Richard, Freiherr von Boyneburg-Lengsfeld

Richard von Boyneburg-Lengsfeld wurde als zweitältester Sohn von sechs Kindern des Rittmeisters im Ulanenregiment Nr. 6 und späteren Hauskommandanten und Gardeleutnants der Leibgarde SR Majestät, des k.u.k. Generalmajors Moritz Freiherr von Boyneburg-Lengsfeld und der Freifrau Marie, geborene Kiesewetter, am 20. 10 1878 geboren und starb bereits im jugendlichen Alter von knapp 27 Jahren. Richard besuchte zunächst fünf Volksschulklassen in Wien und dann weitere fünf in Eisenstadt, weil er den dritten Jahrgang wiederholen musste. Er wies sehr unterschiedliche schulische Leistungen auf. Das eine Mal war er Primus, ein anderes Mal kam er mit knapper Not am Repetieren vorbei. Auch in seiner Lebenslaufbahn setzte sich dieses Prinzip fort. Nach der Grundschule meldete sich Richard zuerst freiwillig als Seeaspirant für die k.u.k. Kriegsmarine, wo er sehr schnell Karriere machte. Schon im Dezember 1898 erhielt er die erste Auszeichnung, die Jubiläumserinnerungsmedaille. Im Februar 1899 wurde er zum Seekadetten zweiter Klasse ernannt. 1899 ging es zur See nach Ostasien, in jene Weingegend, die es ihm offenbar schon als Jüngling angetan hatte. Er gehörte zum Stabe des österreichischen Kriegsschiffes „Zenta“, als dieses nach China abgeschickt wurde, um die durch den „Boxeraufstand“ gefährdeten Europäer zu schützen.
Diese befanden sich in Peking bereits in einer äußerst verzweifelten Lage. Vom 3.9. bis 3.9.1900 war Richard beim Detachementskommando in Peking eingeteilt. Hier ereignete sich der schon in den „Streiflichtern“ erwähnte Kampf. Die diplomatischen Vertreter fast aller europäischen Staaten hatten im Palais der französischen Gesandtschaft Schutz gesucht, da dieses Gebäude dem Bombardement der „Boxer“ am längsten Widerstand bot. Nahe am Palais befand sich ein hölzerner Turm, von dem aus die „Boxer“ gezielte Geschoße nach dem Gesandtschaftspalais abfeuerten. Die gespannte Situation hatte am 28.6.1900 den Höhepunkt erreicht, da meldete sich Richard mit dem tollkühnen Entschluss, den hölzernen Turm in Brand zu stecken. Der junge Held sprang über die Mauer des Palais, und unter schwerem Kugelhagel vollführte Richard sein Vorhaben und setzte tatsächlich den Turm in Brand. Danach versuchte er wieder die Mauer zu erreichen. Doch dabei traf den Unerschrockenen eine feindliche Kugel mitten in die Stirn. Die „Boxer“ wollten sich des Angeschossenen bemächtigen, aber es gelang den Belagerten in letzter Minute, den Schwerverwundeten vor den Feinden in Sicherheit zu bringen. Er wurde zwar medizinisch versorgt, starb aber schließlich 5 Jahre später, am 1. 6. 1905, in Wien an den Folgen seiner Verwundung: „Unter grässlichen Qualen wurde Freiherr von Boyneburg dreimal operiert, ohne daß man die ominöse Kugel entfernen konnte. Mit Aufopferung wurde der junge Kadett gepflegt und nach wochenlangem Siechtum per Schiff nach Europa gebracht, um in die Arme der tief bekümmerten Eltern zu eilen. Nach neuerlicher Untersuchung konnten es sich die Ärzte auch hier nicht verhehlen, dass die Gefahr einer Gehirnblutung durch die Senkung der Kugel nicht verhindert werden und jeden Augenblick der Tod eintreten kann. Und an diesen Folgen ist nun der junge hoffnungsvolle Freiherr am 1. d.M. eines plötzlichen Todes gestorben: man fand ihn morgens in seinem Bette in der Wohnung seines Vaters tot.“
Der junge Offizier, dem der Kaiser unter anderem die „Goldene Tapferkeitsmedaille“, die „Kriegsmedaille“ und das „Ritterkreuz des Ordens der Ehrenlegion“ verliehen hatte, der 1902 mit dem Ritterkreuz des königlich-belgischen „Leopoldsordens“ und 1903 mit dem „kaiserlich japanischen Orden der aufgehenden Sonne VI. Klasse“ ausgezeichnet worden war, wurde unter dem Geleit von zahlreichen hohen Persönlichkeiten des Militärs, Würdenträgern, adeligen Standesgenossen und Freunden in einem Ehrengrab am Wiener Zentralfriedhof beigesetzt. Sowohl seine erschütterten Eltern als auch seine Brüder waren bei dem Begräbnis zugegen und gedachten der mutigen Taten des so jung Verstorbenen: „Der junge Krieger, welcher sich den Todeskeim durch seine bravouröse Tat vor 5 Jahren in China geholt, ist ein würdiger Sprosse jenes berühmten alten hessischen Adelsgeschlechtes, dessen Stammhaus im Kreise Rotenburg in Kassel liegt.“
Einen unvergänglichen literarischen Niederschlag fand Richard von Boyneburg-Lengsfeld in Robert Musils Roman „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ (1906), in welchem er unter dem Synonym „Beineberg“ als nicht unwesentliche Figur mit stark autobiographischen Zügen weiterlebt. Sein auffallendes Äußeres wird von Musil in realistischer – nicht sehr schmeichelhafter Weise folgendermaßen beschrieben: „Die Magerkeit des Körpers – Beineberg selbst pflegte die stahl schlanken Beine homerischer Wettläufer als sein Vorbild zu preisen. – Diese schmalen dunklen Hände, die eben geschickt den Tabak in das Papier rollten, waren doch eigentlich schön. Magere Finger, ovale, schön gewölbte Nägel: es lag eine gewisse Vornehmheit in ihnen.
Auch in den dunkelbraunen Augen. Auch in der gestreckten Magerkeit des ganzen Körpers lag eine solche. Freilich – die Ohren standen mächtig ab, das Gesicht war klein und unregelmäßig, und der Gesamteindruck des Kopfes erinnerte an den einer Fledermaus.“
Was seinen Geist und Charakter betrifft, erscheinen die Angaben oftmals gegensätzlich und widersprüchlich. So werden ihm einerseits eine rasche, aber flüchtige Auffassungsgabe, hohe Empfindsamkeit und Reizbarkeit nachgesagt, andererseits aber wird auch von einer gründlichen Auffassungsgabe, von Heiterkeit und Strebsamkeit gesprochen. Diese unterschiedlichen Facetten seines Wesens lassen vermuten, dass Musil ihn sogar zum Vorbild für die Titelfigur Ulrich seines Bildungsromans „Der Mann ohne Eigenschaften“ (1930) verwendet hat.

[Auschnitt aus Kapitel VII der „Familienchronik des Hauses Boyneburg“ von Désirée Boyneburg]



 

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