Pragmatismus, Religion und Metaphysik


Es hat sich herausgestellt, daß sowohl die christliche Religion als auch die materialistische Metaphysik Artefakte sind, die sich selbst verzehren. Das Bedürfnis nach orthodoxer Religiosität wurde durch Paulus‘ Beharren auf dem Primat der Liebe untergraben. Nach und nach erkannten die Christen, daß eine Religion der Liebe nicht verlangen kann, jeder müsse das gleiche Glaubensbekenntnis aufsagen. Das Bedürfnis nach Metaphysik wurde durch die Fähigkeit der modernen Wissenschaft untergraben, den menschlichen Geist als ein außergewöhnlich komplexes Nervensystem zu begreifen und somit sich selbst eher pragmatisch als metaphysisch zu sehen. Die Wissenschaft hat uns gezeigt, wie man die empirische Forschung als Gebrauch dieser physiologischen Zusatzausstattung zur Erlangung stets größerer Herrschaft über die Umwelt sehen kann, anstatt sie als eine Form der Verdrängung von Erscheinungen durch Wirklichkeit zu deuten. Genauso wie es dem achtzehnten Jahrhundert gelang, das Christentum nicht als Offenbarung von oben, sondern als kontinuierliche Fortsetzung der sokratischen Reflexion zu sehen, so ist es dem zwanzigsten Jahrhundert gelungen, die Naturwissenschaft nicht als Offenbarung des inneren Wesens der Wirklichkeit, sondern als kontinuierliche Fortsetzung jener Form des praktischen Lösens von Problemen zu begreifen, in der die Ingenieure brillieren.

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Altruismus

Wir halten uns für »egoistisch« und werden von anderen so gesehen, wenn wir unsere eigenen Interessen zu verfolgen scheinen. Andererseits glauben wir daran, daß ein Handeln zum Wohl anderer, das anscheinend nicht selbstdienlich ist, von »guter Moral« zeugt; wir fühlen uns gedrängt, dem Weg des »Altruismus« zu folgen, und wir respektieren andere, die ihm folgen. Weil wir uns der Kosten, Risiken und Gefahren, die darin stecken — des Handicaps —, wohl bewußt sind, beeindruckt uns Uneigennutz. Trotzdem halten wir es für unanständig, zu berechnen, welchen Nutzen uns der Uneigennutz bringen kann.

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Demut als Utopie

Das wiederholte Scheitern von Systemen, die von weit in die Zukunft weisenden Visionen getragen wurden, hat unseren Glauben an die Realisierbarkeit von Utopien nachhaltig erschüttert. Zweifel an der Machbarkeit von Zukunft greifen um sich. Die Erkenntnis, daß große Entwürfe und Fünf-Jahres-Pläne die Tendenz haben, an der sich ändernden Wirklichkeit zu scheitern, ist nicht neu – neu hingegen ist, daß es rationale Erklärungen für die Notwendigkeit des Scheiterns gibt.Die relevanten Variablen sind zum einen die Struktur und Dynamik lebensweltlicher Prozesse und zum anderen die kognitiven Fähigkeiten der Entscheidenden und Handelnden, die versuchen, diese Prozesse zu steuern.

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Geschichtsschreibung

Weil aber die Vergangenheit nicht im Bereich des menschlichen Erlebens liegt, und weil wir deshalb mit unseren historiographischen Konstruktionen immer nur in der jeweiligen Gegenwart umgehen und Erfahrungen machen können, gibt es keine Möglichkeit, z.B. die Deskriptivität historiographischer Aussagen festzustellen oder zu überprüfen. Und weil sich historische Ereignisse und Prozesse weder wiederholen, noch sich reproduzieren lassen, haben wir auch keine Gelegenheit, entsprechende konzeptuelle Systeme (z.B. Theorien) in einem erfahrungswissenschaftlichen Rahmen zu erfinden, zu testen und weiterzuentwickeln. Die erfahrungswissenschaftlichen Möglichkeiten der Historiographie beschränken sich darauf, anhand der als Spuren oder Zeugnisse der Vergangenheit identifizierten Objekte und unter Verwendung als einschlägig erachteter theoretischer Konzepte und Modelle Geschichten zu erfinden, um sie auf ihre Verträglichkeit mit den Quellen und auf ihre Kompatibilität mit anderen Geschichten hin zu prüfen. Innerhalb des so bestimmten Spielraumes kann sich die Gültigkeit der jeweiligen Geschichtsschreibung also nicht an so etwas wie der Übereinstimmung mit den historischen Tatsachen bemessen, sondern nur daran, ob die jeweiligen Geschichten im Rahmen konsensfähiger Modellvorstellungen, auf der Basis geltender Annahmen über die Geschichte und Geschichtsschreibung sowie hinsichtlich der geltenden weltanschaulichen, ideologischen, ethischen, politischen usw. Konzepte plausibel, überzeugend und relevant sind.

Gebhard Rusch: THEORIE DER GESCHICHIE, HISTORIOGRAPHIE UND DIACHRONOLOGIE
LUMIS Schriften 11 1986
aus dem Institut für Empirische Literatur- und Medienforschung der
Universität – Gesamthochschule Siegen Weiterlesen

Uns selber übersteigen

Ich komme zum dritten Schritt und damit zum Abschluß. In diesem dritten Schritt möchte ich diese Selbsttranszendenz als eine Möglichkeit für unsere Gesellschaft vorführen. Ich darf erinnern, was ich hier unter Selbsttranszendenz verstehen möchte: Das Wort kommt von übersteigen – irgendwohin soll hinübergestiegen werden. Wohin also sollten wir steigen? Über unsere eigenen Ausstattungen, wie sie begrenzt erscheinen durch unsere angeborenen Anschauungsformen. Wir könnten sie durch Forschung übersteigen. Modell Einstein im Falle von Zeit und Raum. Heute ist es unser Anliegen, nun auch das Wesentlichste, das uns heute plagt, zu übersteigen, nämlich unsere Anschauungsformen von der Kausalität, die Vorstellungen von den Ursachen.

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Unser Bild von der Wirklichkeit

Betrachter vor einem Frauenporträt von Georges Braque spotteten, einer so entstellten Person würde niemand gern auf der Straße begegnen, worauf der Maler erwiderte, er habe keine Frau malen wollen, sondern ein Bild.
Im Grunde genommen ist das Verhältnis zwischen Wirklichkeit und mathematischem Bild oder Modell das Gleiche: Letzteres ist auch nur ein Abbild einiger Eigenschaften wirklicher (oder gedachter) Objekte. Alles, was nicht relevant ist, bleibt dabei unberücksichtigt: zum Beispiel welcher Wochentag gerade ist oder dass Nebel über dem See steht. Modellbildung ist Willkür, Zweckmäßigkeit ihr einziger Sinn.

Pierre Basieux „Die Architektur der Mathematik: Denken in Strukturen

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Nationale Identität

Die Geschichte der Völker Europas ist nicht abgeschlossen – und wird es nie sein. Die Ethnogenese ist ebenso sehr ein Prozeß der Gegenwart und der Zukunft wie der Vergangenheit. Jeder Versuch von Romantikern, Politikern oder Sozialwissenschaftlern, die wahre Seele eines Volkes oder einer Nation ein für allemal zu »konservieren«, ist zum Scheitern verurteilt. Und nichts kann sicherstellen, daß Nationen, ethnische Gruppen und Gemeinwesen von heute in der Zukunft nicht vielleicht vollständig untergehen. Die Vergangenheit mag die Parameter gesetzt haben, innerhalb deren man die Zukunft gestalten kann, sie determiniert aber nicht, wie diese Zukunft aussehen wird. Ebenso wie die Völker Afrikas, Amerikas oder Asiens sind auch die Völker Europas keine atomaren Strukturen der Geschichte an sich, sondern Prozesse, die von der Geschichte geformt und umgeformt werden. Heraklit hatte recht: Man kann nicht zweimal in denselben Fluß steigen. Jene Flüsse, die Völker sind, fließen weiter, aber die Gewässer der Vergangenheit sind nicht die der Gegenwart oder Zukunft. Europäer müssen den Unterschied zwischen Vergangenheit und Gegenwart anerkennen, wenn sie eine Zukunft gestalten wollen.

Patrick J. Gary „Europäische Völker im frühen Mittelalter. Zur Legende vom Werden der Nationen.

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Germanen

Woher kommt dieses Wort? Viele Erklärungen hat es gegeben. Am einfachsten und vermutlich richtig wird es von „Germani“ = dem lateinischen Wort für Brüder hergeleitet. Die Waffenbrüderschaft männerbündischer Disziplin und Ekstase bei einzelnen Stammesverbänden, mit denen die Römer zunächst in Fühlung kamen, wird ihnen am meisten aufgefallen sein. Uns fällt auf, daß die germanischen Stämme gar keine größere Verbindung erstrebten, also auch kaum einen sammelnden Volksbegriff kennen konnten, und somit immer nur in kleinen Verbänden Brüderschaft hielten. Das Wort ist demnach eine rein lateinische Bildung ohne Entsprechung im Norden. Germanen hat es bei den Germanen nie gegeben.

Eric Graf Oxenstierna in „Die NordgermanenWeiterlesen

Tradition

Tradition – ein Schatz überindividueller kumulierter Erfahrung ist die Erbinformation der Kultur. Eine Kultur enthält ebensoviel „gewachsenes“, durch Selektion erworbenes Wissen, wie eine Tierart. Zerstörung gültiger Traditionen muss sich für eine Kultur deshalb genauso auswirken, wie die Zerstörung genetischer Information für eine Spezies.

Konrad Lorenz und Bernd Lötsch 1977, IWF Film G 188 Weiterlesen

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