Die Burg Vacha

Von der „Grasburg“ aus unsere Wanderung fortsetzend, gehen wir auf der Höhe zwischen der ,,Sommer- und Winterliede« oberhalb Oberbreitzbach durch den Laubforst in 1½ St. nach Unterbreitzbach, wo wir eine der scharfen Krümmungen der Unterulster iiberschreiten. Rechts derselben, nördlich vom „Rosenberg“ in das liebliche Wiesengründchen hinabsteigend, gelangt man in 35 Minuten nach Vacha. (250 m.)

Ueber diese alte Stadt läßt sich aus den Chroniken im Allgemeinen mehr sagen, als insbesondere über deren ehemalige Burg; und doch hat diese in den Zeiten der Ritter- und Kirchenlehen oder des Feudalwesens große Bedeutung gehabt. Wir werden in Anerkennung der von Lehrer P. Grau 1891 zusammengestellten reichhaltigen „Chronik der Stadt Vacha“ uns hauptsächlich auf dieses Schriftwerk stützen, doch aber daneben, in andern ältern Chroniken vorkommende Angaben über Vacha auch beachten. (Heft I. S. 13. 31. 69.)[1] Kronfeld schreibt: »Das erste Hervortreten Vacha’s, 817, wird erwähnt bei dem Tausche, den Abt Rathgarius zu Fulda mit Kaiser Ludwig getroffen. In der Fuldaer Chronik ist Heinr. IV. v. Erthal, 48. Abt von Fulda, „ein Buchonier“, (der 1261 starb), als derjenige angegeben, welcher 1260 die Stadt Vacha, wie auch Brückenau, mit Mauern und Gräben umgab. Er ließ zur Seite der Werrabrücke eine Burg errichten. Ein anderer schloßartiger Grundbesitz liegt am nordöstlichen Ende der Stadt und wird „die Burg“ genannt. Hier hatten in alten Zeiten die fuldaischen Schirmvögte ihren Sitz. In diesem Jahrhundert wurde in dem Gebäude eine Reihe von Jahren Wollkämmerei und Wäscherei betrieben -. Auf dem Raume steht mit den Ueberresten der Stadtmauer in Verbindung ein hoher runder Turm; auf der Südseite ist ein 2. besser erhaltener, aus der Westseite ein 3. teils abgetragener. Das Stift Fulda war in Folge häufiger Geldverlegenheiten nicht im Stande, die Stadt Vacha zu behaupten. Schon 1340 verpfändet Abt Johann von Merlau an Albrecht von Remrode 30 Pfund Heller aus der Lade zu Vacha. Hieraus schossen Eberhard und Gottschalk von Buchenau, gegen Verpfändung von 2 Drittel der Stadt und des Amtes 12000 Gulden vor! – 1445 errichtete Abt Hermann II. eine Münze in Vacha. – 1467 brannte die Stadt bis auf 5 Häuser ab. – 1611 überließ Abt Johann Friedrich von Schwalbach das bisher Verpfändete, und 1648 erwarb die Landgräfin Amalia Elisabeth das noch Fehlende von Stadt und Amt für 11,700 Thlr. dazu; so kam Vacha an Hessen.“

Grau bringt die Geschichte Vacha’s in folgende Abschnitte: „I. Vacha, zur Abtei Fulda gehörig, (von Kaiser Ludwig dem Frommen, 840 bis 1406; II. Vacha., eine verpfändete Stadt, unter 2 Herren (1406-1648); III. Vacha, eine hessische Stadt (1648-1806); IV. Vacha, als königl. westfälische Stadt, (1806-1815); V. Vaeha, als hessische Stadt nach dem Sturze des Königreichs Westfalen; VI. Vacha., als großherzogl. sächsische Stadt (1815). – Ueber den Ursprung von Vacha läßt sich wenig sagen. Ludwig der Fromme hat daselbst um 847 n. Chr. ein Gut gehabt aber ungewiß ist, auf welchem Platze, vermutlich im sogenannten „Stoff“.

„In der Folgezeit erwarben die Grafen von Henneberg von denen von Frankenstein einen Teil der Gegend mit weit darüber hinausgehendem Jagdbezirk. (Dabei wird das Dorf Schorn als Wüstung genannt.) Die Burg zur Seite der Werrabrücke[2] auf der Stelle, die noch jetzt die Burg heißt, ist teilweise bis auf unsere Zeit erhalten geblieben und jetzt in Privatbesitz. Sie hieß vermutlich der Wendelstein oder Winterstein und bildet einen viereckigen Hof; sie war mit besoldeten Burgmannen oder mit Pfandinhabern besetzt, die aus dem niedern Adel der damaligen Zeit, der bald auch in den Namen umliegender Orte sich zeigt, hervorgingen.[3] Als Burg- und Schirmvögte von Vacha werden besonders aufgeführt: Heinrich von Bienbach, 1321; Berth. und Apel von Buttlar, 1360; Wolfram von Ostheim, 1388; Fritz von Herda, 1396; Johannes von Bibra, 1399. . . . Die von Kronfeld erwähnte Verpfändung Vacha’s für 12000 Gulden übernahm (n. Grau) der Landgraf Ludwig von Hessen, lt. Urk. v. 10. Okt. 1406. Dabei hatte sich der Abt gewisse Rechte und Einkünfte, die geistlichen Angelegenheiten vorbehalten. 1416 schlossen zu Vacha Landgraf Ludwig I. von Hessen, der Friedsame, mit Abt Johann von Fulda und dem Bischof Johannes von Würzburg zu gegegenseitiger Verteidigung ein Bündnis. (Betreffs der v. Abt Hermann II. 1455 in Vacha errichteten Münzstätte bemerkt Grau: die da geprägten Münzen hatten Vacher „Were“ d. i. Währung, und fast alle trugen ein schlecht getroffenes Bild des zeitweiligen Abtes mit der bischöeflichen Mitra (Mütze.)

Die Lage Vacha’s, sein Schutz durch Mauern und Gräben waren es, was den Grafen Wil1lelm[4] von Henneberg (VI.) in seinen Streitigkeiten mit Hessen veranlaßte, sich hier einen festen Punkt zu suchen. 1518 im Septb. griff er mit 300 Reitern und einer Schaar Fußvolk die Stadt an; durch nächtlichen Ueberfall stand er schon auf der Stadtmauer, als aufgeschreckte Weiber ein lautes Geschreis erhoben, wodurch die bewaffneten Bürger in Alarm kamen und sich tapfer wehrend den Feind zurücktrieben. – 1611 den 31. Okt. erhielt der Landgraf Moritz vom Abte Johann Friedrich von Schwalbach durch Vergleich gegen Vermehrung der Pfandsumme (s. S. 37 d. Hfts.) um 9696 Gld. vorgeschossener Kriegskosten den Besitz von 2 Dritteilen der Stadt und des Amtes Vacha erblich „so lange ein Landgraf von Hessen übrig sein werde.“ u. a. m. In diese Zeit fällt das Leben und Wirken eines tapfern Kriegs- u. Staatsmannes und frommen Wohlthäters der Stadt Vacha. Es ist Caspar von Widemarkter.[5]

1630-40 lagen Kaiserliche Kriegsknechte in Stadt Vacha. 1631, als 3 Compagnien Infanterie und viele Reiter des Grafen Fugger hier lagerten, zog Landgraf Wilhelm von Hessen mit 3600 Mann Infanterie und 1000 Mann Reiter und 3 Campagnieen Jäger vor die Stadt, eroberten sie und ließ die ganze Besatzung bis auf 114 Soldaten niedermachen; Obrist Kitteritz und andere Off1ziere wurden nebst einem Geschütz als Beute nach Kassel gesandt. – Am 18. Okt. 1634 fielen die barbarischen Kroaten in Vacha ein, plünderten und mißhandelten die Einwohner!

Die Stadt war sehr herunter gekommen, sie hatte 10,785 Gulden Schulden. – 1757 durchzogen die Franzosen unter Prinz Soubise mit 45000 Mann auf dem Wege nach Sachsen das ganze Hessenland; 11 Tage lang fanden Durchzüge in Vacha statt, das Amt mußte 27.150 Mlt. Frucht liefern. 1759 übten die Reichstruppen viele Erpressungen aus. Die Hessen standen damals unter dem Commando des Generals von Urff. Vor dem Abmarsch wurden dem Amt Vacha 20,000 Thlr. Brandschatzung auferlegt. 1760 im August kam wieder ein Kommando Kaiserlicher Soldaten nach Vacha, nahm 134 Pferde und 6 monatlange Kontribution! – Alle hohen Herrschaften, welche zwischen dem Osten und Westen verkehrten, mußten (der Hauptstraße und Werrabrücke wegen) über Vacha. (Von den 2 adeligen freien Burgsitzen mit Nebengebäuden und Ländereien war die „Widemark“ 1771 in Besitz der Dehn-Rothfelserischen Erben, der andere, die „Kemnate“, gehörte den Erben der Herren von Dörnberg am Herzberg. Mit dem freien Gut am Unterthore waren durch den Prinzen von Hessen-Philippsthal der Obristleutenant Eichards und dessen Erben belohnt. 1800 kaufte der Prinz die Kemnate, und von diesem kam sie dann an den Postmeister C. L. Coch.)

Seit 1806 zum Königreich Westfalen unter „dem Komödiantenherrscher“ Jerome gehörig, sah Vacha unaufhörliche Durchzüge: französische, italienische, russische, östreichische u. a. Krieger innerhalb seiner Mauern. 1813 d. 28. Okt. spät am Abend traf Napoleon (Bonaparte) auf seinem Schimmel reitend, in Vacha ein und stieg in der Widemark ab. Wie anders war doch Napoleons Aufenthalt in dieser Stadt im Jahre vorher auf seinem Rückzuge aus Rußland, da er das kleine Mahl, welches ihm Rustan, der Mameluck, aus der Küche des Adlers brachte und in Ruhe in seinem Wagen hatte verzehren können. – Bis zum Frühjahr 1814 dauerten die Durchmärsche der preußischen und russischen Truppen fort. Auch Kaiser Alexander von Rußland kam durch Vacha in einer zweispännigen Kalesche, von einem einzigen Diener begleitet. Die Stadt Vacha, nach der Flucht Jerome’s wieder nach althessischer Gesetzgebung regiert, – wurde am 2. Febr. 1816 an Carl August, Großherzog von Sachs. Weimar-Eisenach abgetreten: Das Amt Frauensee mit Gospenrode, das Gericht Völkershausen, Gericht Lengsfeld, Amt Vacha mit Stadt nebst der naheliegenden Vogtei Kreuzberg (mit Ausnahme von 7 kleineren Ortschaften), vom Amt Friedewald vier kleine Dörfer, und der Ort Wenigentaft wurden von Weimar in Besitz genommen. – Am 1. Sept. 1878 abends 9 Uhr brach Feuer aus am Oberthor; 64 Wohnhäuser und 140 Nebengebäude wurden ein Raub der Flammen“.

Zusatz n. Schneider: Die „Wid’mark, im Renaissance-Stil trägt hübsche Holzarchitektur. – Die große über die in 3 Arme geteilte Werra bietet guten Ueberblick über das Thal. Auf dem rechten Ufer liegt Weidenhain, hübscher Bergpark des Landgrafen von Hessen-Philippsthal, dessen Residenz eine halbe Stunde abwärts liegt. Nicht weit davon mündet auch die Ulster in die Werra“, bei den Röhrigshöfen, am link. Werraufer, nachdem unmittelbar an der Nordwestseite der Stadt Vacha der Oechsebach zu dieser gegangen ist. (Da, wo zur alten Frankfurt-Leipziger Post- und Frachtstraße, kurz vor der großen Werrrabrücke am „Hessischen Grenzstein“ die Weidenhain-Philippsthaler Chaussee führt, liegt, rechts der Werra, ein früher mehr besuchtes Gasthaus, genannt Sachsenhain, wohin die Vachaer nur einen „Katzensprung weit“ haben, daher es diesen Namen spaßhaftertweise bekam.)


aus
C. E. Bach
„Im Tullifeld“
Eine historisch-landschaftliche Umschau in engerer Heimat
– der Vorderrhön –


[1] Grau giebt betreffs des Namens Vacha verschiedene Meinungen von Chronikschreibern an,

1) z. B. nach Merian, (der bald nach dem 30jähr. Krieg seine Nachrichten gab), sei der Name aus dem latein. Wort ,,fagus·« d. i. Buche entstanden, da man die Gegend von Vacha in der Vorzeit Fagonia=Buchenland genannt habe, und die Schreibweise „Fach“ sei früher auch gebräuchlich gewesen.
2) Wahrscheinlich sei die Benennung „Vacha“ von Vah oder Fach abgeleitet, was ehedem Wehr mit Fischreusen bedeutet habe, da der Fischfang bei Vacha bedeutend war und ist.“ –
3) Andere wollen den Namen von vacca (die Kuh), oder von dortiger Viehweide, ableiten und bringen mit dem Ochsen den Oechsenberg in Verbindung!
4) Das ist noch lächerlicher, als wenn die alten Bauern von Oechsen (vor 50 Jahren) mir sagten: Dorf Martinroda b. Vacha sei in der Gegend auch die „Ochsenschule“ genannt worden, oder habe eine solche gehabt, weil man gern aus die dortige Huth junges Rindvieh in die Zucht gegeben habe. Es war da auch ein Kammergut.
5) Das Henneb. Urkundenbuch bringt in der unterm Jan. 1450 zu Schmalkalden ausgestellten Urkunde Grafen Georg’s von Henneberg die Worte: „uszsprüche und schiede zen Slusungen und zeu Vache“ pp. –
6) Laut eines Aktenstücks (im Kaltennordheimer Amtsarchiv) über die 1619 im July verrichtete Grentzbereitung der beeden Aembter Kaltennortheim und Fischbergk kommt vor: „Ambt Fach und Fachische oder Hirsch– (=Hers-)feldische Grentze.“ B.

[2] 1342 wurde die lange hölzerne Brücke durch eine große Flut zerstört und der Bau der großen steinernen, jetzt noch vorhandenen begonnen.

[3] Heinrich von Sünna, 1062; Hermann v. Buttlar, 1170; BernhoId v. Rockenstole, 1187; Eberhard v. Völkershausen, 1214;. Gerlach v. Borsa, 1240; Eckhard v. Tafta, 1257; Gerlach v. Kraluk, 1371; Conrad v. Pferdsdorf, 1273; Curt v. Geismar, 1386; ·Berthold v. Schleid, 1442; Andres v. Geisaha, 1487 u. a. m. – 1527 war Martin von der Tann Amtmann zu Vacha.

[4] Graf Wilhelm III. v. Henneberg war schon d. 21. Jan. 1442 kriegerisch in Hessen eingezogen (s. Heft II. S. 32.)

[5] Sein Vater stammte aus Donauwörth, hatte in kurfürstl. hessischen Diensten mehrere Feldzüge mitgemacht und sich dann in Leipzig niedergelassen, wo Casp. W. geboren wurde. Dieser studierte in Paris, wurde Offizier unter Heinr. III. (König von Frankreich), wohnte als Hauptm. 1594 der Eroberung von Paris bei; Heinr. IV. v. Frankreich erhob ihn 1596 in den Adelstand. 1597 kam er nach Dtschl. zurück und ließ sich in Weißenfels mit Viktoria geb. Heidenreich kopulieren. Er wurde 1601 Amtmann in Vacha, 1607 Obristleutenant in der Festung Kassel; 1610 im Elsasser Feldzug bei und vor Metz wurde er in den Arm geschossen. 1611 zuriickgekehrt, ließ er 1613-14 sein Haus, „die Widemark“ erbauen; sie ist jetzt landgräflich Hessisch-Philippsthalischer Besitz! 1621 d. 21. Sept. starb W. 56 Jahre alt; seine Witwe lebte noch 14 Jahre. Die Widemarkterschen Ehegatten beschenkten durch Testament Vacha mit Vermächtnissen, die betrugen =4977 fl. 46 Xr. 11/28 Pf. à fl. = 3 Kopfst.


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