Die Gehauser Geschichte bis zur „Wüstung Gehaus“

Im 14. Jh. beginnt erst die urkundlich belegte Geschichte des Dorfes Gehaus. Nachdem die Existenz fast aller Orte der Rhön irgendwo schriftlich bestätigt wurde, findet unser Dorf am 13. Mai 1355 endlich auch nachweisbar Erwähnung, und zwar in den Annalen des Klosters Allenstein. Das Dorf bzw. die Gemarkung Gehaus ist mindestens seit damals eng mit dem Amt Stadtlengsfeld verbunden, und hat seither und sicher auch schon vorher mit ihm die Herrschaft gemeinsam. Daher kann ich auch auf Kronfelds Landeskunde Thüringens verweisen, die ich komplett für alle Orte des heutigen Wartburgkreises als PDF-Datei zum Download zur Verfügung stelle. Wenn du darin die Ausführungen zum Amtsgerichtsbezirk Lengsfeld liest, dann ahnst du wohl auch, wer damals in der Gehauser Flur das Sagen hatte.
Selbstverständlich war dieser Flecken Erde nicht erst seit dem 13. Mai 1355 bewohnt, kein Mensch hätte ihn sonst der Erwähnung wert befunden. Die archäologischen Funde reichen wesentlich weiter zurück: In unserer mittelbaren Nachbarschaft, bei Leimbach, entdeckte man 1878 in einem größeren Gräberfeld Bodenaltertümer in Form von eisernen Lanzenstücken, Bronzeringen, Tonschalen, Eisen- und Bronzenadeln (Fibeln), aus der Umgebung von Oechsen sind uns Dolchklinge und Schwurring aus einem Grab der Bronzezeit überliefert. Auf dem Territorium unseres Ortes weist ein bronzezeitliches Hügelgrab auf vorgeschichtliche Besiedlung hin. Westlich des Weges Hohenwart – Baiershof, im Flurteil „An der Kuhhalle“ gelegen, ist es Teil eines ausgedehnten, heute bodengeschützten Hügelgräberfeldes, das weit in die Gemarkung Stadtlengsfeld hineinreicht. Auf dem Baier existieren zwei Ringwallanlagen, vermutlich Fluchtburgen, die keltisch beeinflusst scheinen. Die Datierung ist unsicher, entstanden sind sie sicherlich in der La-Tène-Zeit, als vor allem keltische Handwerker und Erzsucher aus dem Süden in dieses Gebiet vorstoßen und eine Keltisierung der einheimischen Bevölkerung einleiten [siehe: Sagenhafte Geschichte(n)]. Danach scheint die Rhön zum Bewohnen zunehmend unattraktiver geworden zu sein, erst mit der Frankenherrschaft beginnt allmählich wieder eine Besiedlung der Rhön [siehe auch: Der Bauernstand]. Die Klostergründung in Fulda durch Sturmius (im Auftrag des Bonifazius) im Jahre 744 scheint die kulturelle Entfaltung der Rhön ausgelöst zu haben, die häufigsten Ersterwähnungen in der Rhön fallen in die Zeit zwischen der Klostergründung und dem Jahrtausendwechsel.
Wenn wir bedenken, dass Ansiedlungen vor allem in der Nähe von alten Handelswegen entstanden, so wäre es unverständlich, wenn „Am Gehaws“ nicht schon viel früher gesiedelt wurde. „Am Gehaws“ wurde unser Dorf 1355 in der Urkunde unserer Ersterwähnung bezeichnet. Darum sollte zunächst darüber nachgedacht werden, was dieser Name bedeuten könnte. Das „Deutsche Wörterbuch“ von Jacob und Wilhelm Grimm legt die Vermutung nahe, dass es sich ursprünglich um einen Waldschlag, der immer wieder aufgeforstet, ein Viehgehege oder um einen Verhau oder Hag aus gehauenen Bäumen als Schutz gegen Feinde gehandelt haben mag. Das würde an einem Handelsweg durchaus Sinn machen. Selbst ein ehemaliger Steinbruch im Gelände des heutigen Schlossparks könnte zur Bezeichnung „Am Gehaws“ geführt haben. Durch die Rhön führten der Antsanvia, Antsanweg oder Königsweg (in der Lebensbeschreibung des heiligen Sturmius genannt) von Mainz nach Erfurt – über Fulda, Wenigentaft, die Ulster abwärts bis Vacha, und Eisenach. Ein zweiter wichtiger Weg von Fulda nach Salzungen wird im 9. Jh. genannt. Er führte über Spahl, Geisa, Borsch (?) und Stadtlengsfeld. (A. Schröder „Land an der Straße“ St. Benno-Verlag GmbH Leipzig 1989, S. 15). In einer Karte aus dem Jahre 1721 wird eine heute nicht mehr existierende Straße von Niederoechsen nach Gehaus die „Alte Straße“ genannt. Diese „Alte Straße“ führt weiter über die „Hohe Brücke“ und die „Hausemühle“ zur heutigen Straße über Bremen nach Geisa.
Warum wohl unser Dorf erst so spät schriftlich nachgewiesen ist? Lengsfeld und damit die Gehauser Flur gehörten ursprünglich, d.h. vom Beginn der Christianisierung an, zum Einflussbereich der Hersfelder Abtei (wenngleich 897 auch fuldasche Lehnsrechte dort nachgewiesen sind). Merkwürdigerweise tritt es, also Lengsfeld, jedoch erst 1239 urkundlich erstmals auf den Plan. Das mag daran liegen, dass die Schenkungsregister der Abtei möglicherweise durch Brand vernichtet oder aber auf andere Weise untergegangen sind. Das würde auch erklären, warum sich das Dunkel über seiner Geschichte erst wieder lichtet, seitdem es die fuldasche Regentschaft dort gibt. So betrachtet können Lengsfeld und bei der engen politisch-territorialen Verflechtung auch unser Dorf, selbst wenn der urkundliche Beweis darüber fehlt, durchaus mitten in der Reihe der Ortsjubiläen anderer Rhöndörfer den zugehörigen historischen Platz finden.
Tatsächlich sollen bereits im 11. Jh. unsere ältesten Vorfahren sich im Schutz der Hohle und dort rund um eine kleine Kapelle herum angesiedelt haben.
Sollte es sich jedoch einmal herausstellen, dass das in der Kirchenchronik von Dermbach unter dem Jahr 825 genannte GOHUSA der historische Vorgänger unseres heutigen Dorfes ist (und nicht etwa der Namensvorgänger von GEISA, was ebenfalls denkbar wäre), so wäre Gehaus in der Tat ein ganzes Stück älter, als es die Geschichte wahrhaben will. In der „Dorfchronik“ schrieb ich unter dem Jahr 825 n. Chr.:

in der Kirchenchronik von Dermbach wird ein GOHUSA genannt – unklar ist, ob es sich um Geisa oder Gehaus handelt. C. E. Bach zitiert in “Im Tullifeld” (auf Seite 14 des Nachdrucks von 1985) das Fränkische Magazin für Statistik aus dem Jahre 1791 des Obermarschkommissär von Sprengseysen aus dessen Aufzählung Tullifeldscher Orte unter “II. In Pago Tullifeld” als 9. von 38 Ortschaften: “Geohusa, Gohusa, Gehauß bey Lengsfeld“, sodass also die Angabe in der Dermbacher Kirchenchronik eher auf Gehaus als auf Geisa zuzutreffen scheint.

Es ist schon merkwürdig, dass die Historie unseres Dorfes ihren Anfang nicht beim Dorf selbst nimmt, sondern bei jenen Siedlungen in der Flur, die bereits existieren, als es unseren Ort urkundlich noch gar nicht gibt [siehe: Siedlungen und Höfe in der Gehauser Flur]
In Lengsfeld hat 1337, wie wir bei Kronfeld lesen können, den Frankensteiner Besitz das Stift Fulda übernommen, das als Lehnsherr Schloss, Stadt und Gericht, ganz oder teilweise und im häufigen Wechsel, seinen dort eingesetzten Amtsleuten oder auch anderen Leuten überlässt.
Es muss damals eine sehr unruhige Zeit gewesen sein. So lösen sich in der Herrschaft die Adligen und Ritter von Pferdsdorf, von Leupold, von. Reckerodt, von. Manebach, von Buteler, von Herbilstat und von Täfta einander ab, bis 1454 der Abt die Hälfte der Stadt, der Burg und des Amtes Lengsfeld an Philipp von Herda verpfändet. Dessen Söhne Raban und Mangold sowie der Enkel Philipp verstehen es, die in der Herrschaft vorhandenen Güter der von Ellen, von Rosenberg, von Buchenau, von Weyhers, von Reckerod und anderer durch Kauf, Tausch, Verpfändung an sich zu bringen und ihrem Besitzstand anzugliedern.
Doch auch klimatisch war diese Zeit eine ungemütliche Zeit. »1313 bis 1319 stellten sich Extremereignisse mit Überschwemmungen ein. 1342 kam es zu einer ungeheuren Hochwasserkatastrophe in Mitteleuropa, verbunden mit einer beträchtlichen Umgestaltung der Kulturlandschaft durch Bodenerosion. Während einer außergewöhnlichen Wetterlage generiert sich aus einem mehrtägigen wolkenbruchartigen Dauerregen eine „Jahrtausendflut“. Der Bodenabtrag auf den Nutzflächen ist gewaltig. Man schätzt, dass auf dieses eine Ereignis die Hälfte des gesamten Bodenverlustes der letzten 2.000 Jahre entfällt. Im Gefolge dieser Entwicklung treten Pestepidemien (zwischen 1347 und 1352) auf – die Bevölkerung ist auf Grund der Mangelversorgung durch die Klimakrise geschwächt und für Seuchen disponiert. Zusammen mit den Opfern der Hungersnöte reduziert sich die Bevölkerung um mehr als 40 Prozent. Mitteleuropa erlebt einen zivilisatorischen Rückfall mit Aberglauben und Hexenverfolgung. « [PDF-Datei: Wolf Dieter Blümel: „20.000 Jahre Klimawandel und Kulturgeschichte – von der Eiszeit in die Gegenwart„, Seite 26].
Immerhin fand ich in den „Heimatglocken für Gehaus“ vom Juli und August 1914 folgenden Artikel:

„Durch die Güte des Herrn Major, Freiherrn von Boyneburg zu Weilar sind dem Pfarrer Friderici daselbst folgende Nachrichten zugekommen: Das jetzige Dorf Gehaus … bestand bis noch zum Anfange des 16. Jahrhunderts aus einem Schafhofe und einigen Bauernhöfen, die Ludwig von Boyneburg, Landhofmeister und Statthalter von Hessen, der das Amt und die Stadt Lengsfeld teils erheiratet. Teils erkauft hatte, von Albrecht von Reeserod im Jahr 1506 sich erwarb. In einem Zeugnis vom Jahre 1451, Montag nach Mathias, werden schon Einwohner von Gehusen, als Haus Bone und Haus Ertebach genannt. Dieses, wie auch, daß obengenannter Ludwig von Boyneburg und seine Söhne den Wald darauf ausgerottet, Ansiedler dahin gezogen, denselben Land zum Bestellen gegeben haben, die Kirche und das Pfarrhaus erbauten und dieselbe dotierten, daß ein Pfarrer diese Stelle versehen konnte, findet sich die Nachricht im Archive zu Weilar.
Die Dotierung (d.h. Besoldung bestand damals aus 10 Acker Land, 6 Acker Wiese zu 4 Fudern Heu und jährlich 10 Malter Korn und 6 Maltern Hafer nebst dem benötigten Brandholze. Die Dorfeinwohner mußten von ihren erhaltenen Äckern jährlich 5 Malter 2 Malter Korn und 4 Maltern Hafer geben und das Pfarrgut unentgeltlich bestellen.
Da damals das aufgehobene Kloster Mariengarten, welches Ludwig von Boyneburg von dem Abt von Hersfeld erkauft hatte, nach Gehaus gepfarrt wurde, so hatte Ludwig die Pfarrei mit 2 Malter Korn und 1 ½ Malter Hafer bedacht, die Reisigmühle mit 5 Maß Korn und 5 Maß Hafer. Als aber später diese Besitzungen an Johann Friedrich von Buttlar durch Heirat kamen, der daselbst eine Kirche baute und eine katholische Capellanei stiftete (die später, als es an Hessen verkauft wurde, auch wieder einging), hörte diese Einnahme des Pfarrhauses zu Gehaus auf.“

Das Dokument, worauf sich bzgl. 1451 Vikar W. Floß hier beruft, ist leider nicht aufgefunden worden.


Bücher und DVD über Geschichte, Landschaft und Kultur der Rhön und Thüringens
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