Die Schöneburg

 (550 m)

In dem Gebirgssattel der Nordrhön, welcher zwischen dem Beyer (heute Baier; s. Heft II. S. 119 und 123) und der von ihm südöstlich bis 687 m sich erhebenden „Hessenkuppe“ liegt, hatte nicht nur der „Häylsknecht im Ernberger Grenzhause, sondern auch der Forstknecht“ sich wohnlich (s. Heft I. S. 42) festgesetzt, um von da aus alle mögliche Verkehrs- und Waldpolizei ausüben zu können. Die unbeschränkte Oberaufsicht in diesem tullifeldischen Passe (oberhalb Oberalb’) maßten sich aber wohl zunächst die Herren der Schöneburg um so eifriger an, als die Landes- und Ritterschaftsgrenze dieses Bezirks ein starker Verkehr belebte.

In der n. S. 18 im Jahre 1619 vorgenommenen „Grentzbereitung“ ist ganz genau die damalige Grenzlinie am Ernberge (jetzt Emberg) festgestellt: „Zu ende des Geisergeholtzes, da es die Sachsenburg genannt wirdt, stehet ein groser stein, welcher die Geiser und Oechßner mit ihrem gehöltz scheidet, alda sahen sich wiederumb die Grentzstein an, welche außerhalb des Fischbergischen Häyls am Oechßner gehöltz hinunter gesetzt, gehen an das Grentzhaus den Ernberg, an die Oberälber Acker . . . . Von anfang des ersten steins (wo sich das Geisergehöltz endet) bis an den Ernberg sind 21 grentzstein und 6 Hegeseulen zu finden, Ist auch zum Theil bis gar an das Ernhaus undt an den schlag ein stück graben ufgeworfen. [NB. dies grentz- und Forsthaus ist in den Kriegswesen gantz eingegangen, stehet nur das Unterstockwerg]. Darbey zu wißen, das dieses Ernberger Grentzhaus dem Ambt Fischbergk alleinzustehet, ist mit einem zwiefachen Schlag und aufgeworfenen graben versehen und findt die Dorfschaften des Ambt Fischbergk schuldig Dieses Haus, auf ihren Unkosten in beulichen wesen, ohne einig Zuthun der Herrschaft zu erhalten, Was aber an gehöltz dazu bedürftig, wird aus des Ambtsgehöltzen ohne bezahlung darzugegeben. Förder vom Ernberge-Haus nachem Beyer zu ist anfangs nicht verseulet oder versteinet, sondern ein Duppelausgeworfener graben, grentzet hierorts noch mit den Oechßnern, so ins Amt Fach gehörig, und dann fort an der Fachischen oder Hirsch- (Hers-) feldischen Grentze.“

Die Schöneburg stand nahe an der südöstlichen altkurhessischen, später Königlich westfälischen Grenze, welche noch heute durch einige am Waldessaum findbare graue, mit „Kurhessens Löwen“ gezeichnete meterhohe Steinpfeiler markiert ist. Aus dem nördlich gegenüber, als westlicher Beyer-Sockel vorspringenden „Oechsener-Schorn“[1] muß die kleine Bergveste, zumal im Strahl der Abendsonne und an dem grünen Buchenhain einen wirklich schönen Anblick gewährt und durch solchen Reiz den Namen „Schöneburg“ verdient haben! Wer dereinst dem ,,Schorn« durch ihren Aufbau diese Zierde geliehen hat, wer als Edelherrschaft sie unbestimmte Zeit hindurch bewohnte, wie auch, ob Raubritter ihre Verstecke darin hatten und so des Kaisers oder des anwohnenden Volkes Strafgericht über den Herrensitz herbeiführten, oder ob Feindschaft und Rache mächtigerer Nachbarschaft, vielleicht auch ein allgemeiner Krieg die Schöneburg überfiel und dann der Zahn der Zeit sie vollends zernagte, – das giebt uns weder Chronik noch Sage zuverlässig an![2] Der längst zerteilte Grund und Boden der ehemaligen Burg gehört zu dem, an ihrem nördlichen Fuße gelegenen Pfarrdorfe Oechsen (dialektisch „Oesse“). Ein sehr geringer Ueberrest von Hausgrundmauer und einem Keller liegt im Gebüsche, Steingerölle nach Westen hin. Im Süden und Osten versperren die höheren, bewaldeten Berge jegliche Uebersicht, außerdem aber gewährt das kleine Schöneburger Panorama malerische Partieen; nordwärts reicht links, am Oechsenberg vorüber, der Blick bis in den Heringer-Frauenseer Forst. Zwischen der Schorn- oder Schöneburg und dem nördlichen Aufstiege zur „Röderburg“ oder Hessenkuppe (vor welcher letztern bis anfangs unsers Jahrhunderts ein eingefriedetes Waldgehöfte, „die Birke“ oder das Birkenhaus, anzutreffen war) führte dereinst eine sehr wichtige Verkehrsstraße, nämlich der (Heft I. S. 42) erwähnte Hähl- und Landes-Grenzweg -, kein Rennweg! – hindurch. In der Richtung der jetzigen Dermbach- Geisaer Chaussee vom Emberg herab, durchs enge Gründchen links weg über Lenders und Bremen, später über Zollhof-Geblar gings nach dem Amte Geisa, rechts ab aber am Fuß der Schöneburg hinunter durch Dorf Oechsen in die Gerichte Völkershausen und Vacha.[3] — Da gab’s wohl auch zur Vorzeit gute Gelegenheit, Wallfahrern und Fürstlichkeiten sicheres Geleit zu bieten, Kauf- und Handelsleuten aber vielleicht auch Angst und Schrecken einzujagen, Ein- und Durchgangszölle abzuzwacken und allerlei Jagden obzuliegen. Nicht nur der geweihte Bilstein mit dem „Schwarzenborn“ (I. S. 48.) zog fromme Gemüter in die Nähe der Schöneburg, sondern diese selbst wurde jedenfalls auch von den Brüdern des nahen Klosters Mariengarten gern aufgesucht.

Thaleinwärts, wenige Minuten unterhalb des eigentlichen Dorfes Oechsen stehen im Wiesenplan noch 5 bis 6 Häuser, die zusammen das Niederöchsen ausmachen. Im Jahre 1404 schon wurde eine Verpfändungsurkunde überdiese Colonie ausgestellt; es heißt in diesem, in dem „Henneberg. Urkundenbuch“ angeführten Schriftstück:

Ich, Tyle von Benhusen rittir, Andreas inde Hans, myne sone (Söhne) nnd alle unse erben Bekennen . . . , unse moln (Mühle), hofestad (Hofstätte) unde erbe (Erbliches) gelegen czu Nydern-Ochsen mit allem nucze nnde rechte . . . vor achte schog (8 mal 60) groschin . . . czu versetzin dem Gerlach Loner czu Nydern-Ochsen u. s. w.

Waren vielleicht die Edlen von Benshausen (bei Schwarza-Suhl) oder die von Bernshausen (am Schönsee vor der Stoffelskuppe) auch zugleich Grundherren der damaligen Schöneburg? Die Mühle von Niederöchsen, jetzt Eselsmühle[4] genannt, wäre dann jedenfalls die Benhusische, also die Edels– oder Adelsmühle gewesen. Sie unterschied sich durch letzte Benennung von der Dorf- und Thalmühle, die von ihr oberhalb, und zugleich von der Heiligen- (d. i. Kloster-) und Ries- oder Reismühle, die beide unterhalb, alle im obersten Oechsegründchen, von einander nur wenige Minuten entfernt jetzt noch liegen. – Im Besitze der Schöneburg können sich in längst verflossener Zeit wohl auch die von Bilstein oder von Schorn, dann die von Hossfeld und die von Boyneburg[5] befunden haben. (Der nun verstorbene Pfarrer Fischer von Oechsen hat mir erzählt, daß im dortigen ältesten Kirchbuche ein Edelfräulein namens Anna von Bilstein als Taufpatin eingetragen gewesen sei. – Ob Herren von Schorn vor- oder nachher in dortiger Gegend anfässig waren, ist fraglicher – Vor etwa 50 Jahren habe ich in dem unterm Oechsener Kirchturm noch bemerkbaren ehemaligen Altarraum, beim Auftritt zur Chortreppe, eine mit Wappen und Schrift bemeißelte Grabfteinplatte liegen gesehen, die den deutlichen Namen Hossfeld noch erkennen ließ.)

Wer? — Sklave oder Freier,
Im Ring des mächt’gen „Beyer“
Kann es verschuldet haben,
Daß längst still, wie begraben
Verhüllt in dichtsten Schleier,
Sie ruh’n – die Ueberreste
Von Ernbergs kleiner Veste?

Ob wohl „Benhusen’s Söhne“,
(Begütert an der Rhöne,)
Auf deren Spur wir lenkten,
Pfandweise auch verschenkten
Die Tullifelder „Schöne
Den Erben „Gerlachs Loner“,
Und das war’n keine Schoner? –

Ob „Boyneburg’s, Hoßfelde“,
Im Schornkreis hochgestellte
Freiherrn aus alten Tagen,
Die Burg selbst hab’n zerschlagen,
Daß Alles ganz zerschellte,
Und -, da sie’s doch gerühret,
Das „Fräulein“ d’raus entführet? –

Ob Einer der’ „von Schorne“
Dort warb am Bilstenborne
Um „Anna vom Bilsteine“,
Die Freiin fromm und feine –
Und sie im heil’gen Zorne
(Weil seine Glut sie kränkte,)
Sich selbst am Brunn’ ertränkte? –

Es sei’ nun, wie ihm wolle,
Und niemand darum grolle! –
Am „Schönsee“ (nach der Sage)
Hört’ man anch schaur’ge Klage:
Grundlos sei er, es solle
Ein Schloß d’rin sein versunken,
D’rum seufzten dort die Unken!! –


aus
C. E. Bach
„Im Tullifeld“
Eine historisch-landschaftliche Umschau in engerer Heimat
– der Vorderrhön –


[1] Eine waldfreie Höhe nördl. von diesem, unmittelbar hinter dem gräfl. Schloßgarten von Gehaus, heißt der Gehauser Schorn; nur 453 m.

[2] Auch die Dermbacher, in neuerer Zeit erst angelegte Pfarr-Chronik bemerkt nur dazu: „Ueber Oechsen die Schöneburg, altes Schloß, von Erpho von Nithardishusen um 1214 gegründet, zeigt noch Mauerreste.“

[3] Welch’ starke Militärzüge, mit schweren Geschützen, konnte ich dort 1849 von preußischer Landwehr zum Marsche nach Baden, und dann 1850 andere Regimenter von Preußen her gegen die für Kurhessen mobil gewordenen Oesterreicher und Bayern zur „Schlacht von Bronzell“ (S. 104 Schneiders- Rhönführer) vom Oechsener Schulhause aus vorüberziehen sehen!

[4] Mit der Bezeichnung „Esels“ war eigentlich gar nichts Besonderes ausgedrückt, denn von Alters her bis zur Mitte unsers Jahrhunderts wurde in jeder der fünf genannten Oechsenmühlen mindestens ein tüchtiger Esel behufs Bei- und Rücklieferung des Mahlguts gehalten, somit auch in der „Benhusischen Moln“.

[5] Mir ist erinnerlich, daß auf Esels- und Thalmühle wie auch auf andere Grundbesitzungen manche Oechsener Nachbarn Erb- und Lehnzinsen an die von Boynebnrg bis vor wenige Jahrzehnte zu leisten hatten.


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Ein Kommentar

  • Jürgen Wiegand

    Hallo,

    einer meiner Vorfahren muss mal der Pächter der Thalmühle gewesen sein. Es handelt sich um:

    Wiegand, Friedrich, T(h)almüller, * Stadtlengsfeld ?
    Berufsstand: Thalmüller
    oo Oechsen 11.5.1828 Friederika Xylander

    Sein Vater war:

    Wiegand, Conrad Johann, * um 1769, + Stadtlengsfeld 11.2.1828
    Der Pachter des Rothenhaus und Mitnachbar zu Oechsen.
    oo I. Stadtlengsfeld 10.02.1805 Charlotte Vogel
    oo II. Anna Fischer

    Gruß aus Nordhessen
    Jürgen Wiegand

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