Richard Wagner: Der Ritt der Walküren

In diesem Video ist meine Bearbeitung des Walkürenrittes von Richard Wagner zu hören, die ich für den Synthesizer „Wavestation WSR“ von Korg und den Sampleplayer Kontakt passend machte. Den Sampleplayer Kontakt benutze ich übrigens auch für meine Orgel- Klavier- und Cembaloeinspielungen. Die Video-Animation habe ich u.a. mit den Bildern von Iwan Konstantinowitsch AiwasowskiDie Neunte Woge“, „Nordseesturm“ und einem Bild von Francisco Sanchis Cortés:Walkürenritt“ verfertigt.

Der Walkürenritt kann kurz und knapp so beschrieben werden: Wild wütende Streicherfiguren winden und wimmern sich heftig  in unsere erschrockenen Ohren, bis mächtig-gewaltige Hörnerklänge wie die Mauern brechenden Trompeten von Jericho Schrecken in ihnen auslösen sollen und dann kulminiert der Walkürenritt in einem gewaltigen Orchestercrescendo.

1981 antwortet der überzeugte Wagnerianer Loriot in einem Fragebogen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf die Frage „Welche militärischen Leistungen bewundern Sie am meisten“ mit „Den Walkürenritt.“ Und so ist es nur folgerichtig, wenn im Film „Apokalypse Now“ Lieutenant Colonel Bill Kilgore, bevor eine Flugformation aus Hubschraubern ein vietnamesisches Dorf in Feuer badet, die Lautsprecher mit der Bemerkung aufdreht: „I use Wagner, it scare’s the hell out of the slopes“.
[„Slopes“ ist im amerikanischen Slang eine abfällige Bezeichnung für Asiaten (Vietnamesen), und bezieht sich auf deren schräg stehenden Augen. Der Satz bedeutet wörtlich, dass die Musik Wagners die Vietnamesen höllisch erschrecken wird.]

Der Walkürenritt ist auch wirklich eine unmittelbar emotional packende Musik, die die Opern-Bühne nicht unbedingt braucht, um Wirkung zu erzielen.

»Peter Iljitsch Tschaikowski nennt in einem Brief an Frau von Meck den Opernkomponisten Wagner einen Don Quijote der Kunst. „Wagner bietet alle seine Kräfte auf bei der Jagd nach dem Unmöglichen, während ihm ein außerordentliches Talent zur Verfügung steht, kraft dessen er ein ganzes Meer von musikalischer Schönheit aus sich hervorzaubern könnte. Nach meiner Meinung ist Wagner im Grunde Symphoniker. Er verfügt über ein geniales Talent, das aber an seinen Tendenzen zugrunde geht. Seine Inspiration wird durch Theorien paralysiert, welche er sich selbst ausgedacht hat und welche er mit Gewalt praktisch verwerten will.
Diesem Versuch einer einigermaßen objektiven Beurteilung folgt die widerspruchsvolle Feststellung, dass in der „Walküre“ nicht eine einzige breit angelegte, in sich abgeschlossene Melodie zu finden sei. Dagegen bewundert er den Walkürenritt, den er als ein großartiges und herrliches Tongemälde bezeichnet. An diesem Beispiel möchte Tschaikowski beweisen, dass Wagners Werke im Konzertsaal mehr Wirkung haben als in der Oper, – ein Standpunkt, der dem des Dichter-Komponisten Wagner genau entgegengesetzt ist.
Man kann allerdings Tschaikowskis Enttäuschung verstehen, wenn man erfährt, dass damals an Stelle der Walküren Soldaten im Hintergrunde der Bühne über wolkenähnliche Zeugfetzen ungeschickt galoppierten, während der sehr dürftige Theaterhimmel sich anmaßte, ungeheure Himmelshöhen zu verkörpern. Dieses klägliche Bühnenbild hatte auf den sensitiven Tschaikowski die Wirkung eines kalten Wasserstrahls. Daneben entdeckte er aber in der Walküre wieder eine ganze Menge kraftvoller und schöner Episoden rein symphonischen Charakters«. [zitiert aus ALEXANDER VON ANDREEVSKY: DILETTANTEN UND GENIES – GESCHICHTE DER RUSSISCHEN MUSIK]

Was aber ist eine Walküre? Nach Wikipedia:

»Eine Walküre, auch Schlacht- oder Schildjungfer, ist in der nordischen Mythologie ein weibliches Geistwesen aus dem Gefolge des Göttervaters Odin (Wodan). Die Walküren stehen durch die Möglichkeit der Schicksalsfügung in Beziehung zu den Nornen, Fylgien und den Disen. Sie wählen aus den auf dem Schlachtfeld Verstorbenen die Einherjer („ehrenvoll Gefallene“) aus, um sie nach Walhall zu führen. […] Den Sagenstoff verarbeitete im 19. Jahrhundert der deutsche Komponist Richard Wagner in seinem vierteiligen Zyklus Der Ring des Nibelungen (1848–1874), vor allem im „Ersten Tag“ dieser Tetralogie unter dem Titel Die Walküre. Bei Wagner sind die Walküren neun Schwestern, alles Töchter des Gottes Wotan mit verschiedenen Frauen. Neben Brünnhilde, dem Kind von Wotan und Erda, treten hier acht weitere Walküren auf, deren Namen Wagner frei erfand. Sie heißen Waltraute, Ortlinde, Roßweiße, Schwertleite, Gerhilde, Siegrune, Grimgerde und Helmwige.«

Über Walhall sagt die Edda [nach Jorge Luis Borges]:

»Im Himmel gibt es eine Stadt, die den Seligen zur Bleibe bestimmt ist und die sie auf ewig bewohnen sollen; um dorthin zu gelangen, schreiten die Seelen über eine dreifarbige Brücke, die von den Göttern errichtet wurde, kunstvoller als irgendein Bauwerk in der Welt, und die dennoch zerstört werden wird, wenn die Engel darüberreiten. Über das Götterschloß breitet die Weltesche Yggdrasil, der schönste der Bäume, ihre Zweige, und nicht weit von dort liegt Walhall, wo die Walküren genannten Jungfrauen den Helden Bier und Met kredenzen. Eine Ziege liefert den Met, so reichlich, daß alle Seligen ständig genug haben, um ihren Durst zu löschen und sich zu berauschen. Bei Tagesanbruch weckt der Hirte Ligur, auf einem Hügel sitzend, die Seligen mit seinem Harfenspiel, und bald darauf läßt der rote Hahn auf seinem goldenen Zweig seinen Morgengesang erschallen, das Zeichen zum Beginn der himmlischen Spiele. Die Helden greifen zu den Waffen, treten in den Ring und zerstückeln sich gegenseitig; das ist ihr Zeitvertreib. Aber zur Essenszeit läßt Bragas Leier sie alle wieder auferstehen; Jungfrauen, rosig wie die Morgenröte, versorgen ihre Wunden, und alsbald besteigen sie frische Pferde und reiten aufs neue zu Odins Palast, um zu trinken. Das dampfende Fleisch des Ebers Serimner, das unter dem zerteilenden Messer neu wächst, wird auf Rundschilden angeboten; junge Mädchen mit der Leier besingen die Heldentaten der Geladenen, Iduna verteilt Äpfel, die sie bei ewiger Jugend erhalten, und die schönen Gespielinnen Frickas tänzeln um die Tische.«

Zur mythischen Bedeutung der Zahl NEUN gibt es verschiedene Erklärungen. Franz Carl Endres und Annemarie Schimmel schrieben in „Das Mysterium der Zahl“ [München 1984 (Diederichs)]

»In Thüringen hoben die Mädchen Reste von neunerlei Essen auf und setzten sich damit um Mitternacht an den Tisch, worauf ihnen die Geister ihrer Geliebten erschienen. Ziemlich verbreitet war in Deutschland der Volksglaube, daß ein neugeborenes Kind sich neun Tage in Richtung auf das Leben oder den Tod vorbereite und sich dementsprechend verändere. Die Verwandlung von Tieren in Menschen findet meist am neunten Tage statt, wie auch Schwanjungfrauen oder Walküren sich nach einer Frist von neun Jahren zurückverwandeln können. Man soll daher neun Tage nach einem Vorgesicht nicht erzählen, was man geschaut hat, und auch neun Tage nicht von der Begegnung mit einem Gespenst reden.«

Sigmund Freud sagt in „Eine Teufelsneurose im 17.Jahrhundert“ [Nach Wikipedia]:

»Die Neunzahl ist uns aus neurotischen Phantasien wohl bekannt. Sie ist die Zahl der Schwangerschaftsmonate und lenkt, wo immer sie vorkommt, unsere Aufmerksamkeit auf eine Schwangerschaftsphantasie hin. Bei unserem Patienten  handelt es sich freilich um neun Jahre, nicht um neun Monate, und die Neun, wird man sagen, ist auch sonst eine bedeutungsvolle Zahl. Aber wer weiß, ob die Neun nicht überhaupt ein gutes Teil ihrer Heiligkeit ihrer Rolle in der Schwangerschaft verdankt; und die Wandlung von neun Monaten zu neun Jahren braucht uns nicht zu beirren. Wir wissen vom Traum her, wie die „unbewußte Geistestätigkeit“ mit den Zahlen umspringt. Treffen wir z. B. im Traum auf eine Fünf, so ist diese jedesmal auf eine bedeutsame Fünf des Wachlebens zurückzuführen, aber in der Realität waren es fünf Jahre Altersunterschied oder eine Gesellschaft von fünf Personen, im Traum erscheinen sie als fünf Geldscheine oder fünf Stücke Obst. D. h. die Zahl wird beibehalten, aber ihr Nenner beliebig, je nach den Anforderungen der Verdichtung und Verschiebung vertauscht. Neun Jahre im Traum können also ganz leicht neun Monaten der Wirklichkeit entsprechen. Auch spielt die Traumarbeit noch in anderer Weise mit den Zahlen des Wachlebens, indem sie mit souveräner Gleichgültigkeit sich um die Nullen nicht bekümmert, sie gar nicht wie Zahlen behandelt. Fünf Dollars im Traum können fünfzig, fünfhundert, fünftausend Dollars der Realität vertreten.«

Über die Fähigkeiten eines Artusritters berichtet ein Märchen aus Wales [Herausgegeben und übersetzt von Frederik Hetmann. Reinbek bei Hamburg 1999]:

»Neun Tage und neun Nächte konnte er unter Wasser den Atem anhalten. Neun Tage und neun Nächte konnte er ohne Schlaf auskommen. Kein Arzt vermochte eine Wunde zu heilen, die sein Schwert geschlagen hatte. Er konnte sich so groß machen wie ein Baum. Wenn es regnete, so blieb eine Handspanne in seinem Umkreis trocken durch die Hitze, die von ihm ausging. Wenn seinen Gefährten kalt war, so konnten sie durch die Wärme, die er abgab, ein Feuer entzünden.«

Und nun konstruiere ich mit dürftiger Hilfe eines weiteren Zitates, dieses Mal aus Tschaikowskis Tagebuch, und aus hauchdünnen Seidenfäden einen noch nicht erkannten Zusammenhang zwischen Wagner und Aiwasowski: Man soll es kaum glauben – o Wunder –  Tschaikowski hat außer Bayreuth auch Feodossija, den Geburts- und Sterbeort von Aiwasowski auf der Krim  besucht – wer könnte nun noch daran zweifeln, dass es mehr als nur Neun unserer Schulweisheit höchst  verwunderliche Dinge zwischen Himmel und Erde geben muss! Aiwasowski war nämlich ein russischer Marinemaler, der vor allem durch seine virtuose Gestaltung von Licht und Schatten begeisterte. Und  – aufgemerkt lieber Leser nun kömmts, nun lasse ich die Katze aus dem Sack –  er war offenbar von dem Seemannsaberglauben inspiriert, wonach in einer Abfolge von Wellen die neunte Woge stets die mächtigste Welle ist. Ein Aberglaube, der schon in der isländischen Göttersaga Edda (Wagner ick hör dir trapsen und die Hornsignale der Walküren grölen!) nachzulesen ist.

Zwei Einträge aus Tschaikowskis Tagebuch:

9. Juli 1887:
Feodossija. Großer Spaziergang mit Aljoscha. Gespräch mit einem alten Hausmeister in einem etwas höher gelegenen Häuschen. Die Aiwasowski-Galerie . Ein eigenartiger Kauz, dieser Aiwasowski mit seiner komischen Galerie. Saßen im Restaurant am Meeresufer und tranken Tee. Auf dem Dampfer. Nach dem Ablegen um 10 Uhr entfernte ich mich und legte mich bald schlafen.

12. Juli 1887
Um 8 Uhr aufgestanden. Telegramm von N. D. Kondratjew. Nach den Zeitungen und dem Tee sowie nach fruchtlosem Suchen in den Kursbüchern der Eisenbahn (bei uns geht doch alles durcheinander) bin ich in die Kirche gegangen. Die Kathedrale war riesig, sprach mich aber nicht an. Gesungen wurde dort nicht besonders, und die Auswahl der Gesänge fand ich einfach empörend. Wie immer machte mich der Gesang wütend. Nur auf dem Dorfe kann man sich die Diakone anhören, ohne sich zu ärgern. Das Wetter ist wieder schlechter geworden. Im Regen bin ich spazierengegangen und habe im Café auf dem Boulevard gesessen. Zu Hause. Schwermut bis zu Tränen. Abfahrt. Schrecklich, sich nun von Aljoscha zu trennen. Ich saß im Abteil mit einem Juden und einem noch recht jungen brünetten Engländer aus Odessa. Den J… führte man dann irgendwo hin. Ich blieb über Nacht mit dem Jüngling, der sehr angenehm war. Schlief gut. Wolotschisk. Beschlagnahme von hundert Zigaretten.

Seinen Trennungsschmerz von Aljoscha und den Verlust von hundert Zigaretten hat er „mit dem Jüngling, der sehr angenehm war“ dann spätestens in Georgien leidlich überwunden – das aber ist eine andere Geschichte. Außer Reden war zwischendurch wohl nichts, er saß ja mit dem angenehmen Jüngling  im Zug der russischen Eisenbahn.

Und über die heute feministisch vereinnahmten Amazonen und Walküren weiß das allzeit hilfsbereite und altkluge Wikipedia übrigens zum letztendlichen Schluss zu berichten:

Auch die Walküren, die Botinnen Wotans aus Walhalla in der nordischen Sagenwelt, werden von Feministinnen als Amazonen betrachtet. Allerdings handelte es sich bei den Walküren ursprünglich um Totengeister, die erst in spätgermanischen Mythen vermenschlicht wurden. Unter den Wikingern gab es insofern „Amazonen“, als es weibliche Kampfgefährtinnen der Wikinger gab, die auch das Schwert ergriffen. Die norwegische Flotte, die im 10. Jahrhundert in Irland einfiel und Ulster niederbrannte, wurde von einer Kriegerin angeleitet, die „die rote Frau“ genannt wurde. Es handelte sich bei dieser Frau um die Tochter eines bedeutenden Wikingers, die auf einem Rachefeldzug Stammeskrieger auf die irische Insel führte.
Im keltischen Irland selbst war es bis ins 7. Jahrhundert nicht verboten, wenn Frauen ihre Männer als Kampfgefährtinnen unterstützten, dann wurde den Frauen von der christlichen Kirche das Tragen von Waffen verboten. In den Ländern um das Schwarze Meer herum trugen einzelne Frauen bis ins 18. Jahrhundert hinein Männerkleider, ritten rittlings und kämpften an der Seite der Männer. Ihr taktischer Wert war auf Grund ihrer geringeren Körperkraft allerdings gering, und ihre Verwendung war dem der jugendlichen Verbände gleichgestellt.*)

*) Was dieser letzte Satz wohl bedeuten könnte, darüber schweigt sich Wikipedia aus … Sicher scheint nur, dass Tschaikowski weder was mit den Walküren, noch mit Wagner, noch mit der Neunten Woge auf Aiwasowskis Monumental-Gemälde „Die Neunte Woge“, das im russischen Museum in St. Petersburg die Besucher – auch mich – in seinen Bann zwingt, noch mit Aiwasowski selbst am Hut hatte. Ich frage mich also besorgt, was soll das mit diesen sinnfreien Tschaikowski-Zitaten?

Und nun folgt noch einmal dieser Walkürenritt, nun aber mit Samples der Riegerorgel des Konzerthauses Wien (Vienna Konzerthaus Organ) eingespielt.

 

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