Bürde des Wissens

Ich mache Erfahrungen in der Welt, sowohl in der vom Menschen selbst geschaffenen, der gesellschaftlichen Wirklichkeit, als auch in der Wirklichkeit, die unabhängig vom Vorhandensein des erkennenden Menschen existieren muss. Ich ordne diesen Erfahrungen Bedeutung für mein künftiges Verhalten so zu, dass ich diese Erfahrungen grob in mehr oder weniger vorteilhaft, nachteilig, beziehungsweise bedeutungslos für mich einteile. Meine Entscheidungen sind dann das Ergebnis von Abwägungsprozessen, an denen jeweils eine Vielzahl unbewusster und bewusster Motive mitwirkt. Diese legen gemeinsam mein Verhalten fest, sind jedoch in ihrer Gesamtheit kaum zu erfassen, weder vom entscheidenden Ich noch vom außenstehenden Beobachter.

Also auch wenn ich fast alles wüsste; bleibt mir so grundsätzlich und immer etwas verborgen: Ich kann nicht wissen, ob mein Wissen, bzw. mein daraus abgeleitetes Verhalten in einer komplexen Welt mich oder die Menschheit retten oder vernichten kann. Angenommen wir werden vernichtet werden, unterstellt es sei so. So kann ich trotzdem nicht wissen, ob uns mein Wissen, das ich angesammelt habe und weitergebe, vernichten wird, oder das Wissen, das ich  nicht erlangt habe und durch das wir, hätten wir  es besessen, hätten gerettet werden können.

Was also berechtigt mich angesichts dieses Dilemmas zu dem Glauben, ich wirke für den Fortbestand der Menschheit, gar ihre Weiterentwicklung, wolle nur ihr  Bestes, wenn ich in diesem Weblog meine Gedanken ausbreite, mich mit ihnen stets auf Neue auseinandersetze?

Ich mache mir zwar viele Gedanken, doch welchen Nutzen hat dieses bruchstückhafte Wissen, wenn ich nicht weiß, ob mein Wissen den Keim meines/unseres Unterganges, so wie jene Krebsstammzelle, in sich trägt?

Stehe ich noch vor der Pforte des Paradiese oder schon hinter ihr?

Die Pforte des Paradieses sei so überaus einladend und von wunderschöner Pracht und Herrlichkeit, sagt der Prophet, ein fabelhaftes Versprechen ewiger Glückseligkeit für jene, denen die eintönigen Mühen des Alltages das Vertrauen in ihre Möglichkeiten raubte. Und so drängt es die Menschen zu Millionen und Abermillionen hin zu dieser Pforte. Tausende und Abertausende die Glückseligkeit suchende seien von der anstürmenden Menge schon zu Tode getrampelt worden.

Doch hinter der Pforte sei vor der Pforte: gewöhnliche Fadheit des Alltags. Dem Alltag wirklich entflohen wären nur die zu Tode getrampelten – sagt der Prophet.

Mein Prophet scheint ein sarkastischer Typ, ein Ekel mit anderen Worten, einer der alles in Frage stellen muss – dafür glaubt er jedoch ganz widersinnig an jene wunderbaren Märchen, die ihm die Liebe erzählt. Ach ja, er ist voller Widersprüche, ich streite mich oft mit ihm herum, ob seiner Ungewissheiten – ob man ihn überhaupt ernst nehmen kann?

Wie beruhigend, ja so wohlig sanft einlullend wie in den wiegenden Armen der tröstenden Mutter hingegen ist es, jenen zuzuhören, die für alles eine Erklärung bereithalten. Jenen, die vom Leben noch nichts erfahren haben und somit noch glauben können, was ihnen ihr sehnendes Bewusstsein einflüstert.

Nicht die Lüge, sondern die Wahrheit tötet die Hoffnung – sagt der Prophet! Und damals, da ich den Befund meiner Biopsie erfuhr, wurde es dunkel in mir und über mir, ein Entsetzen breitet sich aus und dann eine Angst, größer als das erste Entsetzen. Doch ER drückt mir die Hand „Gehen wir?“ fragt er mich, als er merkte, dass meine Hand zittert. „Ja gehen wir“ antworte ich ihm und so folge ich ihm in die Tiefe der Nacht, blind doch erfüllt von Hoffnung… – denn was wissen wir schon, was Lüge ist und was die Wahrheit!

heli


 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

acht + sieben =