.


Diese Komposition Bachs verbindet sich für mich mit dem Gedicht „Ithaka“ von Konstantínos Kaváfis mit dem Gedicht „Ithaka“ ausdrückt. Die Bewegungssteigerung in der Bach’schen Passacaglia durch zunehmend kürzere Notenwerte, durch Verdichtung der Stimmen, durch zunehmend mehr Register, bedient sich meiner Meinung nach der gleichen Symbole wie das Gedicht:

Brichst du auf gen Ithaka,
so wünsch dir eine lange Fahrt,
voller Abenteuer und Erkenntnisse.
Die Lästrygonen und Zyklopen,
den zornigen Poseidon fürchte nicht,
solcherlei wirst du auf deiner Fahrt nie finden,
wenn hochgesinnt dein Denken, wenn edle
Regung deinen Geist und Körper anrührt.
Den Lästrygonen und Zyklopen,
dem wütenden Poseidon wirst du nicht begegnen,
falls du sie nicht in deiner Seele mit dir trägst,
falls deine Seele sie nicht vor dir aufbaut.

So wünsch dir eine lange Fahrt.
Der Sommer Morgen mögen viele sein,
da du, mit welcher Freude und Zufriedenheit
in nie zuvor erblickte Häfen einfährst;
halt ein bei Handelsplätzen der Phönizier
die schönen Waren zu erwerben,
Perlmutter und Korallen, Bernstein, Ebenholz,
erregende Essenzen aller Art,
so reichlich du vermagst, erregende Essenzen;
besuche viele Städte in Ägypten,
damit du von den Eingeweihten lernst
und wieder lernst.

Stets halte Ithaka im Sinn.
Dort anzukommen ist dir vorbestimmt.
Jedoch beeile deine Reise nicht.
Besser ist, sie dauere viele Jahre;
und alt geworden lege auf der Insel an,
nun reich an dem, was du auf deiner Fahrt gewannst,
und ohne zu erwarten, dass Ithaka dir Reichtum gäbe.

Ithaka gab dir die schöne Reise.
Du wärest ohne es nicht auf die Fahrt gegangen.
Nun hat es dir nicht mehr zu geben.

Auch wenn es sich dir ärmlich zeigt,
Ithaka betrog dich nicht.
So weise, wie du wurdest,
und in solchem Maß erfahren,
wirst du ohnedies verstanden haben,
was die Ithakas bedeuten.


Bach griff mit der gewaltigen Passacaglia c-moll BWV 582 eine Form auf, die eigentlich zu jener Zeit bereits veraltet war, und führte sie zu einem letzten großartigen Gipfel der Entwicklung. Die Passacaglia war ursprünglich ein alter Schreittanz in Form von Variationen über einem gleichbleibenden Baß von vier Takten; sie diente später häufig als Vor- und Nachspiel zu Tänzen, fand Eingang in die Suite und bildete charakteristische Themen aus wie zum Beispiel das absteigende Tetrachord. Das Thema der Bachschen Passacaglia ist so deutlich verwandt mit dem „Christe eleison“ aus einer Orgelmesse von André Raison, dass es sich wohl kaum um eine zufällige Ähnlichkeit handeln kann; französisch inspiriert ist auch der langsam schreitende 3/4-Takt. Diese Bezüge veranlassten manchen Forscher, die Passacaglia mit dem Wettstreit mit Marchand in Verbindung zu bringen. Das Passacaglia-Thema ist jedoch vom Charakter her geradezu ein Archetypus, und enge Verwandtschaften lassen sich auch mit Werken dieses Typs bei Pachelbel, Böhm und Buxtehude aufzeigen.
Bach dehnt das Thema auf die doppelte Länge aus, stellt es dem Zyklus einstimmig voran, um es dann in 21 Variationen zu bearbeiten. Besser: zu ergänzen und zu krönen mit einer gewaltigen Fuge, die in Werken dieses Typs ganz und gar ungewöhnlich ist. Der niederländische Musikwissenschaftler und Organist Piet Kee hat in eingehenden Untersuchungen der Zahlensymbolik des Werkes die Passacaglia als eine Umsetzung des wichtigsten christlichen Gebets, des „Vaterunser“ interpretiert; die Fuge vertritt in seiner Deutung das „Amen“. Auch wenn der Hörer die einzelnen Bezüge kaum analysierend nachvollziehen kann – als Hinweis zur Gesamthaltung des monumentalsten Bachschen Orgelwerkes kann diese Erklärung sicherlich sehr hilfreich sein!
Das ruhige Thema umschreibt die Kadenzharmonien der – bei Bach immer für erhabene Inhalte zuständigen – Grundtonart c-moll in weit ausgreifender, zunächst aufsteigender, dann zur tiefen Tonika fallender Linie. In den ersten Variationen verweilt es unverändert im Bass. Darüber erklingen Veränderungen der Oberstimmen: in übergebundenen Akkorden, in Achteln, dann Sechzehnteln, rhythmischen Figuren, Arpeggien, Triolen etc., bis das Thema schließlich in den Diskant wandert. Später erklingt es wieder im Baß, aber nun ebenfalls variiert, einschließlich einer staccato-Fassung. Dies sind herkömmliche Mittel der Variation. Bach jedoch setzt sie ganz neu ein. Insbesondere nutzt er die bewegende Kraft der „figura suspirans“, einer auftaktigen Sechzehntelfolge, auf die vielfältigste Weise, ähnlich wie bei vielen Chorälen im Orgelbüchlein. Dass die Tonart c-moll erhalten bleibt, scheint verständlich, wenn man der Deutung des Werkes als Symbol für den ewigen Gott und seine Anbetung folgt.
Nach zwanzig sehr abwechslungsreichen Veränderungen schließt Bach, als Krönung (und Vollendung der heiligen Zahl 21!), das „thema fugatum“ an. Nach einem wellenförmigen Spannungsverlauf zwischen einzelnen Höhepunkten in den Variationen 12 und 20 erreicht er, durch die Vollendung der Variationskunst in der höchsten Stufe, der kontrapunktischen Form, eine grandiose Schlusssteigerung. Diese Fuge ist unter den Orgelwerken einzigartig insofern, als jeder Themeneinsatz von den rhythmisch kontrastierenden, markanten Gegenthemen begleitet ist. Einen solchen Typus der Fuge mit zwei Kontrasubjekten, der sogenannten „Permutationsfuge“, kennen wir vor allem aus einigen Kantaten Bachs. Insgesamt zwölf Themeneinsätze erfolgen in immer größeren Abständen; die Zwischenspiele werden also immer länger. Die Tonarten verbleiben im Bereich der Kadenzharmonien mit ihren Mollparallelen. Geradezu berühmt ist der Schluß der Fuge mit dem sogenannten „Neapolitanischen Sextakkord“ im achtletzten Takt, einem Trugschluss in die Moll-Subdominante (von c-moll nach f-moll mit tiefalterierter Sext, d.h. „des“ statt „c“ ). Über diesen Akkord und eine Orgelpunkt-Coda bringt Bach die ausgedehnte Fuge wirkungsvoll zum Ende. [Zitiert aus dem Booklet der CD: Klassik Kennen Lernen 6: Musikalische Architektur – Bach: Passacaglia / Ravel: Bolero]

 


Über Bach, seine Musik und vier Analysen dieses Orgelwerks:


Ich habe bereits andere Versionen einer Registratur von BWV 582 versucht, ich hoffe, diese Version ist nun die optimale.

Die sechste Version Video

Die fünfte Version Video

Die vierte Version: Video

Die dritte Version: Video

Die zweite Version: Video

Die erste Version: Video

 

Robert Schumann: Choral und Fuge, op. 68

Das Album für die Jugend, op. 68 (entstanden 1848), ist ein aus 43 Klavierstücken bestehender Zyklus von Robert Schumann. Im Gegensatz zu den Kinderszenen sind viele Stücke des ersten Teils auch für Kinder bzw. Anfänger geeignet. Der zweite Teil, ab Nummer 19, ist mit dem Zusatz „Für Erwachsenere“ versehen und enthält auch technisch anspruchsvollere Stücke. (zitiert aus Wikipedia Album für die Jugend.)

Ausgewählt habe ich die drei Stücke

00:01 – Nr. 04 Choral – Freue dich, o meine Seele.
01:21 – Nr. 42 Figurierter Choral.
03:14 – Nr. 40 Kleine Fuge. Vorspiel – Fuge, Lebhaft, doch nicht zu schnell

und mit Samples „The Hammersmith Pro” eines „Steinway D” -Flügels eingespielt.

J. S. Bach: Fuge h-moll BWV 579

Entstehungszeit: Weimar (1708 – 1717)

eingespielt mit Samples der Rieger-Orgel des Konzerthauses Wien.

Die Fuge h-Moll „über ein Thema von Corelli“ BWV 579 ist deutlich vom italienischen Stil beeinflusst, nicht nur wegen der direkten Übernahme des Doppelthemas aus einer Sonata da chiesa von Arcangelo Corelli, sondern vor allem auch in der Stimmführung des lebhaften, mit „Vivace“ bezeichneten polyphonen Satzes. Auch die thematisch freien Zwischenspiele lassen an das italienische Konzert mit seinen Kontrasten zwischen Tutti- und Solo-Episoden denken. Das Thema wird zusammen mit seiner Gegenstimme schließlich durch Engführung zu einer großen Schlusssteigerung gebracht.

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J. S. Bach: Fuge g-moll BWV 578

Dieses Orgelwerk habe ich mit Samples der Rieger-Orgel des Konzerthauses Wien eingespielt. 

Die Fuge in g-moll WV 578 ist als sogenannte „Kleine g-moll-Fuge“ (im Gegensatz zur „Großen g-moll-Fuge“ BWV 542) unverzichtbarer Bestandteil des Repertoires der Organisten für den Gottesdienst ebenso wie für das Konzert. Das plastische, markant phrasierte Thema wird mit einem Kontrapunkt durchgeführt; die Fugenstruktur ist recht locker, die Zwischenspiele zwischen den Themeneinsätzen sehr gefällig. All diese Umstände tragen zur Beliebtheit dieser Fuge bei ebenso bei wie das schöne, weitgespannte und kantable Thema und die reizvolle Tonart. Sie ist, nach der zeitgenössischen Charakteristik, zwischen Ernst und Fröhlichkeit einzuordnen, also sehr farbig und abwechslungsreich.

Über Bach, seine Musik und eine Analyse dieses Orgelwerks:

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J. S. Bach: Fuge G-Dur BWV 577

mit Samples der Rieger-Orgel des Konzerthauses Wien eingespielt.

Die Fuge G-Dur BWV 577, ein sehr frühes Werk, zeugt stilistisch von den ersten Kontrapunkt-Übungen Bachs. Vom jungen Bach als Vorstellungsstück für Lüneburg konzipiert, ist das giguenartige, virtuose Stück im 12/8-Takt trotz seiner frühen Entstehungszeit doch ein überzeugendes Beispiel der außergewöhnlichen Fähigkeiten seines Komponisten. Es verbindet in ungewöhnlicher Weise Anregungen verschiedener Stilrichtungen, wie zum Beispiel Echoeffekte oder obligates und sehr anspruchsvolles Pedalspiel.

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J. S. Bach: Fuge c-moll BWV 575

Entstehungszeit: Arnstadt (1703 – 1707)

eingespielt mit Samples der Rieger-Orgel des Konzerthauses Wien.

Die Fuge c-Moll BWV 575 ist eine manualiter auszuführende Fuge mit einer attacca anschließenden, freien, toccatenhaften Conclusio. Das Thema, auf der Moll(!)-Sext beginnend und latent zweistimmig, ist sehr charakteristisch: die durchgehende Sechzehntelbewegung wird zweimal durch rhetorische Pausen unterbrochen, die das Kontrasubjekt ausfüllt – eine Satztechnik, wie sie uns später wieder in der C-Dur-Fuge BWV 564 begegnet. Dieser rhetorische  Dialog prägt die ganze Fuge, deren permanente, lebendige Bewegung plötzlich durch den Pedaleinsatz des Schlußteils abgebrochen wird. Reiche Figuration, punktierte Rhythmen, schnelle Tiraten und ein großes Pedalsolo beschließen dieses einzigartige Werk.

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J. S. Bach: Fuge c-moll BWV 574

Entstehungszeit: Arnstadt/Weimar (ca. 1708)

Eingespielt mit Samples der Rieger-Orgel des Konzerthauses Wien.

Die Fuge c-Moll über ein Thema von Giovanni Legrenzi BWV 574 ist eine Doppelfuge mit einem freien, toccatenhaften Schlussteil. Welchem Werk Legrenzis, einem venezianischen Komponisten des 17. Jahrhunderts, das Thema bzw. die Themen entnommen sind, wissen wir leider nicht – es ist nicht erhalten. Die formale Anlage der Doppel- oder Zweithemenfuge behielt Bach auch später noch bei (s. z. B. Fuge F-Dur BWV 540): jedes Thema wird zuerst einzeln durchgeführt, bevor die beiden miteinander verbunden werden. In der c-Moll-Fuge sind beide Themen sehr kontrastierend gestaltet: das erste, durch Tonwiederholungen geprägt, sehr rhythmisch, das zweite eher kantabel-expressiv. Der formale Aufbau und die Ausarbeitung der Fuge zeigen Bach bereits früh als Meister der Fugenkunst. Der freie Schlussteil, ganz im stylus phantasticus geschrieben, greift Elemente der vorausgegangenen Fuge auf und bildet so ein affektbetontes, organisches Ende dieses Werks.

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J. S. Bach: Fantasie C-Dur BWV 573 (Fragment)

Entstehungszeit: Köthen, Leipzig (1717 – 1750)

Dieses Orgelwerk habe ich mit Samples der Rieger-Orgel de Konzerthauss Wien eingespielt.

Die Fantasie C-Dur BWV 573 ist ein Fragment, das dem „Clavier-Büchlein für Anna Magdalena Bach“ von 1722 entstammt. Die erhaltenen 12 1/4 Takte lassen die Anlage zu einem fünfstimmigen Konzertsatz erkennen und waren Ausgangspunkt zu den unterschiedlichsten Ergänzungen. Die Musiksprache des Fragments entspricht den Werken der Reifezeit; die Melodik, Vorhaltsbildungen etc. stehen dem teils improvisatorischen Stil des französischen „Plein jeu“, des vorhaltsintensiven Demonstrierens des Orgelplenums, nahe.

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