Die Milseburg

(833m)

Am Bieberbach, vom traulichen Kleinsassen
Hinauf, da liegen sie, achtschichtigfach,
Gar schaurig, grau und kahl: der Milsburg Felsenmassen!
Einst von Raubritterwut umgrollt,
Nun friedlich vom Dampfzug umrollt -,
Schützen sie das Haunethal.

Die Inhaber dieser ehemaligen Veste konnten sich nicht nur recht eindringliche Blicke, sondern auch leicht die einträglichsten Uebergriffe in die westtullifeldischen Ritter-, Abtei-, bezgl. Amtsbezirke gestatten, so daß wir Veranlassung genug haben, die „Milseburg“ mit in unsere Umschau zu fassen; gleichviel, ob es entschieden ist oder nicht, daß das Milseburger Territorium zum eigentlichen Tullifeld zu zählen sei. Im „Fuldaischen“, rechts der Oberfulda und links der Oberulster, im Quellgebiet der Haun liegt die „Milse“, zu ihren Füßen winden sich der Bieber- und Scheppenbach. Es ist noch fraglich, ob die Burg mehr dem alten Amte Bieberstein, oder dem Gerichte Hilders (Amt Auersberg) unterstellt war; die uns bekannten Chroniken nennen den ursprünglichen Dynast oder Machthaber des Milsegebiets auch nicht. Ebensowenig hat man eine unbestrittene Deutung des Namens „Milse“-Burg.[1]

Daß die Milseburg schon 980 bestand, läßt eine Urkunde Kaisers Otto II. annehmen, was auch Bechstein’s Sagenbuch erwähnt, dem Andere nacherzählen: ,,Landgraf Ludwig von Thüringen fing 1114 den im Gefolge Heinrichs V. mitgezogenen Abt Wolfhelm von Fulda bei der Belagerung der Wartburg und hielt ihn drei Jahre lang auf der Milseburg verstrickt. Später gewann ein tapferer Abt, Namens Erlof mit gewappneter Hand diese und noch eine andere dem Hochstifte entrissene Burg und besetzte beide mit treuen Mannen, so wie er sie von Neuem befestigte«. Eine Chronik von Fulda (1839) berichtet: „Wolfhelm, schon 1109 von Heinrich V. erwählt, der ihn aber später doch nicht leiden konnte, mußte drei Jahre lang auf der Milseburg bei Kleinsassen, wohin er von Heinrich verbannt worden war, schmachten. Als Wolfhelm wieder frei ward, ließ er die Milseburg gänzlich zerstören. 1109 bis 1113 erbaute er das später so berüchtigte Raubschloß Haselstein. Abt Erlof (Herlof) 1114, als „Wolf“ gestorben, zum Abt erwählt, von Heinrich V. auch bestätigt, widersetzte sich allen Regeln und Ordnungen des Stifts, war verschwenderisch und baute auch 1116 die Milseburg wieder auf. († 1122). – Abt Marquardus errichtete dazu die nahe Bergveste Bieberstein aus Furcht vor den Burgbesitzern zu Milseburg und Haselstein. († 1168).“ –

Dr. Schneider giebt folgendes Geschichtliche zur Milseburg an:

Auf der Milseburg soll eine alte Ritterburg gestanden haben, von der man aber keine Spur mehr findet. Sie wurde angeblich 1350 wegen des vielen Raubens ihrer Besitzer von dem Abte Erlof (II.) zu Fulda zerstört. Daß Abt Wolfhelm, welcher bei der Belagerung der Wartburg 1114 vom Grafen Ludwig dem Eisernen[2] gefangen genommen wurde, hier (auf der Milseburg) vier Jahre lang in sicherm Gewahrsam gesessen habe -, das ist an und für sich unwahrscheinlich und ein grober Irrthum. Der Ort des Gefängnisses war Merseburg, wie schon die alten Fuldaischen Geschichtsschreiber Brower und Schannat andeuten. – Die Ritter der Milseburg sollen der Sage nach auf der nahen „Danzwiese“ ihre Feste gefeiert und ihre Söhne sich im Weiher am „Bubenbader Felsen“ gebadet haben, woher beide Namen entstanden.[3]

Es mögen wohl auf dem Berge Befestigungen und Verschanzungen der Herren von Eberstein gewesen sein, (vielleicht mehr aus dem der Milseburg vorliegenden „Liedenküppel“); die Stammburg der Ebersteiner war auf dem Tannenfels bei Brand, etwa anderthalb Stunden östl. von der Milseburg, jetzt eine (605 m) hohe Ruine. Die Herrschaft der Herren von Eberstein kam 1540 durch Kauf an die Herren von Rosenbach, welche sie bis zu Anfang unsers Jahrhdts. besessen haben. Ihren Erben, den Herren von Guttenberg[4], von Zobel und von Sickingen gehört die Milseburg und Umgebung heute noch. Vordem hatten die Standesherren einen Patrimonial-Gerichtssitz in Schackau bei Kleinsassen, zwischen Milseburg und Bieberstein.“

Ueber Gestein Form und Großartigkeit der Milseburg spricht sich Bechstein folgendermaßen aus: „Die Milsburg oder Milseburg ist ein mächtiger Klingsteinberg der Rhön, den man in weiter Ferne mit seiner eigentümlichen Form über seine Nachbarn emporragen sieht. Diese Form gleicht einem der hochgetürmten Heuwagen, welche im Juni so zahlreich von den grasreichen Flächen des Hochgebirgs fahren, und heißt deshalb Heufuder. Sie gleicht aber auch einem Sarge und wird vom Volke Todtenlade genannt. Der heilige Gangolfus wählte diesen Berg zum Lieblingsaufenthalt, darum heißt er auch Gangolfsberg.[5] Viele wunderbare Basalt- und Phonolitfelsenbildungen zeigen die Gipfel des Rhöngebirgs, deren Entstehung dem Teufel von der Volkstümlichen Ueberlieferung zugeschrieben wird, so, nahe der Milseburg, südlich der Teufelsstein, ähnlich den Ruinen einer alten Burg mit einer aufragenden Turmpyramide.[6]

Spieß giebt der Milseburg von allen Höhen der kuppenreichen Rhön den Vorzug, indem er schreibt: „da ragt vor allem die hochromantische Milseburg hervor!“ Fuchs jedoch singt:

„Wie der Leuchtturm aus den Wellen,
die an seinen Fuß zerschellen,
Wie die Palme hoch und hehr,
Wie des Domes stolze Bogen
hoch im Aetherkreis gezogen.
Ragt sie aus dem Wolkenmeer.“ –
und ruft endlich aus:
„Wahrlich das finstere Felsgerüste der Milseburg gleicht dem Sinai!“

Als ich vor etwa 44 Jahren mit meinem Vater und mit einem Schwager beim Aufstiege zur Milseburg von einem starken Gewitter übereilt wurden, zuckten schreckliche Blitze um den Berg und grollten arge Donner, wovon er erbebte, und schaurige Wolken umhülIten den Abhang. (Da hätte man an Mose 19, Vers 16 u. 18 denken dürfen!) Wir schwebten in Todesgefahr. Nach dem Unwetter betraten wir die alte BergkapelIe, deren Kanzel massiv an der Außenseite sich befindet.

Gebirgs-Charakter der „Milseburg“: Der Berg erstreckt sich von Nord nach Süd in Form einer liegenden, dreiseitigen Pyramide mit abgebrochener Spitze, deren scharfe, obere Kante sich nach Süden erhebt, wo die Grundfläche von der höchsten Spitze aus äußerst steil abfällt. Der Fuß erhebt sich von Schackau aus auf Thonlager; weiter aufwärts folgt Basalt mit Hornblendekrystallen, der obere Teil ist Phonolith. Die ungeheuern, zerklüfteten Felsblöcke, von welchen im Laufe der Zeit Bröckel und Massen in die Tiefe gestürzt sind, geben dem Berge ein zerrissenes wildes Aussehen. Die schönsten der Felspartieen finden sich nach Norden, die sogenannte kleine Milseburg, dann westlich auf der halben Höhe die beiden „Schnittlauchfelsen.“ Die Ausbreitung der Milseburg ist allseitig von natürlichen Felsen wie mit einer Mauer umgeben; nur in einem Teile des nördlichen Felsenwalles scheint künstlich gefügtes Cyklopenmauerwerk zu bestehen, wodurch es wahrscheinlich wird, daß die Milseburg eine vorhistorische Volksburg, eine befestigte Wohn- und Kultusstätte gewesen ist.“ – (n. Schneider.)


aus
C. E. Bach
„Im Tullifeld“
Eine historisch-landschaftliche Umschau in engerer Heimat
– der Vorderrhön –


[1] Die üblich gewordene Schreibweise ist mit „s“, indessen die Spezialkarte von Reymann (Verlag von Flemming in Glogau) Milzeburg angiebt. Man hat versucht, den seltsamen Namen von mils (keltisch oder gallisch=Riese, oder von melusine=Fee, Meernymphe) herzuleiten. Könnte man aber mit gleichem Rechte nicht auch das lateinische miles=Soldat, Söldling als Grundwort annehmen, sodaß Milesburg=Sitz der besoldeten, bewaffneten Schutzleute war, welche im Dienst der ersten Besitzer, mutmaßlich der Fuldaer Aebte, Wache hielten?

[2] Ludwig der Eiserne wurde erst 1128 geboren.

[3] Danzwiesen ist ein Weiler am vordöstl. Fuße der Milseburg; südöstlich, eine Viertelstunde von Milseburg, am Bubenbaderstein, war ehedem der Bubenbaderhof, da sieht man einen mit 2 Kuppen aufsteigenden Phonolithfelsen. Schneider erwähnt auch eine Sage, wonach die siebente Tochter eines Milseburger Ritters, der sieh nach einem Leibeserben sehnte, durch Baden in diesem Weiher sich in einen Buben verwandelt habe.

[4] (Siehe Heft II. S. 113).

[5] Da es der Milseburg an einem Brunnen fehlte, kaufte Sankt Gangolf einem Fuldaer Bürger dessen Garten-Brunnquell ab; der Verkäufer verweigerte aber dem heiligen Einsiedler den zugehörigen Grund und Boden. Gangolf füllte einen tüchtigen Kasten voll des frischen heilsamen Wassers, trug ihn bis unter den Gipfel der Milseburg und goß ihn dort aus. Da entstand hier der kühle, erfrischende Gangolfibrunnen, im Garten des Fuldaer Bürgers war aber von Stund’ an der Brunnquell versiegt. (n. Bechstein.)

[6] Als der Teufel sah, daß man auf der Milseburg eine Kirche baute, verhieß er einem Bewohner der Gegend, auf einem Nachbarberge ihm ein Wirtshaus zu erbauen; und der Mann gelobte ihm sich und seine Seele, wenn das Wirtshaus einen Tag eher fertig wäre, als die Kirche. Diese half der wunderkräftige Sankt Gangolf bauen, und sie war fix und fertig, als der Teufel eben mit dem letzten Stein durch die Lüfte daher geflogen kam; in satanischer Wut schleuderte er den mächtigen Felsstein auf das unvollendete Wirtshaus, daß es zertrüinmierte und – seine Gesteine liegen als Felsen wie gespaltene Eichenstämme in einem Haufen über- und untereinander. (n. Bechstein).


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