Kiskörös II

Heute, also an dem Tag, den ich schildern will, ist Freitag der 3. September 2010. Frühs besuchten wir als erstes den Kindergarten von Kiskörös. Doch Bilder davon gibt es nicht in meiner Galerie: ich hatte leider nur daran gedacht, den Ersatzakku mitzunehmen, doch der zugehörige Fotoapparat blieb im Auto vergessen liegen. Wer von den Mitreisenden Bilder von unserem Besuch hat und möchte, dass ich sie in diesem Artikel veröffentliche, kann sie mir gerne schicken (per Kontaktformular).

Überhaupt kann jeder unter jedem Artikel Kommentare hinterlassen, Berichtigungen und Ergänzungen veröffentlichen, das ist der Vorteil eines Weblogs gegenüber einer Website! Mit dem Merken von Namen habe ich seit Kindheit an ein Problem, insbesondere wenn ich mir sehr viele neue Namen merken will. Daher habe ich auf  das Nennen der Namen bzw. der Titel fast immer bewusst verzichtet, wenn es sich nicht um einen offiziösen Anlass handelte.

Danach reisten wir zu den Weinbauorten der Donauschwaben, nach Hajós und nach Nemesnádudvar (Nadwar). Hajós ist eine Siedlung der Weinbauern, dort gibt es die größte Konzentration von Weinkellern und -keltereien in Europa, mehr als 1200 sind in Hajós längs der Straße aufgereiht, in denen sich die Weinbauern auch des Sommers aufhielten, um ihren Wein zu bewachen

Zu Nadwar fand ich keinen deutschen Web-Link über die Geschichte des Ortes, drum hier sinngemäß zitiert aus Georg Richter „Zur Geschichte von Nemesnádudvar“. In Das Jahrbuch der Ungarndeutschen 1980, S. 92-98:

Nadwar liegt etwa 120 km südlich von Budapest im Komitat Bacs-Kiskun; Baja ist die nächste größere Stadt. Es ist im Jahre 1431 erstmals urkundlich erwähnt worden, verschwand aber während der Türkenherrschaft von der Landkarte: Der „Ort wurde vernichtet und in die Reihe unbewohnter Orte eingruppiert. Von 1647 bis 1695 ist Nadwar nachweislich unbewohnt.“Bald nach dem Frieden von Karlowitz (1699) betrieb der Grundherr, Graf Emerich Csáky, Erzbischof von Kalocsa, die Wiederbesiedlung. Bereits für 1715 sind erste Neuansiedler, Slowaken, fassbar, 1724 die ersten Deutschen. Ihre Herkunft ist zu Teilen geklärt: Urkundliche Vermerke weisen für einzelne Zuwanderer in die Pfalz und ins – heutige – Nordbaden, unter anderem nach Neibsheim, Orts­teil von Bretten bei Karlsruhe; zwischen Nadwar und Neibsheim besteht seit einigen Jahren eine Gemeindepartnerschaft. Der Ort lag in einem Überschwem­mungsgebiet und wurde 1767 in sicheres Gelände umgesiedelt, was möglicher­weise für eine spätere Sozialstruktur von Bedeutung wurde. Bis in die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg war Nadwar nahezu rein schwäbisch. Nach dem 2. Weltkrieg begann die Vertreibung der Deutschen aus Ungarn.

Die Geschichte der Vertreibung findet der Interessierte im  Portal der Ungarndeutschen,  aber dort auch sehr viel über frühere Geschichte und die Kultur dieser Volksgruppe. Wie sehr die ungarische Regierung bereits 1956 wieder auf die „die deutsche Schaffenswut“ der Donauschwaben setzte, kann man in Spiegel online nachlesen.

In Nadwar wurden wir köstlich und sehr freundlich bewirtet, so dass wir diesen Ort  in dankbar-heitererer Stimmung, wenn auch sehr ungern, und das nicht nur wegen des genossenen Weines und Brandys verließen.

Übrigens: Zur Entstehung der Brandytradition in Ungarn gibt es übrigens eine sehr aufschlussreiche Legende:

Die islamische Besetzung bedeutete gleichzeitig auch den Niedergang und das Absterben der blühenden Weinkulturen, erklärt doch der Koran den Weingenuß als Todsünde. Dieses drakonische Verbot erließ einst der sein Volk mit militärischer Disziplin zusammenfassende Prophet Mohammed, doch rankt sich auch um die Entstehungsgeschichte dieser Vorschrift eine alte Volkssage. Während   seiner   Wanderungen — so berichtet die Überlieferung — soll Mohammed in ein Haus eingekehrt sein, wo gerade Hochzeit gefeiert wurde. Er sah die heitere Stimmung, das freundliche Lächeln der Gäste und fragte nach deren Ursache. Man sagte ihm, die Quelle der Heiterkeit sei der gute Wein. Da freute sich der Prophet und segnete dieses freudespendende Getränk, das, wie er sich ausdrückte, die Menschen den Engeln gleich mache. Drei Tage waren vergangen, als Mohammed auf dem Rückweg durch denselben Ort kam. Doch da war von den heiteren Hochzeitsgästen keine Spur mehr vorhanden. Er fand statt ihrer nur Trümmer, Zerstörung und Verderben, und überall lagen unbestattete Tote herum. Als er sich nach der Ursache dieser unheilvollen Veränderung erkundigte, erzählten ihm die Nachbarn, daß diese freundlichen, gutgelaunten, wohlwollenden Leute nach übermäßigem Weingenuß unbändig über einander hergefallen seien und die muntere Hochzeit in ein allgemeines Gemetzel ausgeartet sei. Da widerrief Mohammed den zuvor erteilten Segen und verfluchte den Wein, der die Menschen nicht nur den Engeln, sondern ebenso auch den reißenden Tieren gleich mache, und erklärte den Genuß dieses Getränkes fortan als Todsünde.
Das Trinkverbot bezog sich in dem von den Türken beherrschten Landesteil allerdings nur auf die mohammedanische Bevölkerung, und auch diese hielt sich lediglich zu Beginn ihrer Eingewöhnung an das Verbot. Der einheimischen Bevölkerung wurden hingegen so drückende Steuern und Abgabepflichten auferlegt, daß der größte Teil des Weinertrages von diesen aufgezehrt wurde. Als sich dann die Türken mit der Zeit an ungarische Sitten und Lebensumstände gewöhnten, begannen auch die den Freuden und Annehmlichkeiten des Lebens durchaus nicht verschlossenen Paschas, Begs und Agas auf Mittel und Wege zu sinnen, die es ihnen gestatten sollten, sich „ruhigen Gewissens“ dem Genuß des Weines hinzugeben, und infolge der damit wieder auflebenden Nachfrage erlebte der ungarische Weinbau, vor allem auf dem Sandboden der großen ungarischen Tiefebene, neuen Aufschwung. Als wirksamstes und bewährtestes Mittel dieser „Gewissensberuhigung“ erwies sich die Weindestillation. So modern auch das Wort „Brandy“ klingen mag, es war doch der Weinbrand, der vor einem halben Jahrtausend die vielen durstigen Türkenkehlen vor dem Verschmachten bewahrte. Da nämlich Mohammed den im 14. Jahrhundert von trinklustigen Arabern erfundenen Alkohol noch nicht gekannt haben konnte, kann er dessen Genuß auch nicht verboten haben, erklärten die spitzfindigen türkischen Schriftgelehrten und fanden damit den gewünschten Ausweg zur Umgehung des Koranverbotes. So fand denn das von den Arabern erfundene, mit der Zeit vervollkommnete und von einem italienischen Chemiker vereinfachte Verfahren des Weinbrennens im ganzen türkischen Reiche, mithin auch in den von den Türken besetzten ungarischen Gebieten, rascheste Verbreitung.

Aus Zoltan Halász „Das Buch vom Ungarwein“ Corvina, Budapest, 1958.

Am Nachmittag besuchten wir dann die Eröffnungszeremonie des „Weinfestes und der slowakischen Nationaltage“ und erlebten unter anderem die feierliche Aufnahme der neuen Mitglieder ides „Kisköröser Weinordens“ und die Preisübergabe des „Weinbau von Kskörös“, dokumentiert in meiner Bildergalerie.

Danach waren wir  zu einem frugalen Abendessen von der Kiköröser Feuerwehr eingeladen, es wurde gegessen und getrunken bis manchem lange Ohren wuchsen, wie die Bilder beweisen: „war halt doch ein schönes Fest, alles wieder vollgewest“. Trotz aller guten Vorsätze ob des Bauchumfanges nicht zu völlern und des schweren Kopfes am anderen Morgen nicht zu trinken, wenn man doch so gastfreundlich mit gutem Essen, Wein und Brandy verwöhnt wird:

Hieraus mag nun jeder sehen, was ein guter Vorsatz nützt,
und wozu auch widerstehen, wenn der volle Becher blitzt?
Drum stoßt an! Probatum est: Heute wieder voll gewest!

Danke, liebe Kisköröser Feuerwehr für das probate Durstlöschen!



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