Der Rhöner Bauer im Mittelalter

Inhalt

Quellen:

  • Lemke, Dietrich: „Geschichte in der Thüringischen Rhön“ ISBN 3-00-007057-5
  • Morgenroth, Volker: „Geologische Exkursionen in der thüringischen Rhön“ in „Die Rhön im Herzen Deutschlands“ Verlag Parzeller, ISBN 3-7900-0219-4
  • Boockmann, Hartmuth: „Einführung in die Geschichte des Mittelalters“ C. H. Beck, ISBN 3-406-36677-5
  • Hesselmann, Gerda: „Aus der Geschichte unserer Heimat – Empfertshausen und Umgebung. – 1.Teil: Bis Ende des Dreißigjährigen Krieges.“ Broschüre
  • Benzien, Ulrich: „Bauernarbeit im Feudalismus. Landwirtschaftliche Arbeitsgeräte und -verfahren in Deutschland von der Mitte des ersten Jahrtausends unserer Zeit bis um 1800“, ISBN 3-289-00468-6
  • Modellpflüge – Eine Sammlung des Deutschen Historischen Museums, Berlin – PDF-Datei 600KB zum Download
  • Schlette, Friedrich: „Germanen zwischen Thorsberg und Ravenna“ Urania-Verlag Leipzig-Jena-Berlin
  • Behringer, Wolfgang: „Kulturgeschichte des Klimas – Von der Eiszeit bis zur globalen Erwärmung“, C. H. Beck, ISBN 978-3-40-652866-8
  • Reichholf, Josef H.: „Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends“, S. Fischer Verlag GmbH, ISBN 978-3-10-06294-5
Entstehung des Bauernstandes

In grauer Vorzeit, als es noch die Stämme der Chatten, Langobarden, Hermunduren, Markomannen, Quaden, Semnonen, Angeln und Warnen gab – der einende Name „Germane“ nur eine Kennzeichnung der Römer zur Einteilung in unterworfene und freie Völker war – gab es den Bauernstand noch nicht, ebenso wenig eine feudale Abhängigkeit.
Es gab eine Siedlungsgemeinschaft, zunächst meist eine verwandte Sippe, die den Boden gemeinsam bearbeitete und das Vieh gemeinsam hütete. Man pflügte kreuzweise mit dem Hakenpflug, der den Boden nur aufriss. Mit der Zeit lernte man den Boden besser zu nutzen. Ein wechselseitig sich beeinflussender Prozess setzte ein: die Bevölkerungszahl nahm zu, das Land wurde knapper und erforderte höhere Erträge durch bessere Bodenbearbeitung, indem man statt des leichten Hakenpfluges, mit dem der Boden nur geritzt wurde, schwerere, schollenbrechende Pflüge zu benutzen lernt [sh. Literatur 6. „Modellpflüge“]. Plinius [Nat. hist. 18] berichtet aus dem 1. Jh. u. Z. von einem Wendepflug mit Vorschneidmesser, Streichbrett und Radvorgestell in Rätien. Das wiederum führte in Rückkopplung zu weiterem Bevölkerungswachstum und erhöhte andererseits den Zeitaufwand für die Feldarbeit. Es wurde schwieriger, Kriegsdienst zu leisten – weil die Zeit dafür fehlte.
Bei dem damaligen Stand der Feldbearbeitung waren den Böden nach 3 bis 5 Jahren so weit die Nährstoffe entzogen, dass sich ein Anbau nicht mehr lohnte. Inwieweit eine Düngung mit Mergel, Kalk oder tierischen Exkrementen erfolgte, lässt sich heute schwer sagen. Plinius berichtet von Mergeldüngung allein bei den am Rhein wohnenden Ubiern (Nat. hist. 17), die diese Sitte von den Galliern übernommen hätten. Auf Ackerflächen an der Nordseeküste gibt es Hinweise auf Düngung mit kalkreichen maritimen Ablagerungen bzw. Stallmist. Allgemein dürfte aber eine Düngung des Bodens von den Germanen noch nicht angewandt worden sein. Die bebauten Flächen mussten also nach einigen Jahren aufgegeben werden (auch die Düngung verlängerte diesen Termin nur um einige Jahre) und wurden Brache. Natürlicher Bewuchs, Viehauftrieb und Nichtbepflanzung ließen den Boden sich regenerieren, so dass er nach 10 bis 15 Jahren erneut bebaut werden konnte. Da ein Hochwald inzwischen noch nicht entstanden war und das weidende Vieh einen stärkeren Bewuchs verhinderte, war keine allzu arbeitsaufwendige Rodung notwendig. Dieser Wechsel von Acker und Brache wird auch von Tacitus (Germania 26) erwähnt. Wir bezeichnen diese Wirtschaftsform als «wilde Feldgraswirtschaft». In Nordwestdeutschland hat man wohl damals schon die so genannte Plaggenwirtschaft ausgeübt, d. h., man pflügte Gras- oder Heidekrautplaggen zur Verbesserung des Bodens ein.
Man hat abgeschätzt, was der Boden denn mit den damaligen Bearbeitungsmethoden an Erträgen lieferte und kam auf 2 bis 3 dt Getreide pro 1 ha. Die mittelalterliche Dreifelderwirtschaft (s. u.) erbrachte demgegenüber etwa 5 dt pro ha. Rechnet man bei einem Erwachsenen mit einem jährlichen Verbrauch von 1 bis 1,5 dt, so konnte 1 ha zwei Erwachsene ernähren.
Die Bearbeitung eines Hektars mit dem Pflug hingegen dauerte 8 bis 9 Arbeitstage. Berücksichtigt man die durchschnittliche Dauer einer Feldbestellperiode (6 Wochen), die immer notwendige Bearbeitung der Brache und die Ernte mit der Sichel (1 ha in 10 Tagen), dann konnten 2 bis 3 Arbeitskräfte jährlich 3 ha Acker bestellen und abernten, um damit 6 Erwachsene und einige Kinder mit der pflanzlichen Grundnahrung zu versorgen. So war etwa die Hälfte oder in günstigen Fällen ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung mit dem Acker beschäftigt. Die Viehwirtschaft war schon alleine deshalb damals wesentlich effektiver.
Die Siedlungsdichte und die Effektivität der Bodennutzung waren noch so gering, dass eine solch uneffektive Nutzung des Bodens zulässig war. Selbst ein Verlegen der Siedlung nach dem Auslaugen des Bodens war möglich. Es ist ja genug Land vorhanden und die primitive Bauweise der Häuser waren dem Neuaufbau einer Siedlung auch kaum hinderlich. Infolgedessen gab es keinen Privatbesitz an Boden, er gehörte der Siedlungsgemeinschaft, die vorübergehende Bearbeitungsrechte auf einzelne Familien aufteilte. Die Viehzucht dominiert fast immer über die Bodenbebauung, Weiden werden gemeinsam benutzt, Schweine z.B. als gemeinsame Herde im Wald gehütet. Noch Cäsar berichtete, dass der Boden jährlich neu unter die Sippen verteilt wurde. Aber schon 150 Jahre später berichtet Tacitus, dass der Acker je nach „Würde“ verteilt wurde.
Kriegs- oder Beutezüge erstreckten sich weder auf große Entfernungen noch über lange Zeiträume. Ein gesonderter Kriegerstand war somit nicht notwendig, meist waren die jungen Burschen für solch mäßig aufwändige Expeditionen abkömmlich.
Im Gefolge der Bevölkerungszunahme rückten Siedlungen näher zusammen, es wurden Absprachen und Kompromisse mit Nachbarsiedlungen notwendig, um unsinnige Konflikte um die Landnutzung zu vermeiden. Ein höherer Organisationsgrad wurde notwendig, es bedurfte nun Autoritäten, die eine Ansiedlung gegenüber der anderen vertreten konnte. Der Boden, der nun seine Erträge entsprechend der Kunst des Bearbeiters spendete und nicht mehr beliebig neu gerodet werden konnte – es sei denn durch Kriegszüge wurde neues Land kolonialisiert – ging allmählich in den Besitz des Bearbeitenden über.
Kriege wurden nun von einem größeren Siedlungsverbund, einem „Stammesvolk“, gegen andere Völker geführt, das hatte zur Folge, sie führten die Kämpfer weiter weg und sie dauerten länger. Einer der säen und ernten will, kann sich keinen Kriegszug leisten. Auch der Kriegsdienst erforderte zunehmend eine bessere Waffenausrüstung, ein Pferd eventuell, die Kosten für eine Kriegsausrüstung erhöhen sich. Dieser Stand der Kriegstechnik war etwa im 6. Jh., zur Zeit der Merowinger, spätestens aber zur Zeit Karls des Großen im 8. Jh., erreicht. Ein zunehmender Teil von Kriegern konnte zu den Kosten, die er für die Waffen und das Kriegspferd aufzubringen hatte, nicht mehr leisten, noch den notwendigen Zeitaufwand abzweigen. Kriege unter Karl dem Großen zogen sich meist über eine ganze Sommersaison hin und führten über hunderte Kilometer weg von zu Hause!

„Ein Teil der bisher Freien hat sich diesen veränderten Anforderungen offensichtlich dadurch entzogen, dass sie ihren Rechtsstatus aufgaben und sich einem Herrn unterstellten, einem Adligen oder auch einer Kirche: einem Bischof oder einem Kloster. Sie erhielten von ihrem neuen Herrn ihren Besitz dann zur Bewirtschaftung zurück und mussten ihm Abgaben und Dienste leisten. Aus dem Freien wurde damit zwar kein servus, kein Unfreier im antiken und frühmittelalterlichen Sinne, kein Rechtloser also, über den sein Herr nach Belieben verfügen konnte, sondern eine Person mit eingeschränktem Rechtsstatus, ein Höriger, wie man mit einem spätmittelalterlichen Wort sagt. Dieses Wort Höriger ist nur eines von vielen, mit denen im Mittelalter der Status des nicht freien, sondern unter einem Grundherrn lebenden Bauern bezeichnet wird.
Spätestens seit dem 11. Jahrhundert stellen solche grundherrlichen Bauern die Masse der ländlichen Bevölkerung dar. Man kann nun, anders als im frühen Mittelalter, tatsächlich von Bauern sprechen, und zwar nicht nur, weil die Quellen jetzt von rustici und geburen reden, sondern vor allem deshalb, weil jetzt anders produziert wird als im frühen Mittelalter, weil nun Landwirtschaft vor allem Ackerbau ist, intensiverer Ackerbau auf dauernd bewirtschafteten Flächen, betrieben von festen Gehöften aus, die zu ständigen Siedlungen, zu Dörfern zusammengefasst sind.
Die rechtliche, soziale und auch wirtschaftliche Ordnung, in welcher diese Bauern leben, wird mit dem modernen Wort Grundherrschaft bezeichnet, mit einem Wort, das zwar eine Vielzahl regionaler und zeitlicher Unterschiede verdeckt, das aber dennoch sinnvoll ist, weil es einen Sachverhalt meint, der tatsächlich für die Masse der hoch- und spätmittelalterlichen Bauern zutrifft.
Das Wort Grundherrschaft meint, dass diese Bauern nicht nur deshalb Abgaben und Dienstleistungen an ihren Grundherrn erbringen, weil sie nicht die Eigentümer ihres Bodens sind. Wäre es nur so, dann könnten wir sie als Pächter bezeichnen.
Die grundherrlichen Bauern sind aber nicht nur im Hinblick auf den von ihnen bewirtschafteten Boden vom Grundherrn abhängig, sie unterstehen dem Grundherrn und sind ihm zu Diensten und Abgaben auch insofern verpflichtet, als er im Bereich seiner Grundherrschaft Funktionen ausübt, die wir heute staatliche Funktionen nennen würden. Der Grundherr sorgt für den Frieden in seiner Grundherrschaft, d.h. er sorgt für den geregelten Ausgleich von Konflikten unter den von ihm Abhängigen, er ist ihr Richter, und er sorgt für Schutz vor auswärtigen Angriffen, er führt Waffen.
Oder, mit einem Ausdruck aus der Kirchenverfassung gesagt: die Grundherrschaft ist eine Art von Immunität, d.h. ein Bezirk, in welchem der Herrscher, der König oder der Herzog, keine Gewalt ausübt, ein Bereich, in welchem die herrscherlichen Funktionen vom Grundherrn wahrgenommen werden, der deshalb auch die entsprechenden Abgaben und Dienstleistungen empfängt. Der Grundherr ist nicht nur Herr über Grund und Boden, sondern auch über die diesen bewirtschaftenden Menschen. Grundherrschaft ist „Herrschaft über Land und Leute“.
Die Frage, wie es zu dieser grundherrschaftlichen Ordnung mit adligen bzw. geistlichen Grundherren auf der einen Seite und abhängigen Bauern auf der anderen Seite gekommen ist, ist strittig.
Die frühere Meinung, dass aus freien Bauern bzw. aus Gemeinfreien durch teils freiwilligen, teils gewaltsamen Freiheitsverlust unfreie Bauern geworden seien, ist als generelle Antwort schon deshalb nicht richtig, weil sie nur eine Rechtsveränderung beschreibt, während der tatsächliche Wandlungsprozess umfassender gewesen ist. Aber auch im Hinblick auf die Veränderung des Rechtsstatus kann diese Meinung nicht richtig sein, weil sie davon ausgeht, dass ursprünglich die Masse der Bevölkerung aus Freien bestanden habe.
In Polemik gegen diese ältere Auffassung ist in den letzten Jahrzehnten wiederholt gesagt worden, dass schon im frühesten Mittelalter von Freiheit der Bevölkerung nicht die Rede sein könne, dass es die Gemeinfreien als überwiegende Mehrheit der Bevölkerung nie gegeben habe, dass vielmehr bäuerliche Freiheit, wo sie auftauche, keinen Rest der alten Freiheit darstelle, sondern jüngeren Ursprungs sei. Die freien Bauern, die es im Mittelalter – wenn auch nur im Ausnahmefall – gibt, seien Nachfahren von Leuten, die ihre besondere Stellung dem König oder anderen Machthabern verdankten, welche sie für besondere Aufgaben einsetzten und deshalb begünstigten: zur Rodung von unbesiedeltem Land vor allem, als Militärsiedler zum Schutz von gefährdeten Gebieten. Freie Bauern im Mittelalter sind dieser, freilich bestrittenen Meinung zufolge, Königsfreie oder Rodungsfreie. Die Herrschaft über Land und Leute ist demnach nicht neueren Ursprungs, sondern uralt, abgeleitet letzten Endes aus der Herrschaft des Freien über sein Haus, zu dem nicht nur seine Verwandten gehören, sondern auch das Gesinde.
Im ganzen sind es offensichtlich unterschiedliche Prozesse, die zur Grundherrschaft und zur Ausbildung eines Bauernstandes im hohen Mittelalter führen, darunter für viele, wie oben gesagt, ein Prozess des Freiheitsverlusts. Für andere jedoch Aufstieg, denn die Sklaverei in der Art der griechisch-römischen Antike, die in den ersten Jahrhunderten des Mittelalters noch eine reguläre Erscheinung ist, verschwindet jetzt – auch unter der Einwirkung der kirchlichen Lehre. Aus den servi werden Leibeigene und hörige Bauern, oder sie steigen noch weiter auf. Ein rascher Aufstieg aus der Unfreiheit selbst in den Adel ist möglich, besonders dann, wenn er im Herrschaftsbereich eines Mächtigen, vor allem des Königs stattfindet. Schon aus der merowingischen Zeit sind polemische Bemerkungen gegen so Emporgekommene überliefert.

[zitiert aus Hartmut Bookmann: Einführung in die Geschichte des Mittelalters]


Landwirtschaft der Rhön bis zum 12. Jh.

Siedlungsgeografische Befunde und Gräberfelder bei Kaltenwestheim und Kaltensundheim deuten auf einen planmäßigen, bereits im 7. Jh. von feudalen Grundherren betriebenen fränkischen Landesausbau in der Rhön hin.
Das Innere dieser Landschaft war vorerst nur schwer zugänglich und wurde erst im Laufe der Zeit durch den zunehmenden Einfluss der Klöster kulturell erschlossen. Die Mönche nahmen Rodungen vor, wodurch neue Besiedlungsflächen und Ackerflächen gewonnen wurden.
Viele Güter und Stiftungen flossen in dieser Zeit als Schenkungen den Klöstern zu – wodurch diese mehr und mehr erstarkten und an Einfluss gewannen. Solche Schenkungen galten als „gottgefälliges Werk“. Auf diese Weise glaubten die weltlichen Herrscher, sich ein „Seelenheil“ und einen Platz im Jenseits erkaufen zu können. Viele Ortsnamen werden auf diese Art in den Schenkungsurkunden erstmals schriftlich erwähnt, so auch Empfertshausen in der Schenkungsurkunde des Orentil an Kloster Fulda.
Der Sage nach ließ im Jahre 822 ein Graf von Nithardishusen ein neues Kloster auf dem Neuberg errichten. Erst 1136 sei die Verlegung dieses Klosters an seinen heutigen Standort nach Zella erfolgt.
Die Mönche hüteten und nutzten die Handschriften römischer Agrarschriftsteller, welche durch die Missionare über die Alpen mit ins Land gebracht wurden. So befand sich auch in Fulda eine solche von den Römern überlieferte Handschrift. Vor allem in den Klöstern wurden solche Anleitungen antiker landwirtschaftlicher Produktionsverfahren verwirklicht und von den Bauern später übernommen, so z.B. die Verbreitung neuer Kulturpflanzen in der Feldwirtschaft, im Gartenbau und im Weinbau. Es wuchs aber auch der Anteil der weltlichen Machtbereiche. Es kam zur Herausbildung des Feudalismus. Sowohl die Klöster als auch die Königsgüter hatten im 9. und 10. Jahrhundert schon ein festgelegtes Produktionsprogramm.
Im Ackerbau dominierte die „Dreifelderwirtschaft“ in der Reihenfolge

  • Wintersaat
  • Sommersaat
  • Brache.

Auf diese Weise erreichte man eine günstige Arbeitsverteilung über das Jahr und eine für damalige Verhältnisse optimale Bodennutzung. Auch eine regelmäßige Düngung wurde bereits durchgeführt. Auch schriftliche Überlieferungen einer bereits existierenden Buchhaltung aus jener Zeit sind in den Archiven der Klöster und Königsgüter erhalten geblieben, worauf man später bedeutende kulturhistorische Erkenntnisse aufbauen konnte.
Schon vor dem achten Jahrhundert wurde Getreide, Flachs und Wein angebaut. Auch das Züchten von Rindern, Pferden, Schafen und Schweinen war bereits üblich, wobei die Schweine herdenweise im Freien gehalten wurden. Die Nahrungsmittel Pferde­fleisch, geräucherter Speck und roher Schinken sowie rohe Wurst waren allgemein bekannt.
Auf Grund einer päpstlichen Anordnung verbot Bonifatius jedoch später den Genuss von Pferdefleisch und Schinken; Speck und Wurst sollten nur noch geräuchert bzw. gekocht verzehrt werden. Auch sollte man solche fleischlichen Speisen erst nach dem Osterfest genießen. An Getreidearten baute man Hafer, Roggen, Gerste und Weizen an. Roggen und Weizen wurde zum Brotbacken verwendet, Hafer für Brei, und aus Gerste machte man Hausgetränke.
Die Bevölkerungsdichte war verhältnismäßig zu den ausgedehnten Waldflächen gering. Trotzdem reichten die Nahrungsmittel nur in geringem Maße aus. Wiederholt traten Hungersnöte und Pestzeiten auf. In der Zeit von 779 bis 1026 sollen nach der fuldaschen Chronik nicht weniger als insgesamt 114 Jahre Pestzeiten gezählt worden sein.
Karl der Große verbot auf Grund dieser Lage im Jahre 794 jeglichen Getreidehandel ins Ausland und ließ den „Kornwucher“ bzw. den Schmuggel mit Getreide landesweit verfolgen.
Die Jahre 1004, 1005 und 1006 werden als drei schwere Hungersjahre genannt, so dass die Totengräber, um ihre überhäufte Arbeit schaffen zu können, Tote und noch atmende schwer Erkrankte zugleich begruben.
Eine Sage aus der Fuldaer Chronik aus dem Jahre 850 erzählt folgendes: „Ein Mann aus dem Grabfeld zog mit seinem Weib und seinem kleinen Sohn über das Gebirge nach Thüringen, um daselbst sich und die Seinen vor dem Hungertod zu retten. Im Gebirge überwältigte ihn die Verzweiflung des Hungers. Er schlug seinem Weib vor, den Sohn zu schlachten und entriss ihn, als diese sich widersetzte, aus ihren Armen. Schon hatte er das Schwert gezogen, als er zwei Wölfe erblickte, die einen Hirsch verzehrten. Vom Hunger getrieben, verjagte er die Wölfe und bemächtigte sich ihrer Beute und kam zu seinem Weibe mit dem unversehrten Sohn zurück. In Angst und Schrecken sah sie das blutige Fleisch in seinen Hän­den, meinte es sei ihr Sohn und fiel ohnmächtig nieder. Nur mit Mühe brachte sie der Mann zum Leben zurück, und nun hielten sie alle drei von dem rohen Wildbret reiche Mahlzeit“.
Etwa um die Zeit 794 ließ Karl der Große die Getreidepreise folgendermaßen festsetzen:

  • Ein Maas Hafer = 7 Denarius
  • ein Maas Gerste = 14 Denarius
  • ein Maas Korn = 21 Denarius
  • ein Maas Weizen = 28 Denarius

Denarius = Pfennig = altrömische Silbermünze, in der Karolingerzeit und bis ins 13. Jh. einzige geprägte Münzeneinheit. (Das Münzwesen dieser Zeit war nur auf einige wenige Kreise beschränkt, im Allgemeinen wurde noch Ware gegen Ware gehandelt.)

Der Weinanbau soll bereits im Jahre 460 durch die Franken in der Moselgegend und später (531?) auch im Grabfeld eingeführt worden sein. In den Urkunden der Abtei Fulda wird der Weinanbau seit 765 im Grabfeld und 973 in der Werragegend, namentlich bei Salzungen, erwähnt. Aus der Stadtchronik Meiningen geht hervor, dass die Jahre 1069 und 1124 schlechte Weinjahre und die Jahre 1070 und 1186 gute Weinjahre gewesen seien. Kannte man auch vor dem 9. Jahrhundert noch wenig Garten- und Feldbaukultur, so geht doch aus den Fuldaer Überlieferungen hervor, dass schon 775 zu Salzungen durch „Wasserleitung“ eine bessere Wiesenpflege und durch besondere Anlagen Obstanbau betrieben wurde.
Die großen bäuerlichen Leistungen jener Zeit bestanden in der Hausbildung bereits bewährter, aber noch wenig verbreiteter und minder ausgereifter Arbeitsmethoden und landwirtschaftlicher Geräte, welche teilweise von vorangegangenen Epochen (z.B. Kelten) überliefert waren oder von den Mönchen aus Südeuropa importiert wurden.
Bis zum 11. Jahrhundert war der Ackerbau in unserer Heimat noch von geringer Bedeutung. Erst ab der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts trat er mehr in den Vordergrund. Die Viehwirtschaft ging zurück. Viele Burgen wurden in dieser Zeit erbaut. Der Feudalismus prägte sich mehr und mehr aus. Die Bauern leisteten Frondienste. (nach U. Benzien: Bauernarbeit im Feudalismus).
In den Erbzynsbüchern Fuldas werden im 12. Jahrhundert in Empfertshausen aufgezählt (Erbzinspflichtiger Besitz Fuldas in Empfertshausen – Erbzins: jährliche Abgabe, die bei Erbpacht, also vererbtem Pachtbesitz, an den Oberherren zu leisten war).

  • 5 ganze Mansen (ganze Bauernwirtschaften)
  • 3 Halbmansen (halbe Bauernwirtschaften, der Bauer hat zwar eigenes Land, arbeitet aber auch in Frondiensten)
  • 2 Huben (1 Hube = 30 Morgen Land -1 Morgen = was ein Bauer mit einem Pferd an einem Morgen bestellen kann) 1 Hektar = 4 Morgen

wahrscheinliche Abgaben:

  • 2 Kühe
  • 16 Eier
  • 8 „hedi“
  • 13 Schweine
  • 20 Ziegen

(„hedi“ = kleine Ziegenböcklein)
[Zitiert nach „Aus der Geschichte unserer Heimat“ von G. Hesselmann]

Erst seit der Karolingerzeit bildet sich die lange Zeit für »urgermanisch« gehaltene bäuerliche Siedlungsgemeinschaft des Dorfes vollständig aus. Und erst mit dem 13. Jahrhundert liegen die wesentlichen Züge des Dorflebens in voll eingespielter, »fertiger« Form vor uns. Zunächst scheint es die Regel gewesen zu sein, dass ein auf oder beim Herrenhof wohnendes unfreies Gesinde das Land des Herrenhofs, des Fronhofs bebaut. Auch die für Haus und Hof des Grundherrn nötigen gewerblichen Gegenstände stellt man in diesem Verbund noch selbst her.
Im 12. Jahrhundert beginnen die Grundherren, wie wir sagten, die Verbindung aufzulösen. Das Fronhofland wird in selbständig wirtschaftende Bauernstellen aufgeteilt. Die Bauern leisten von ihren Stellen aus Naturalabgaben; die nicht mehr benötigten Fronleistungen sind in Geldabgaben umgewandelt. Der Herrenhof wird zum Meierhof, den ein Pächter umtreibt; Meier Helmbrecht war einer von ihnen.

Schon vor dem achten Jahrhundert wurde Getreide, Flachs und Wein angebaut. Auch das Züchten von Rindern, Pferden, Schafen und Schweinen war bereits üblich, wobei die Schweine herdenweise im Freien gehalten wurden. Die Nahrungsmittel Pferdefleisch, geräucherter Speck und roher Schinken sowie rohe Wurst waren allgemein bekannt.


Landwirtschaft vom 12. bis zum 15. Jahrhundert

Im Mittelalter arbeiten die meisten Menschen in der Landwirtschaft. Am Anfang fast alle, am Ende des Mittelalters – gegen 1500 – immer noch mehr als 80% – so viele wie heute in der Türkei oder in Pakistan. Die Ursache dafür ist die geringe Produktivität. Wer im Mittelalter ein Korn Getreide einsät, der wird kaum mehr als drei Körner ernten, und oft wird es weniger sein. Vermindert sich die Ernte um ein Drittel, so muss schon die Hälfte davon als Saatgut verwendet werden; fallen gar zwei Drittel dem schlechten Wetter zum Opfer, so erbringt die Ernte nur das, was für die Saat nötig wäre. Der Hunger ist eine alltägliche Erfahrung angesichts einer solchen Wirtschaftsweise, und der frühzeitige Tod das Schicksal der meisten Menschen.
Zu Beginn des 6. Jahrhunderts dürften im Gebiet des späteren Deutschland und in Skandinavien 2 Millionen Menschen gelebt haben. Eingehendere Berechnungen kommen für das Gebiet der Bundesrepublik auf ca. 650000 Menschen, das sind 2,4 pro Quadratkilometer. Aber diese Menschen lebten nicht gleichmäßig verstreut über das Land. Sie lebten in kleinen Siedlungsflächen, die wie Inseln eingebettet waren in große Wald- und Heidegebiete. Bebaut wurden wohl nur gegen 3% Fläche. Man wusste weder den leichten Böden einen Ertrag abzugewinnen, noch konnte man mit den hölzernen Ackergeräten die schweren bebauen. Feuchte Gebiete zu entwässern lernte man erst ein halbes Jahrtausend später.
In den folgenden Jahrhunderten nimmt die Bevölkerung langsam zu. Um 1000 mögen in Deutschland und Skandinavien 4 Millionen Menschen gelebt haben. Danach setzt ein rasches Bevölkerungswachstum ein, das bis in die Mitte des 14. Jahrhunderts anhält. Damals dürften Deutschland und Skandinavien 11,5 Millionen Einwohner gehabt haben. Es beginnt jetzt, im späten 11. Jahrhundert, die Periode des Landesausbaus und der Ostsiedlung. Die alten Feldfluren werden erweitert, und es werden zahlreiche neue Siedlungen begründet, Orte, die ihre Entstehung aus Rodung meistens im Namen erkennen lassen. Sie enden auf -rode, -rade oder -reut, auf -hagen (was eine besondere planmäßige Anlage bedeutet), auf -brand (womit auf die Rodungsmethode verwiesen wird), oder, an den früheren Zustand der Siedelflächen erinnernd, auf -moor, -wald und -ried.
Aber es wurde nicht nur die Anbaufläche vergrößert. Es änderten sich auch die Arbeitsmethoden. In breiterem Umfange werden wohl erst jetzt neue Geräte eingesetzt, der schollenbrechende Pflug neben dem alten Haken, der den Boden nur geritzt hatte, das Kummet, das es erlaubt, die Kraft des Pferdes zum Ziehen des Pfluges und vor allem zum Eggen einzusetzen, das Hufeisen, das den Einsatz des Pferdes auch auf steinigen Böden ermöglicht. Vor allem aber setzt sich erst jetzt ein neues System der Bodennutzung durch, die Dreifelderwirtschaft. Dabei wird jedes Flurstück in regelmäßiger Folge mit Wintergetreide (1. Jahr), mit Sommergetreide (2. Jahr) bebaut und liegt im 3. Jahr brach, während zuvor Bebauung und Brache günstigstenfalls jährlich gewechselt hatten. D.h. bei Dreifelderwirtschaft bringen zwei Drittel der bewirtschafteten Fläche einen Ertrag, beim jährlichen Wechsel von Anbau und Brache jeweils nur die Hälfte.
Aber typischer für das frühe Mittelalter ist wohl der unregelmäßige Wechsel von Bebauung und Brache mit noch nicht fest abgegrenzten Fluren, während jetzt die Flächen exakt vermessen und begrenzt wurden. Das war auch deshalb nötig, weil infolge der Rodung das herrenlose bebaubare Land zusammenschmolz. Das Landschaftsbild, wie wir es noch heute kennen: Ackerfläche an Ackerfläche, dann Weide, dann wieder Acker, dazwischen das Dorf, dann auch Wälder, aber zugängliche und – damals vor allem als Schweineweide – bewirtschaftete Forsten und keine Urwälder – dieses Landschaftsbild ist erst im hohen Mittelalter entstanden.
In den Jahrhunderten zuvor war fast die ganze agrarische Produktion von den Produzenten selbst verzehrt worden. Die Schicht derer, die nicht selbst produzierten, war klein. Nun, in der Ausbauperiode, wurden die meisten Städte gegründet. Auch wenn in ihnen nicht mehr als 20% der Bevölkerung lebten, war der Teil der Produktion, der aus dem Dorf hinausging, im Vergleich zu dem bisherigen Zustand doch groß. Er wäre ohne die neuen Anbaumethoden nicht zu erklären.
Freilich werden die Städte nicht ausschließlich vom Lande ernährt. Ein nicht unbeträchtlicher Teil der städtischen Nahrung wird in den Städten produziert, in Ställen, die sich auf den städtischen Grundstücken dort finden, wo später jene Werkstätten und Hinterhäuser errichtet wurden, die heute das Ziel entkernender Sanierungsmaßnahmen sind, und auf Feldern um die Stadt herum. Die Stadt endet nicht an der Mauer, sondern erst an der Grenze der Stadtmark, der zur Stadt gehörigen Feldflur. Der Ackerbürger ist im Mittelalter nicht die Ausnahme, sondern die Regel.
Dennoch kamen Getreide und Fleisch aus der ländlichen Produktion auf den städtischen Markt, aus den bäuerlichen Abgaben. Sei es so, dass der Bauer in der Stadt Getreide verkaufte, um die Abgaben bezahlen zu können, sei es, dass der Empfänger der Abgaben diese in natura empfing und sie seinerseits auf den Markt brachte. Darüber hinaus haben die Bauern wohl nicht viele Nahrungsmittel auf den Markt bringen können, wie sich aus Berechnungen bäuerlicher Erträge ergibt.
Ein Hof mit 16 Hektar Ackerfläche von mittlerer Qualität, bebaut in Dreifelderwirtschaft, dürfte in einem Jahr von einem Drittel der Fläche 27 Doppelzentner Roggen und von dem zweiten Drittel knapp 20 Doppelzentner Hafer und Gerste erbracht haben. Davon ist ein Drittel als Saat zu subtrahieren, es bleiben also 18 und 13 Doppelzentner, von denen als Futter von 4 Pferden 8 Doppelzentner abzuziehen sind. Von den übrigen 23 Doppelzentnern Getreide müssen gut 12 Doppelzentner als Kirchenzehnt und als Grundzins abgeliefert werden. Es bleiben für die Ernährung der zum bäuerlichen Haushalt gehörenden Personen knapp 11 Doppelzentner. Rechnet man mit 10,8 Doppelzentnern und nimmt man an, zum Haushalt gehörten 6 Personen, so ergeben sich 180 Kilogramm pro Jahr oder 1600 Kalorien pro Tag und Person. Davon kann man nicht leben – für den körperlich leicht arbeitenden Erwachsenen unserer Tage nimmt man den doppelten Verbrauch an.
Dass die mittelalterlichen Bauern dennoch – außer bei allerdings häufigen katastrophalen Missernten – überlebt haben, liegt u. a. an dem in dieser Modellrechnung fortgelassenen Gartenbau. Auch Milch und Eier und Fleisch fehlen. Dieses freilich dürfte nur ausnahmsweise Bauernnahrung gewesen sein, und auch der Fisch stand nicht beliebig zur Verfügung. Das Fischen war – wie heute – an eine besondere Berechtigung gebunden. Dennoch dürfte die genannte Rechnung nicht irreal sein. Denn viel Vieh, das zu einer wesentlich anderen Bilanz hätte führen können, hätte weitere Arbeitskräfte erfordert.
Jedenfalls macht eine solche Rechnung die Anfälligkeit der Landwirtschaft deutlich. Jede Missernte führt einen so wirtschaftenden Hof in eine Krise, verursacht eine Reduzierung der Nahrung, der Abgaben oder des Saatgutes, woraus sich erklärt, dass auf eine Missernte leicht eine zweite folgt. Kein Wunder, dass die mittelalterlichen Chroniken immer wieder von Hunger und Missernte sprechen. Aber wir sind nicht nur auf Chroniken angewiesen. Wir haben aus dem 16. und 17. Jahrhundert, wo kaum anders produziert wird als im Mittelalter, Daten überliefert, denen zufolge fast jede vierte Ernte um 50% vom Mittelwert abwich.
Die Folgen von Missernten ergeben sich freilich nicht schon einfach aus dem Rückgang der Erträge. Denn einmal ergeben sich aus der unterschiedlichen Hofgröße Differenzierungen. Vor allem aber sind wir im hohen Mittelalter nicht in einem Zeitalter der Natural- und Hauswirtschaft. Das Getreide hat einen Preis, dieser Preis hängt von den Ertragsschwankungen ab, und erst wenn man die Getreidepreise einbezieht, lässt sich das jeweilige wirtschaftliche Resultat abschätzen. Die Getreidepreise gehören zu den wenigen Daten, die wir aus dem Mittelalter so zur Verfügung haben, dass man exakt zählen, messen und statistisch arbeiten kann. Englische, französische und italienische Weizenpreise sind schon aus dem frühen 13. Jahrhundert bekannt. In Deutschland beginnt die Überlieferung erst 100 Jahre später.
Diese Preisreihen zeigen zunächst Schwankungen von Jahr zu Jahr, die für unsere Begriffe ganz unvorstellbar sind. Ein beliebiges Beispiel, Roggenpreise in Köln berechnet in kölnischer Mark (da der Zeitraum kurz ist, fällt die inflationäre Geldwertminderung kaum ins Gewicht) jeweils für einen Malter, das sind ca. 1¼ Doppelzentner:

  • 1390 : 3,25 Mark
  • 1401 : 6,00 Mark
  • 1419 : 2,88 Mark
  • 1420 : 2,00 Mark
  • 1437 : 8,00 Mark

Für die Bauern hatten solche Preisschwankungen unterschiedliche Konsequenzen je nachdem, ob sie ihre Abgaben in natura oder in Geld leisteten und ob es ihnen möglich war, einen Teil der Ernte auf den Markt zu bringen.
Ein großer Hof kann bei einer durch Missernte verursachten Teuerung profitieren, weil er immer über Getreide für den Markt verfügt, während bei einem mittleren Hof sich Ernterückgang und Preiserhöhung ausgleichen und der kleine Hof gar nichts mehr auf den Markt bringt.
Umgekehrt wird bei guter Ernte und schlechten Preisen dem großen und dem mittleren Hof der Mehrertrag infolge der niedrigen Preise wenig Gewinn bringen, während der kleine Hof, weil er nun überhaupt etwas – wenn auch zu schlechten Preisen – auf den Markt bringt, einen geringen Vorteil hat.
Solche Erwägungen zeigen, dass auch aus wirtschaftsgeschichtlichen Gründen die Frage nach der generellen Lage der Bauern wenig sinnvoll und die Erklärung z.B. des Bauernkrieges aus bäuerlichem Wohlstand ebenso unwahrscheinlich ist wie ihr Gegenteil. Es reicht nicht aus, die spätmittelalterlichen literarischen Nachrichten vom armen Landmann und vom üppigen Bauer wieder und wieder umzuwenden, um aus ihnen dann auf die reale Lage zu schließen. Die muss man schon selber erforschen: von Bezirk zu Bezirk und von Jahr zu Jahr. Aber die Ausschläge der Preiskurve betrafen ja nicht nur die Bauern, sondern auch die Konsumenten in der Stadt. Wie haben sie überlebt? Offensichtlich nicht dank einer entsprechenden Bewegung der Lohnkurve. Wir haben auch hier Daten, und die zeigen, dass der städtische Verbraucher von den kurzfristigen Preisschwankungen ganz empfindlich getroffen wurde. So bleiben eigentlich nur der Import billigen Getreides, der Verzehr alternativer Nahrungsmittel oder die Sozialfürsorge.
Der Import billigen Getreides kam als generelle Aushilfe nicht infrage. Denn vor der Erfindung der Eisenbahn und dem Bau von Kunststraßen war der Transport von Massenprodukten nur auf dem Wasserwege wirtschaftlich möglich, und auch das war teuer. Die flandrischen Städte lebten zwar im ausgehenden Mittelalter von Getreide aus den östlichen Ostseeländern, aber diese Städte waren infolge ihres hoch stehenden Exportgewerbes sehr reich.
Und mit alternativen Nahrungsmitteln sieht es im Mittelalter nicht besser aus. Denn die große Alternative zum Getreide ist in Mitteleuropa erst die Kartoffel – die Einführung der Kartoffel als Grundnahrungsmittel im 19. Jahrhundert ist eine Bedingung dafür, dass die für die vorindustrielle Welt charakteristischen Hungersnöte in Europa in der Mitte des 19. Jahrhunderts aufhören. Bis dahin dauert, wenn man so will, auf diesem Gebiet das Mittelalter an.
Was also sollten die Stadtbewohner tun, wenn die Getreidepreise viermal so hoch waren wie im Vorjahr? Bezahlen konnten die meisten von ihnen sie nicht. Denn auch in der Stadt reichte das Einkommen der Mehrheit nur für eine Existenz unter normalen Umständen. In Jahren der Teuerung brauchen die meisten Stadtbewohner Hilfe.
Die aber fanden sie tatsächlich. Es gibt in den mittelalterlichen Städten Armenfürsorge in einem für uns schwer vorstellbaren Ausmaß – von Seiten der Spitäler und anderer aus religiösen Gründen gemachter Stiftungen. Es gibt – jedenfalls in den großen Städten – auch eine öffentliche Fürsorge. Die Städte legen Getreidelager an, mit deren Hilfe sie die kurzfristigen Preisschwankungen ausgleichen. In Köln z.B., immerhin der größten deutschen Stadt, ist seit 1370 der Hungertod dank städtischer Vorratspolitik besiegt.
Die kurzfristigen Preisschwankungen sind den Zeitgenossen nur allzu bewusst gewesen. Die Chroniken notieren Teuerungen, manchmal werden Höchstpreise in Kirchenmauern eingemeißelt. Aber es gibt auch langfristige Tendenzen der Preisentwicklung. Sie sind den Zeitgenossen verborgen geblieben und ergeben sich erst aus der nachträglichen Zusammenstellung der Preisdaten über Jahrzehnte und Jahrhunderte hin.
Seit der Mitte des 14. Jahrhunderts gehen die Getreidepreise in Europa langfristig nach unten: für einhundertfünfzig Jahre. Im Durchschnitt betragen sie jetzt etwas weniger als 50% des früheren Durchschnittsstandes. Um die Jahrhundertwende beginnt dann ein markanter Aufstieg: im Durchschnitt der Preise neun europäischer Länder steigt der Preis bis 1590 um insgesamt 386%. Das scheint eine enorme Steigerung, die den nicht selten gebrauchten Ausdruck Preisrevolution rechtfertigen könnte. Rechnet man jedoch den Anstieg pro Jahr aus – und zwar nicht durch eine Division durch 90, sondern in Zinseszinsrechnung, so dass man sich jeweils auf den Vorjahrespreis bezieht – dann kommt man auf eine jährliche Preissteigerung von durchschnittlich 1,52%: nicht viel angesichts unseres eigenen Erfahrungshorizontes.
Dennoch sind die Einschnitte in der Mitte des 14. und am Ende des 15. Jahrhunderts beträchtlich. Denn die langfristigen Bewegungen betreffen nicht alle Preise, sondern nur die agrarischen, vor allem die des Getreides. Das Preisgefüge verschiebt sich also. Es steigen in der Zeit tiefer Getreidepreise die Löhne und die Preise gewerblicher Erzeugnisse. Man nennt das eine Preisschere.
Wen diese Schere schneidet, sieht man aus dem Budget eines sächsischen Adligen von 1474. Dieser Adlige nimmt Erträge ein, die zum damaligen Preis 1501 Doppelzentner Roggen ergeben hätten. Das müssten entsprechend der obigen Modellrechnung die Abgaben einer großen Zahl von Bauern sein. Aber in Sachsen können wir schon mit Gutswirtschaft rechnen, und auch der hier interessierende Ritter wirtschaftet selbst. Entsprechend gibt er knapp 40% seiner Einnahmen für Löhne aus. Der nächstgroße Ausgabeposten ist die Kleidung: 27% oder 417 Doppelzentner Getreide. Ist das Kleiderluxus? Den findet man in dieser Zeit oft, aber in der Stadt. Die Garderobe einer Regensburger Dame aus der Oberschicht wurde zur selben Zeit durch eine Ratsverordnung auf den Wert von 700 Gulden begrenzt. Das Äquivalent dafür wären etwa 1000 Doppelzentner Roggen. Demgegenüber sind die Ausgaben des Ritters für sich und seine Familie schon beinahe bescheiden.
Man könnte andere Beispiele hinzunehmen. Sie alle würden zeigen: wer im späteren 14. und im 15. Jahrhundert darauf angewiesen ist, Getreide auf dem Markt zu verkaufen, dem geht es schlecht, und das nicht nur wegen der niedrigen Preise.
In der Mitte des 14. Jahrhunderts liegt ein Einschnitt der Wirtschaftsgeschichte insgesamt und nicht nur der Preisgeschichte. In der Mitte des 14. Jahrhunderts endet die große Expansionsphase, die im späteren 11. Jahrhundert begonnen hat. In dieser Zeit wird Europa von einer Reihe von Hungersnöten und von Pestwellen überzogen – die verheerendste fällt in die Jahre 1347-1351 -, und beide haben einen tiefen Einschnitt der demographischen Entwicklung zur Folge. Im Jahre 1450, zu einem Zeitpunkt, wo die Verluste noch nicht ausgeglichen sind, dürften in Deutschland und Skandinavien gegenüber 11,5 Millionen Menschen vor der Krise nur noch 7,5 Millionen gelebt haben. Entsprechend ist ein Teil des hochmittelalterlichen Landesausbaus rückgängig gemacht worden. Feldfluren und Dörfer, manchmal sogar Städte, wurden wieder zu Wald und sind es heute noch. Man findet die Reste allenthalben; selten in Gestalt von Kirchenruinen – die Steine hat man lieber anderweitig verwendet -, oft dagegen als ein besonderes, früheren Feldbau anzeigendes Bodenrelief im Waldboden. Ein Viertel bis ein Drittel der Bevölkerung Deutschlands ist dem Einbruch in der Mitte des 14. Jahrhunderts zum Opfer gefallen. Insgesamt etwa 23% der Siedlungen innerhalb der deutschen Grenzen von 1918 wurden zu Wüstungen.
Es sinken also nicht nur die Getreidepreise, sondern es geht auch die Zahl der Menschen, der Produzenten und der Konsumenten zurück. Für den, der von bäuerlichen Abgaben lebte, für den adligen, geistlichen oder auch städtischen Grundherrn also summierten sich die negativen Faktoren. Das späte Mittelalter ist eine schlechte Zeit insbesondere für den Adel, es sei denn, er hätte seine Forderungen erhöht. Damit hätte er aber nur die verbliebenen Bauern in die Stadt getrieben, wo hohe Löhne lockten. Dass hier eine oft wahrgenommene Möglichkeit liegt, sieht man aus zeitgenössischen Klagen über Landflucht und aus landesherrlichen Verordnungen, die diese Wanderung einzuschränken versuchen.
Bei den Bauern dagegen muss man unterscheiden. Der Bauer, der nun seinen Hof vergrößern wollte, der hatte angesichts des vielen unbebauten Landes gute Möglichkeiten. Die hohen Lohnkosten hinderten ihn freilich an der Ausweitung seines Betriebes.
Im ganzen liegt hier freilich ein Komplex von Problemen. Die große Linie – Expansion bis 1350, dann Depression bis ca. 1500 – ist ja erst dem nachträglichen Betrachter sichtbar. Als ein universelles Erklärungsmittel wird man sie deshalb nicht einsetzen – falls man in der Geschichte nicht nur Tendenzen und anonyme Mächte am Werke sieht. Dass so ausgeprägte säkulare Trends wirkungslos gewesen wären, folgt daraus nicht. Ihre Wirkung abzuschätzen, heißt jedoch, sich an die schwierigste Aufgabe des Historikers zu machen: an die Zuordnung subjektiver Motive und objektiver Bedingungen des Handelns.

[auszugsweise zitiert aus Hartmut Bookmann: „Einführung in die Geschichte des Mittelalters“]


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