Kindheit auf dem Bauernhof

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„Kinderarbeit“

Man muss eigentlich Kinderarbeit verdammen, zumindest dann, wenn nur ihre billige Arbeitskraft die Familie ernähren kann, also wenn Eltern keine Arbeit bekommen, da Kinderarbeit billiger ist. Doch ganz anders sieht es in einem Familienbetrieb aus: Ich fühlte mich durch meine Mitarbeit schrittweise in die Welt der Erwachsenen aufgenommen.
Wir Kinder hatten unsere festen Aufgaben: Kühe zur Koppel bringen und holen, nach der Grummetmahd hüten, bei leichteren Feldarbeiten helfen, im Winter Heu und Stroh vom Scheunenboden werfen, Rüben putzen und häckseln, die von der Molkerei zur Sammelstelle zurückgebrachten Milchkannen nach Hause holen. Ich habe, da der Jüngste und auch der Schwächste, oft die Hausarbeit erledigen müssen, wenn die Anderen auf dem Feld arbeiteten. Aber ich habe das mit stolzem Pflichtgefühl getan, konnte ich so doch alleine und vor allem selbständig walten und schalten. Scheuern war eine anstrengende Sache, denn damals gab es noch nackte Holzdielen in der Küche, die auch mit der Bürste bearbeitet werden mussten, sollten sie wieder hell werden! Auch Backen und Kochen übernahm ich deshalb gerne. Es machte mir mehr Spaß, als mit krummem Rücken Rüben verziehen und Unkraut auf den unübersehbar scheinenden Feldern zu jäten. Das waren triste Arbeiten über endlos scheinende Tage hinweg.
Allerdings waren es gerade die außergewöhnlichen Betätigungen, die mich selbstsicher machten! Eines Nachts, ich war in der ersten oder zweiten Schulklasse, weckte mich mein Vater und sagte, dass ich zu Jokkobs Jan ins Eichsfeld mitkommen müsse, eine Muttersau könne nicht ferkeln und ich müsse die Ferkel beiholen. Dazu muss man wissen, dass oft der Rat meines Vater im Dorf bei Erkrankungen von Tieren eingeholt wurde. Erst wenn mein Vater sagte, es geht nicht ohne Tierarzt, wurde dessen teurer Dienst in Anspruch genommen. Weshalb ich nun mitmusste ist schnell begründet: ich hatte noch eine kleine Hand und konnte sie problemlos, nachdem sie gründlich eingeölt wurde, in die Scheide der Muttersau schieben und versuchen das Ferkel mit Fingern zu packen und vorsichtig heraus zu ziehen. Zumeist war wohl die Ursache des Problems, dass die Wehen der Sau mit der Zeit zu schwach wurden um die restlichen Ferkel zu gebären. Mein Vater erklärte mir in aller Ruhe, was ich wie zu tun hätte und so gelang es uns alle Ferkel gesund und lebend auf die Welt zu holen. Ich weiß nicht, ob ich damals irgendetwas als Belohnung von Jokkobs bekam, es war mir nicht so wichtig, sondern die Tatsache, dass ich etwas für ein Kind ganz Unvergleichliches erfolgreich zuwege gebracht hatte.
Stolz war ich auch, als ich das erste Mal ganz alleine mit dem Kuhgespann auf unser Feld im Schorn zum Ackern fuhr. Damals ging ich allerdings schon zur Oberschule nach Vacha, war aber immer noch ein kleiner Hänfling, der nur mit Mühe den Pflug führen konnte, aber ich wollte es unbedingt und mein Vater gestattete es entgegen der Bedenken meiner Mutter. Er wusste sicherlich, was es mir bedeutete, endlich das zu tun, was meine Brüder schon lange konnten. Und es sage bloß keiner, dass Schule weniger anstrengend sei, auch das ist Kinderarbeit. Klar ist Wissen eine Anlage in die Zukunft, aber ebenfalls kann man das zum Erwerben von Selbstbewusstsein sagen!


Winterabende

Manche Erlebnisse der Kinderjahre waren aus heutiger Sicht einfach nur naiv schön, noch heute vermitteln sie das Gefühl von Geborgenheit und Harmonie. Es war nichts Großes, Weltbewegendes und doch…
Da gab es die vielen Winterabende, an denen die Nachbarin, „de all Schrane Kotterie“ oder andere Bekannte bei uns waren und die Frauen beim Wolleverarbeiten erzählten und sangen. Es gab dabei genug leichte Arbeit, bei der auch wir Kinder mithelfen konnten und die Wolle unserer Schafe reichte für viele, viele Winterabende…
Es war viel an der Wolle zu tun, bis daraus z.B. ein Strumpf oder Pullover wurde. Die Wolle wurde in der Waschküche, ohne Waschmittel und kalt, gewaschen, dann an Luft getrocknet. Wichtig war, dass die Wolle das Lanolin behielt, so ließ sie sich leichter verspinnen als fettfreie Fasern. Der Grund ist, dass das Lanolin die Fasern besser zusammenhält. Sie „flutschen“ so besser, und der Faden reißt auch nicht so leicht wie bei fettfreiem Rohmaterial.
Die getrocknete Wolle musste dann per Hand gezeist werden, d.h. die kleinen Knötchen und Schmutznester herauszupft werden. Danach erfolgte das Kämmen: Das Kämmen der Wolle wurde mit zwei großen Kämmen auf einem Bock durchgeführt. Man spießt hier vorsichtig Wollfasern auf einen festen Kamm und zieht dann mit dem zweiten Kamm die Fasern auseinander. Das wird mehrmals wiederholt, bis die Wolle die gewünschte Fluffigkeit erreicht hat und Schmutz und Knötchen restlos entfernt worden sind. Beim Kämmen erhält man am Ende die langen Fasern, während die Kurzen in den Kämmen hängen bleiben und aussortiert werden [Diese aussortierten filzigen Reste wurden für das Füttern der Innensohle von „Lappesecke“ (selbst gemachte Hausschuhe) verwendet]. Die lockeren Vließteile, die fast wie ein sehr langer gepflegter Bart aussahen, sind nun bereit zu Garn versponnen zu werden. Das jedoch musste gelernt sein, damit ein stabiler, gleichmäßiger Faden erzeugt wurde. Wir Kinder durften die Wolle anschließend weifen, d.h. unter leichter Spannung auf eine Weife aufwickeln, immer 35 Umdrehungen ergaben ein Gebinde, dazu hatte die Weife extra ein Zählvorrichtung. Das Gebinde wurde von der Weife abgenommen und in sich verdreht und mit einem Faden gebunden gelagert. Erst vor dem Stricken wurde so ein Gebinde über die Lehnen zweier Stühle gelegt und zu einem lockeren Garnknäuel aufgewickelt. Außer dem Waschen und dem Kämmen konnte alles in der Wohnküche oder Wohnstube getan werden. Man sieht, es gab im Winter genügend Anlass zur unterhaltsamen Geselligkeit, auch ohne Fernsehapparat, vor dem man ziemlich ungesellig „in Familie“ hockt.

Eine kurze Flash-Diaschow zur Wollverarbeitung:

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Die Kirmes

Aber auch zu andern Anlässen pflegte man die Kontakte mit befreundeten Familien und der Verwandtschaft wesentlich beständiger als heute. Einen willkommenen Anlass boten Festtage und Familienfeiern, vor allem die Kirmes ist mir noch als DIE große Feier im Jahresverlauf unvergesslich. Daher muss ich mich einfach darüber etwas weiter ausbreiten. Sie fand immer im Hebst, möglichst nach der Kartoffel- und Rübenernte statt, denn sie erforderte eine aufwändige Vorbereitung durch die Frauen: Das ganze Haus wurde auf den Kopf gestellt, es wurde geputzt was das zeug hielt, Schlafplätze wurden für die reichlich zu erwartende Verwandtschaft war zu schaffen, „Kirmeskoche“ gebacken und vorgekocht musste auch werden. Es durfte im Rahmen der Möglichkeiten an nichts fehlen! Beim Bäcker wurden Termine für das Backen der Kuchen vergeben, so viel wurde damals dort gebacken. Große runde Kuchenbleche mit dem nassen Obstkuchen, Ringel (ein einfacher Hefeteigring auf dem runden Blech) und anderem trockenen Kuchen standen bei uns in einer Kammer in einem Gestell. Die nassen Kuchen zum Bäcker zu tragen war dabei gar nicht so einfach, sie waren sehr schwer für uns Kinder und vor allem, sie mussten unbedingt gerade gehalten werden, damit der dicke Belag nicht vom Teigboden rutschte.

„Bann’s Kirmes eß, bann’s Kirmes eß,
doa schloacht min Voadder en Book,
doa taanzt die oll Moarielies
mit ihrm zerressene Rook.“

Vielleicht war die ausgelassene Stimmung der Kirmes in einem Bauerndorf auch Ausdruck der Freude über den Abschluss der Ernte, von deren Gedeih und Verderb die Existenz des Bauern abhängt. Man beeilte sich, die Ernte der Hackfrüchte der Kirmes zum Abschluss zu bringen und trotzdem, war einer eher mit seiner Ernte fertig, hieß es: „Däar feiert net eher Kirmes bee mei au!“ Trotzdem war die Kirmes nicht gleichbedeutend mit dem rein sakralen Erntedankfest in der Kirche, das fand an einem Sonntag vorher statt, der Termin dafür war in allen Landeskirchen der Gleiche, während die Kirmestermine in den Nachbardörfern auf verschiedene Wochenenden gelegt wurden, damit man die jeweils andere Kirmes auch besuchen konnte.
Für die Vorbereitung gab es einen Kirmesverein, der die „Bloatzmeeister“ (Platzmeister) oder Kirmesburschen auswählte, die die Feier zu organisieren hatten. Die Bloatzmeister suchten sich jeder sein Bloatzmäche (Kirmesmädchen) zur Unterstützung, um den Spaß an der Sache erhöhen. Zu den Kirmestagen trugen sie weiße Schürzen und ein Kirmessträußchen.
Die Bedeutung der Kirmes zeigte sich auch an ihrer außerordentlichen Dauer – immerhin vier Tage damals!

„Hüt eß Kirmes, morn eß Kirmes,
on de ganze Woche,
on bann me käi Schuh me hon,
doa danze me of de Knoche.“

Der Kirmes begann in Gehaus am dritten Freitag im Oktober mit Tanz am Abend, Samstags und Sonntags wurde ebenfalls getanzt, soweit ich mich erinnere sowohl bei „Hämmches“ als auch bei „Jule“, also auf zwei Sälen! Am Sonntagvormittag fand ein feierlicher Gottesdienst mit der Kirmeskapelle statt, die nun natürlich Kirchenlieder und Choräle spielte. Das folgende Video zeigt den Einzug der Kirmeskapelle und der Kirmesburschen in die Kirche. Der Name Kirmes leitet sich von „Kirchweihe“ ab – gedenkt man an diesem Tage der Weihe der Dorfkirche, auch wenn Tag und Monat der einstigen Kirchweihe nicht mit dem der Kirmes übereinstimmt. Es folgt ein Video vom großen Umzug der gesamten Kirmesgesellschaft mit Musik durch das Dorf:

Am Montag dann zogen die Kirmesburschen mit der Musikkapelle durch das Dorf, vor den Häusern der Bauern wurde angehalten, die Kapelle spielte ein Ständchen, die so Geehrten spendeten gewöhnlich eine Summe nach eigenem Ermessen, die freilich auch den erwünschten Status im Dorf ausdrückte, zu knauserig dufte man sich also nicht zeigen. Am Montagabend war ein letztes Mal Tanz.
Eine besondere Eigentümlichkeit von damals sollte ich vielleicht erwähnen: zu Mitternacht machte die Musik eine längere Pause, alles ging zu Kaffee und Kuchen für eine Stunde nach Hause. In meiner Kinderzeit war es immer eine große Gesellschaft, die sich dann bei uns zu Hause traf, meist kamen damals die schon flüggen Cousins und Cousinen aus Unterbreizbach, eine lustige Gesellschaft, die bei uns alle irgendwie und irgendwo im Haus eine Schlafstatt fanden.

Zum Abschluss begleitet für uns der Schmiedemeister Willi Borchardt auf einem echten Amboss die Oechsener Musikanten bei der Wiedergabe der Ambosspolka:

Alle Videos auf dieser Seite wurden von meinem Bruder Horst Hehl aufgenommen.


 

Weihnachten

Weihnachten ragte als nächster Höhepunkt des Jahres über das üblichen Einerlei des normalen Alltags hinaus. Freilich war das für die Hausfrauen mit erneutem putzen, backen (Plätzchen und Christstollen) und kochen verbunden. Uns Kindern erschien es trotzdem Kindern eine tolle Zeit; nicht dass die allgemeine Hektik der Vorbereitungen an uns unbemerkt vorüberrauschte, doch eigentlich steigerte der ganze Rummel um das Fest unsere Erwartungen beträchtlich! Der sechste Dezember, der Nikolaustag, fand noch nicht die besondere Beachtung wie heute. Doch eine Kleinigkeit erwarteten wir schon, und so wurde abends in der Kammer des unteren Flures das Fenster einen Spalt geöffnet und irgendwann sagte man uns, dass wir nachsehen sollten, ob der „Hirschekloaß“ schon was gebracht hätte und selbstverständlich fanden wir Kinder dann „überraschend“ eine kleine spitze Tüte voll Süßigkeiten. Der Name „Hirschekloaß“ ist möglicherweise aus „Nikolaus“ und seinem Reittier, Hirsch statt Rentier?, zusammengesetzt. Der Hirsch war bei den Germanen eine Kultgestalt [„In der Solarjodr (um 1200) ist vom Sonnenhirschen, den zwei am Zaum führen, die Rede. Man wird an ein Tier denken müssen, das den Sonnenwagen zieht; schon die bronzezeitlichen Felsbilder von Bohuslän zeigen den Hirschen dabei; ich erinnere ferner an den früheisenzeitlichen Kultwagen von Strettweg.” (H. Bächthold-Stäubli: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens). Andererseits fressen in der Edda vier Hirsche die Knospen der Weltesche Yggdrasil. Übersetzt heißt Yggdrasil jedoch: Ross des Yggr. Yggr ist ein vielgebrauchter Name Odins, drasil eine Benennung des Pferdes. Viel Stoff zum Fantastisieren!]. Der Zeitpunkt des Weihnachtsfestes fällt mit der Wintersonnenwende zusammen, nahe liegend wäre anzunehmen, dass die unbestrittenen germanischen Wintersonnenwendfeiern auch mit diesem Wendepunkt in der beobachteten Sonnenbahn zusammenfielen. Das astronomische Wissen zur genauen Bestimmung dieses Zeitpunktes hatten die Germanen jedenfalls. Eine andere Deutung, warum Weihnachten gerade am 24. Dezember gefeiert wird, ist mir nicht bekannt. Und so wird auch ein großer Anteil heidnischer Bräuche für dieses Fest in den christlichen Kultus übernommen worden sein. Zum 24. Dezember kam zu uns Rhöner Kindern das Christkind und kein Weihnachtsmann! Unser Vater ließ es für uns Kinder nur „heimlich“ in unser Haus ein, er wollte uns nicht durch irgendeinen Mummenschanz als „Erziehungskrücke“ erschrecken lassen. Zum Abendbrot gab es am Heiligabend nach dem Christgottesdienst traditionsgemäß ein große Bratwurst und Kartoffelsalat. Irgendwer klapperte dann mit der Haustüre als wäre jemand gegangen und Vater sagte: „doas woar doch bestemmt doas Kresskengche!“, wir stürmten in die Stube und tatsächlich, unter dem Christbaum lagen die Geschenke – die konnte doch nur das Christkind gebracht haben, wer sonst!
Den Christbaum holten wir selbst am 23. oder 24. Dezember aus dem Wald. Der Stamm wurde unten zugeschnitzt und in den hölzernen Christbaumständer gesteckt, danach schmückten wir Kinder am Vormittag des 24. Dezember den Baum mit Kugeln, Lametta und einer Krone (sh. Bild im Textbeginn), die auf die Baumspitze gesetzt wurde, sowie mit echten Baumkerzen. Im Verlaufe des Weihnachtsabends wurden während des Singens von Weihnachtsliedern angezündet. Egal ob man das heute kitschig oder nicht nennt, es war nur Ausdruck sinnbildlicher Geborgenheit.
Zum 1. Weihnachtsfest aßen wir in meiner Erinnerung eine gefüllte Weihnachtsgans und Thüringer Klöße, am 2. Feiertag dann Schweine- oder Rinderbraten. Das Hauptgebäck zu Weihnachten waren Plätzchen und der „Schuorn“, ein magerer Verwandter des berühmten Dresdner Stollens. Unser „Schuorn“ hatte seinem fetten Vetter gegenüber den großen Vorteil, dass er der Verdauung besser zuträglich war.
Abends besuchten wir noch einmal das Vieh im Stall, es heiß sogar, es könne in der Christnacht sprechen. Eine ganz besondere Bedeutung hatten die folgenden Heiligen Zwölf Nächte. Unsere Oma erzählte, dass jede Nacht für einen Monat des folgenden Jahres stünde und was man in der Nacht träume, das geschähe einem im dementsprechenden Monat des folgenden Jahres. Sie selbst glaubte unerschütterlich daran.
Nach Neujahr war es üblich, dass wir Kinder „heischen“ gingen. Das bedeutete, dass wir den Nachbarn und Verwandten ein „Gutes Neues Jahr“ wünschten und dafür einen oder auch mehrere Groschen geschenkt bekamen. Heischen hatte aber nichts mit Bettelei zu tun – Das Verb heischen ist gleichbedeutend mit begehren, verlangen, bitten, fordern.
Zum Dreikönigstag (Epiphanias) wurde der Schmuck vom Weihnachtsbaum genommen und der Baum in die Scheune gebracht. Meist war man dann auch froh, dass der ausgetrocknete Baum endlich nicht mehr den Wohnzimmerfußboden voll nadelte. Zu Epiphanias war sodann die Weihnachtszeit endgültig zu Ende.


Bilder alter Arbeitsgeräte und Trachten


Bücher und DVD über Geschichte, Landschaft und Kultur der Rhön und Thüringens
– nach Themen sortiert –


 

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