He drusse hoan ich alles

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Die Wildnis am Baier

Der Gesang der Lerche

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Die Wildnis am Baier

He drusse hoan ich alles,
boss mei manchmoal so fählt
He drusse feel ich doas
boaß me kenn so verzählt
he drusse bin ich gänn
fier mich allei…

so singen die Grasmücken, eine Rhöner Band, in ihrer „Morgenandacht“. Davon wäre nun zu erzählen: von den Augenblicken des Träumens in zweifacher Hinsicht – dem Träumen der Kindes und meinem heutigen Schwärmen von diesen Tagen und wieder wird es schwer werden zu beurteilen, was Wirklichkeit und was Illusion ist, heute oder damals.
Christian, frierend, bei unserem Ausflug auf den BaierGehen wir also wieder auf unsere Wiese unterm Baier, du kennst den Weg nicht mehr? Noch mal also zeige ich dich auf dem Weg dorthin, versuchen wir uns beide zu erinnern.


 

Der Gesang der Lerche

In den Sommerferien, nach der Grummetmahd, trieben wir unsere Kühe zum Hüten auf diese Wiesen unterm Baier, nicht bloß nur auf unserem Flurstück durften nun die Kühe weiden. Nach der zweiten Mahd war ihre Beweidung für jeden Bauern erlaubt. Sie wurden gewissermaßen eine Allmendewiese, das ist eine Gemeindewiese, auf der alle Gemeindemitglieder ihre Nutztiere weiden lassen können.
Wir trieben die Kuhherde nach dem Frühstück die Trift hoch und kamen erst zum Abend-Melken wieder nach Hause. Dazwischen war überreichlich Zeit unserer Lust auf Abenteuer zu frönen. Auf unserem Flurstück am Baier gab es ein kleines Wäldchen, eigentlich eine eingezäunte Koppel, mit vielen Sträuchern, Wildkirschenbäumen und zwei kunterbunt bewachsenen Steinrücken, eine geheimnisvolle Wildnis für uns Kinder – voller Hecken und Sträucher, süße Erd-, Brom- und Himbeeren wuchsen dort, man konnte auch Heidelbeeren finden. Die schwarzen süßen Kirschen auf den Bäumen waren nur für gute Kletterer erreichbar, ein langer, fast nackter Stamm mit einer Krone, deren Zweige voll würziger Kirschen hingen. Zum Glück wuchs auf der Wiese von Jostheines ein Kirschbaum, dessen unter der Kirschenlast herunterhängende Äste selbst für mich Zwerg erreichbar waren und den wir daher regelmäßig plünderten.
Auf den warmen, dunklen Basaltsteinen dösten Eidechsen und Blindschleichen reglos in der Sonne, nur an ihren wach blinzelnden Augen erkannten wir, dass sie lebten. Wie ein Blitz jedoch verschwanden sie unter den Steinen, wenn man sich nicht behutsam genug näherte. Bussarde kreisten bedächtig am Himmel, um sich plötzlich wie ein Pfeil nach unten zu stürzen, einen kurzen Moment nur brauchten sie, um mit einer Maus in ihren Fängen wieder in den Himmel zu steigen.
Langeweile plagte uns selbst bei kurzen Regenschauern nicht, sitzend unter der Zeltplane wurde es erst richtig dramatisch, wenn der Regen auf der Zeltplane trommelte, es blitze und donnerte. Man konnte sich eine Menge an Gefahren ausdenken und auch, wie man ihnen als Held begegnet … Selbst Bücher schleppten wir mit – spannende Abenteuerhefte und -romane vor allem.
Über den Wiesen hing an heißen Tagen noch immer ein betäubender Grummetgeruch. Am liebsten zog ich als größerer Junge alleine mit dem Vieh los. Nicht nur, um mich meines Mutes zu versichern, – ich träumte gerne alleine. Auf der Wiese liegen, wohlig losgelöst sein von allem Beschwerenden, in mich versunken den Lerchen lauschend, ihrem Zwitschern und Flattern in die Unendlichkeit des Himmels folgend. Immer höher hinauf stiegen sie in das Blau des Himmels. Ihr Lied jubelnd verloren sie sich schließlich im Endlosen, der Blick vermochte sie kaum mehr einzufangen – und ich folgte ihnen träumend in die Unendlichkeit. Sehnsucht nach der weiten Welt bemächtigte sich meiner, nach entfernten, unbekannten Ländern. Ein Gefühl, dass mich auch heute noch zuweilen packt. Auch beklemmend war der Rausch des scheinbar Grenzenlosen, die neugierige Bangigkeit darüber, was sich wohl verberge in diesen unendlichen Weiten und immer auf neue verzaubert es mich, sich einfach in die Welt fallen zu lassen, ohne zu wissen was sein wird.
Ich sehe noch heute meinen großen Bruder mit Tränen in den Augen, als ich das erste Mal für lange Zeit meine Familie und Gehaus verließ. Er hatte mich bis Eisenach zum Zug nach Greifswald gebracht, ich saß nun voll freudiger, abenteuerlicher Erwartung im Zug, durch das Fenster sah ich, wie er offensichtlich in dem mitleidigen Gefühl ertrank, dass ich sicherlich schon Heimweh haben müsse. Und nun fühlte mich etwas schuldig, weil ich nur unbändige Lust auf das Neue und heimlich Erträumte in mir verspürte.
Doch auch die unheimliche, beängstigende Seite der Ewigkeit spürte ich als Kind regelmäßig im Dunkel des Schlafzimmers. Kaum lag ich im Bett und das Licht wurde gelöscht, begannen die Wände in unaufhaltsamem Lauf in die Ferne zu rasen und ich sah mich allen irrationalen Ängsten meiner Kinderwelt schutzlos ausgeliefert. Schließlich mussten meine Eltern einsehen, dass das Licht nicht gelöscht werden konnte, bis ich eingeschlafen war…
Doch reden wir lieber wieder von den Träumereien auf der Wiese, die mich die klassische Musik lieben lernten, später in der Oberschule. Während des Musikunterrichtes in Vacha hörten wir Beethovens Violinkonzert, der Musiklehrer Hauk hatte eigens seinen privaten Plattenspieler mitgebracht. Wieder war es ein warmer, blauer Sommertag, alle Fenster der Aula waren geöffnet, der Duft frischen Heues lag in der Luft, mysteriösen leisen Paukenschläge folgte eine Melodie, die mich augenblicklich in die Stimmung auf der Baierwiese versetzte und in der Durchführung trillerte die Violine ganz wie damals die Lerchen in der fernen Bläue des Himmels, wie aus einer anderen Welt:

„Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.“ (Victor Hugo).

Das stete Wechseln der Klangmuster zwischen Versprechen und Enttäuschung, zwischen Begehren und Erfüllung, ist es nicht Abbild unserer Sehnsüchte und Gefühle? Musik erklärt nicht, aber sie gibt den innigsten Gefühlen Ordnung und Ausdruck, sie ist ihre ureigenste Sprache. Erst wenn wir nicht mehr fühlen können, erlischt die Musik in uns:

„Der arme, aber tüchtige Musikant Waldsachs aus dem Schlegelbachsgrund stieg einmal nach dem Maientanz in der Dorfschenke zu Oechsen mit zwei Kameraden zur Burgruine Schöneburg hinauf. Sie wussten, dass sich gerade in den ersten lauen Nächten des Jahres gern das weiße Fräulein zeigt. Schon manches Mal hatte es junge Menschen, die das Herz auf dem rechten Fleck tragen, reich mit Geld und Gut beschenkt. Aber je näher die drei Spielleute den alten Mauern kamen, desto mehr sank der Mut der beiden Kameraden von Waldsachs. Schließlich blieben sie sogar zurück und wandten sich voller Furcht wieder zum Dorf. Waldsachs aber ging unerschrocken weiter. Als er in den Burghof einbog, blieb er geblendet stehen: Mehr als tausend Kerzen leuchteten den Burgleuten, die in altertümlichen Trachten an langen Tafeln saßen, zum Festmahl. Der Musikant fasste sich ein Herz und ließ seine Geige munter erklingen. Da nickten ihm die Leute freundlich zu, fassten sich an den Händen, und alle begannen im Burghof zu tanzen.
Nach dem Tanz trat mitten aus der Schar das weiße Fräulein hervor und reichte dem Geiger einen goldenen Becher mit funkelndem Wein. Dabei schaute sie ihn mit so bezauberndem Lächeln an, dass der Bursche davon ganz verwirrt wurde. Sich höflich verneigend, trank Waldsachs den Becher bis zum letzten Tropfen leer. O wie wurde ihm so leicht und froh zumute! Es überfiel ihn ein Gefühl, als müsse er sich gleich der Lerche in die Lüfte emporschwingen. Sein Geist folgte jenem Gesang in die unendlichen Weiten des Himmels, doch seine Glieder wurden ihm schwer, so dass er sich ermattet hinstreckte. Im grünen Moos zwischen den alten Steinen erwachte Waldsachs. Es war heller Tag. Er glaubte, geträumt zu haben. Da erblickte er den goldenen Becher neben sich und wusste, es war nicht nur Traum. Der Musikant war von Stund an wie verwandelt: Einmal war ihm ganz leicht und froh ums Herz, dann wiederum erfasste ihn das tiefe Weh der unerfüllten Sehnsucht nach dem weißen Fräulein. So trieb es ihn hinaus in die Ferne. Ruhelos wanderte er umher und spielte den Menschen von jenem Freud und Leid auf seiner Geige, auf dass alle von einer ganz unerklärlichen Sehnsucht ergriffen zuhörten. Aber die Sehnsucht wurde er nicht los, ja sie schien sich zu vermehren und verzehrte ihn immer mehr. Nur noch ein einziges Mal wollte er das weiße Fräulein sehen dürfen! So kehrte Waldsachs schließlich zur Burg zurück und legte sich zum Schlummer in den Burghof. Da zeigte sich ihm auch das weiße Fräulein, strich ihm mit zarter Hand über das Haar und lächelte ihn an, als wollte es sa­gen: »Bist du endlich zurückgekehrt, armer, müder Geselle mit deinem kranken Herzen. Nun bleib bei mir und ruh dich aus. «
Dann ging das Fräulein langsam den Berg hinab. Waldsachs aber hatte nun seine Ruhe gefunden. Man fand ihn am Morgen – er war für immer eingeschlafen.“

Wenn du möchtest, dann kannst du den fast schon außerirdischen Gesang der Geige in der Durchführung des 1.Satzes des Violinkonzertes von L. v. Beethoven anhören. Ich konnte es nicht lassen, die echte Lerche beginnt das Lied und gibt, allmählich verstummend, die Stimme an die Geige ab.
Hörst du die Lerche in den Himmel steigen? Man fühlt es: alles was uns umgibt ist Klang, schwingt – nichts scheint wirklich.
Jetzt bin ich alter Zausel fast mystisch geworden und wollte doch nur aus der Rhön erzählen. Hattest du solange Geduld mit mir, dann folge mir nun auch noch in die Fischbach.


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