Was ist Moral?

moralZur Einstimmung und Erbauung ein paar wirklich dumme Sprüche über die Moral und kluge Sprüche über jene, die Moral nur predigen:

Moralisten sind Leute, die sich jedes Vergnügen versagen, außer jenem, sich in das Vergnügen anderer Leute einzumischen. [Bertrand Russell]

Die Moral ist immer die Zuflucht der Leute, welche die Schönheit nicht begreifen. [Oscar Wilde]

Erotik ist die Überwindung von Hindernissen. Das verlockendste und populärste Hindernis ist die Moral. [Karl Kraus]

Moralisten sind Menschen, die sich dort kratzen, wo es andere juckt. [Samuel Beckett]

Erst kommt das Fressen, dann die Moral. [Bertolt Brecht]

Was aber ist Moral und zu welchem Zweck kam sie über und in uns? Zunächst: Moral wäre als faktisches Handlungsmuster oder Regelwerk menschlichen Miteinanders längst ausgestorben, würde sie das Zusammenleben der Menschen nur erschweren, nur zum Zweck von Schurigelei der Menschheit aufgezwungen worden.

Nichts ist der Menschheit von außen aufgezwungen worden, alles Verhalten hat sich evolutionär, also zufällig, entwickelt, und ist beibehalten worden, falls es sich zum Überleben der Gattung Mensch als zweckmäßig und notwendig erwiesen hat; kein Gott oder Außerirdischer hat uns fremdbestimmt.

Das muss freilich nicht heißen, dass jedes sich herausgebildete Verhalten das Beste aller denkbaren wäre, vieles ist einfach so, weil es mit dem geringsten evolutionären Aufwand seinen Zweck erfüllt. Und der Hauptzweck jeder Moral ist Verhaltensweisen zu etablieren, deren Zweck von jedem Individuum innerhalb einer bestimmten Population ohne lästiges, zeitraubendes Aushandeln und mögliche Missverständnisse verständlich ist. Das erleichtert das Zusammenleben einer Gemeinschaft ungemein und wiegt den Nachteil der nicht optimalen Lösung zumeist auf. Man nennt solch ein Regelwerk auch Traditionen, weil sie von Generation zu Generation tradiert werden. Der moderne, aufgeklärte Mensch wird an dieser Stelle vielleicht genervt die Augen rollen, … ja Traditionen können sehr lästig sein, wenn sie nicht mehr in die Zeit passen, weil sich die Gesellschaft, zumeist durch äußere Einflüsse, verändert hat.

Es gibt eine interessante These von Julian JaynesUrsprung des Bewusstseins“ über den Einfluss fremder Kulturen auf das traditionelle, vorgeschichtliche Bewusstsein: Jaynes‘ These lautet, dass die Menschen der «vorbewussten» Zeit gewissermaßen mit sich selbst, mit ihrem sozialen System, mit ihrer Stadt beziehungsweise ihrem Staat, mit ihrer Umwelt im Einklang lebten und dass die «vorbewussten» Menschen im wesentlichen durch ein System von sprachlich gefassten Regeln gesteuert wurden.

Jaynes meint, das Bewusstsein sei um 1200 vor Christus entdeckt oder «erfunden» worden. Erst die Begegnung mit anderen Kulturen, anderen Formen der Herbeiführung von Entscheidungen in Handelsbeziehungen oder auf Erkundungsreisen sorgte dafür, dass das Denken beweglich wurde; man lernte, die Determinanten des Tuns und auch die eigenen Formen des Denkens in den Fokus der Selbstbetrachtung zu rücken.

Zum Zusammenbruch der «vorbewussten» Welt kam es – so Jaynes – durch die Ausweitung der politischen und der Handelsbeziehungen in den Wanderungszeiten um 1200 vor Christus. Die Menschen dieser Zeit wurden in verschiedenem Ausmaß mit der Tatsache konfrontiert, dass andere Völker an andere Götter glaubten und andere Stimmen hörten. Das musste sie zweifeln lassen. Auf diese Weise «starben» die Götter – oder sie verstummten; man konnte nicht mehr länger ihre Ratschläge «einfach so» hinnehmen, denn man wusste ja nicht, ob diese richtig waren, wo es doch so viele andere Götter gab.

[Dietrich Dörner
in „Bauplan für eine Seele“]

Ich halte diese These für plausibel, stelle ich doch immer wieder fest, dass Reisen zu anderen Kulturen mein Bewusstsein erweitert, mich kritischer gegenüber der eigenen Kultur werden lässt, ich dann Dinge in Frage stelle, die für mich vorher selbstverständlich, unhinterfragbar erschienen.

Ja, man sollte nicht alles an den Traditionen einer Kultur wie eine selbstverständlich gegebene Wahrheit und als unverrückbar hinnehmen. Zweifeln kann auch hier schöpferisch sein.

Aber warum sollte man moralisch handeln wollen und sollen? Ich halte mich bei der Antwort an die Reihenfolge der Gründe, wie sie Otmar Höffe in seinem Buch „Ethik“ [ISBN 978 3 406 64630 0] aufgelistet hat:

  • Ethik, sagt er, ist auch die Kunst des glücklichen Lebens (Eudalmonie), denn moralisch zu handeln ist vernünftig, weil vernünftiges Handeln vor allem dem Zweck dient, das eigene Glück oder das einer Gemeinschaft zu gewährleisten (siehe dazu den Blogbeitrag „Was ist Vernunft?„).
  • Man soll aus Gründen der Gerechtigkeit gegen jedermann moralisch handeln, weil man es einander schuldet, denn die Menschen haben ein Recht darauf, weder betrogen noch bestohlen oder gar getötet zu werden. Und: Man soll und will zugleich moralisch sein, um den angedrohten Sanktionen zu entgehen. Diese beginnen mit der zivilrechtlichen Haftung und finden ihre härtere Form im Strafrecht.
  • Die Frage, warum moralisch sein, hat zusätzlich den Charakter eines moralischen Sollens, einer moralischen Pflicht. Sie ist aber nicht eine Pflicht gegen andere, sondern eine Pflicht gegen sich. Nur, wer sich als moralisches Wesen konstituiert und die Moral nicht nur aus autoritären oder aus pragmatischen Gründen befolgt, wer also diese besondere Vollkommenheitspflicht, die Pflicht zur moralischen Selbstschätzung, zur Moralität, erfüllt, wird der mit der Moralfähigkeit gegebenen Würde gerecht; er erbringt eine basale Eigenleistung. Wer dagegen die Pflicht verletzt, entwürdigt sich selbst.

    Dieses Interesse an moralischer Selbstachtung darf man nicht für gering halten. Denn nur dann kann man, um es salopp zu formulieren, in den Spiegel schauen und ohne Überheblichkeit sagen: «Ich bin einer der wenigen Menschen, die anständig sind». Oder um erneut mit Platons Politeia zu sprechen: Der moralisch Rechtschaffene, der rundum Gerechte, wird von denen geachtet, auf die es ankommt: von jenen Personen, die es verdienen, Freund zu sein, und von sich selbst, der sich dann zum Kreis der wahrhaften Freunde zählen darf. Diese kann freilich auch zum Altruismus als reiner Selbstzweck pervedrteioren, wie es Stanislaw Lem in seiner Erzählung „Altruizin oder Der wahre Bericht darüber, wie der Eremit Bonhomius das universelle Glück im Kosmos schaffen wollte, und was dabei herauskam“ ironisch auf die Schippe nahm.

Aber was ist nun eigentlich Moral und wie kam sie in die Welt (warum hat sie sich evolutionär entwickelt)? Hier der Link zu Dietrich Dörners Kapitel „Die Moral“ aus „Bauplan für eine Seele“, Seiten 318 bis 350.



 

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