Umschau auf alte Tullifelder Kirchen und Pfarreien

„Im Felde vor Salzungen (wie Brückner erzählt) war die Kirche zu Hausen (Husen) wohl der erste christliche Missionspunkt dortiger Gegend; zu ihr waren ursprünglich alle Orte der Cent, so lange sie nicht selbst einzelne Kirchen hatten, eingepfarrt. Als die Stadt Salzungen Burg und Ummauerung bekam, entstand innerhalb derselben die Sankt Simplici-Kirche. Die Gründung der Kirche von Hufen reicht sicherlich in die Zeit des Bonifatius hinauf und war mit gutem Grund dem ,,Sankt Georg, dem Ueberwinder des Paganismus“, d. i. des Heidentums; geweihet und dem Erzbischof von Mainz als Kirchen- und Lehnherrn unterstellt. 1161 soll sie nach Versicherung von Chronisten neu erbauet worden sein. 1341 wurde ihr Lehn dein „Kloster zum Sehe“ (See, wohl Frauensee) übergeben. Der letzte Pfarrer von Husen kam bei Einführung der Reformation als Diakonus nach Salzungen; seit 1536 ist die Husener Kirche nur als Friedhofskirche benutzt worden. – Frauenbreitungen hatte sein erstes Kirchlein auf der Höhe des dortigen Kiliansberges; elf Höfe wurden zur Mutterkirche dieses Ortes eingepfarrt. – Zu Rosa bestand vor 1326 eine Mutterkirche, und Eckarts, Bernshausen, Zillbach, Hellmers und GeorgenzelI bildeten mit ihr den uralten ,,Rösleinverband“; nur ·Zillbach hat sich später davon losgemacht. – Friedelshausen (Vritoldeshusen, 1186 Frittelshausen), bis 1250 Mittelpunkt des Amtes Sand, hatte Centgericht und Blutbann über die Umgegend und war Würzburger Lehn, 1296 unter Bischof Mangold.; der Ort hatte lange vor der Reformation eine Kirche. Wie viele Dörfer an’s dasige Centgericht und an das dasige Wirthshaus, ebenso viele waren als Filiale an die dasige Mutterkirche gewiesen; es galt im Volk der Spruch: ,,Recht, Bier und Gotteswort holt’ man sich zu Friedelshausen.“ Der letzte katholische Pfarrer hieß Nicolaus Marschall. – Roßdorf (Rostorp 782), Marktflecken, hatte zu Ende des achten Jahrhunderts schon mehrere edle Geschlechter, welche auch die Kirche frühzeitig bedachten. 1359 entstand zwischen Stift Fulda und den beiden Landgrafen von Hessen und Thüringen eine Fehde um Roßdorf, welches kirchlich ein Filial von Unterkatz war. Die hoch gelegene Kirche ist wie der Gottesacker sehr beachtenswert. – Oepfershausen (Ophrideshusen), ein ansehnliches Pfarrdorf im Katzgebiete, 1183 urkundlich genannt, hat in der Kirche Familienbegräbnisstätten von Denen von Auerochs und von Heerda. Bis zur Reformation war Oepfershausen Filial von Friedelshausen. – Unterkatz (Kazaha, Niederkatz) ursprünglich eine der ausgedehntesten, ältesten Pfarreien im Amte Sand. Der Bischof von Würzburg übte das Kirchenlehn aus; in den letzten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts muß Würzburg das Patronat über Unterkatz an Kloster Sinnerhausen abgegeben haben. Der letzte katholische Geistliche, Berthold, war 1429 Mitglied eines Sendgerichts zu Meiningen. Kirche, Pfarrhaus und Schule stehen auf einer Anhöhe. – Stepfershausen, nördlich an der Geba, 2 Stunden nordwestlich von Meiningen, urkundlich schon 864 bekannt und 1132 Sterfrideshusen genannt, ist ein großes Pfarrdorf mit großer geräumiger Kirche, deren schlanker Turm mit einem andern, an der hintern Seite des Schulhauses, dem hoch gelegenen Orte ein ehrwürdiges Aussehen giebt. Diese Kirchgemeinde war ursprünglich nach Meiningen eingepfarrt; sie wurde bei Einführung der Reformation zum Dekanat (Oberpfarramt) Kaltennordheim geschlagen. Das Patronat stand ehedem nur den Grafen von Henneberg zu. Das ganze Dorf war früher ummauert, hatte 3 Thore, einen Thorturm und eine Pforte. – Solz, (Suleza, Sulz, unter dem Seedamm) an einer früher geschützten Salzquelle, ein altes Pfarrkirchdorf, über dessen eine Hälfte im 15. Jahrhundert Henneberg und über die andere Sachsen und Hessen die Lehnsherrlichkeit ausübten, bis 1521 Henneberg sie ganz bekam. Der Ort hatte wie in frühester Zeit eine kleine Burg, so auch sehr bald ein Kirchlein, welches bis zur Reformationszeit aber doch drei Altäre besaß. 1601 wurde eine neue Kirche gebauet. (Solz ist der Wohn- und Pfarramtsort des Henneberger Chronisten Heim). – Bettenhausen, an der Weimar-Eisenachischen Grenze, im Herpfgrund, hat eine „dem heiligen Geist geweihte“ Kirche, die bei Beginn der Reformation noch mehrere schöne päpstliche Kleinodien besessen habe. Der Ort hatte anfänglich die Edlen von Hildenburg, dann den Abt von Fulda bis 1320 als Patrone. Die Kirche war mit fester Mauer, mit sogenannten Gaden umgeben, wovon nur noch wenig Überreste zu sehen sind.

Gaden waren ziemlich hohe, starke Mauern, gewöhnlich mit Schießscharten versehen; unterhalb der Mauern befanden sich geräumige Keller, innerhalb des Mauerringes stand die Kirche mit dem sie umschließenden ,,Gottesacker“ oder Friedhof, davor noch freier Hofraum mit Oekonomiegebäuden für den Pfarrer. Alles war durch die Gaden so geschützt und fast verborgen, daß bei Kriegsnöten die wehrlosen Gemeindeglieder sich und ihre unentbehrlichste Habe dahin retten konnten. –

Herpf, (Herfiu, Herifetorp, Erpha, 788 urkundl. schon genannt), an der Unterherpf, mit noch deutlicheren Gadeüberbleibseln, erhielt durch Kaiser Heinrich I. Burggerechtigkeit; in alter Zeit im Besitz der Herren von der Lichtenburg, 1218 von Kaiser Friedrich II. an Fulda mit verschenkt. – Walldorf (Wahladorf), großes Pfarrdorf an der Herpfmündung, dessen Kirche auf einem in das Werrathal vorspringenden Sandsteinfelsen frühzeitig gegründet und erbauet war und auch ihre Gaden hatte, wo sich bis heute castellartige Mauerüberreste zeigen. Im Mittelalter hatte die Walldorfer Kirche ihre einträgliche Wallfahrtsperiode. Die spätere, 1587 erbaute Kirche brannte nebst der Schule im dreißigjährigen Kriege nieder. (Der erste evangelische Pfarrer (1555) war vorher ein Mönch, ,,hatte ziemliche studia“.)

Helmershausen, 856 schon in fuldaischen Schenkungsbriefen erwähnt, hat wohl frühzeitig auch schon eine ansehnliche Kirche besessen, zumal Kaiser Ludwig diesem Marktflecken 1323 – auf Betrieb des Abtes Heinrich von Fulda – das Stadtrecht erteilte, (welches aber unausgeübt blieb). Fulda trat seine Patronats- und Lehnrechte an die Dynasten von Frankenstein ab, welche 1330 den Ort an Henneberg verkauften.

Die jetzige große, schöne Kirche, mit 3 Emporen und vielen Gemälden, 1736 erbauet, zeichnet sich auch durch ihren Turm als eine der vorzüglichsten im Tullifeld aus. Neben den Kirchthüren sind steinerne Ritterbildnisse und Wappen der Mauerwand eingefügt. Das sogenannte schwarze Schloß vor dem Kirchhof gehörte in ältester Zeit den Herren von Erffa, dann denen von Heldritt, hernach denen von Auerochs, und seit 1711 denen von Wechmar, die wahrscheinlich alle auch Patronatsreehte ausübten. –

Aschenhausen (838, ,,vielleicht identisch mit Aseshuson“), nordwestlich vor der Disburg, ein Dörfchen, welches seit 1486 der alten Familie Spessart, später von Spesshardt, vordem der von Linck zuständig war, hatte unter Balthaser Nab ,,Spechsart“ dem Consistorium zu Meiningen wegen Episcopal- (Bischofs-) und Patronatsrechten langwierige Verhandlungen verursacht. 1586 war die Reformation auch für Aschenhausen eingeführt, 1600 legte Nab seiner Gemeinde einen eigenen Kirchhof an, bauete 1606 ein neues Kirchlein auf und stellte einen Ortspfarrer an. Auf einem Stein innerhalb des Gotteshauses, mit dem Speßhardtschen Wappen, ist die Inschrift zu seinem Gedächtnis gegeben:

,,Balthasar R. Spechsart hat fundirt Dis Gotteshaus in solcher Ziert, Als nach der Geburt Christi wahr Tausend sechs Hundert und zwei Jahr, Viel Cost und Mühe gelegt daran, Gott solches zu Ehren sei gethan“

 Im Jahre 1624 starb er und wurde in seiner Kirche beigesetzt. Nahe seinem altem Schlosse und der Kirche ward ein genügendes Pfarrhaus gebauet. Die Armut der mit Juden gemischten Ortsgemeinde u. a. hat es soweit kommen lassen, daß die Pfarrei aufgehoben, die Christengemeinde Aschenhausen Filial von Kaltensundheim wurde und die Pfarreigebäude durch Kauf in den Besitz eines Israeliten gelangten. – Kaltensundheim, das 783 schon urkundlich erwähnt und 1169 noch ,,Suntheim“ genannt und geschrieben ist, hatte im „Papsttum“ eine Kirche oben vor dem Thor des Dorfes, welche die Peterskirche hieß; als letzter katholischer Priester wird Johann Lesser genannt. Zur Reformationszeit stand dieser Ort dem Grafen von Mansfeld, als damaligem Inhaber der Herrschaft Römhild und des Schlosses Lichtenberg zu. 1552 zu Michaelis wurde Balthasar Schreiner, gewesener Mönch zu Rohra, von Suhl nach Kaltensundheim abgeholt. Es ist ein alter bedeutender Marktflecken, seit 819 als Gerichtsort bekannt. Die jetzige Kirche, hübsch „renoviert“, ist 1604 dem aus 1495 stammenden Turme angebauet. Eine lateinische Inschrift, die an der Südseite des Turmes auf einem Quadersteine über der Sockelmauer eingemeißelt ist, lautet auf deutsch: ,,Im Jahre des Herrn 1495 am Vorfeste des heiligen Evangelisten Markus ist dieses Werk begonnen worden“. Die älteste von den vier im Turme hängenden Glocken ist aber laut eingegossener Schrift schon aus dem Jahre 1456, und es ist danach die allgemeine Annahme, daß sie auf dem verwüsteten Platze der ehemaligen Petri-Klosterkirche ausgegraben worden sei, sehr glaubwürdig.

Fügen wir hier auch Einiges über die auf dem Kaltensundheimer Turme noch im Gebrauche befindlichen Glocken bei: Die vorhin erwähnte ,,Klosterglocke« trägt außen, im obern Rande die gegossene Inschrift ,,a. d. | m. cccc. L. VI. yn. die. ere. gotes. und maria. byn. ych. gegossen“ und enthält·noch zwei fein eingegossene Marienbilder. Die zweite Glocke der Größe nach hat die Gußinschrift: ,,Johannes Josephus Kissner in Melrichstat goss mich omnia ad majorem dei gloriam; – dann weiter unten auf dem Glockenmantel stehen die Zeilen: ,,Nur Gott zu ehren, die Leut’ zu wehren, zum Gebet zu kehren, Unglück zu stöhren, laß ich mich hören. – Kein Feind soll’s wehren, Gott woll vermehren Bus und bekehren, mit Segen zu uns kehren. Kaltensundheim 1744“. Die dritte (kleinere) Glocke enthält nur als Inschrift: „Johann Valdin Krick gos mich 1680 (in Hersfeld).“ und die vierte, das ,,Schulglöckchen“, kaum ein halb Meter hoch, ist 1851 von C. P. Ulrich in Apolda gegossen. Laut alter Gemeinderechnung wurde 1574 auch „ein Uhrglöcklein Aufgehennket“, welches aber nicht mehr vorhanden ist.

 Im nordöstlichen Ende der Kirche zu Kaltensundheim zeigt sich, kaum manneshoch über der Erde, ein ganz kleines vergittertes Fenster, welches in einen engen dunklen Raum blicken läßt, der die ursprüngliche Sakristei gewesen sein soll. Hingegen ist an der südlichen Front, zwischen Turm und Kirchbau, aus Bleichwänden die jetzige Sakristei eingestellt; dabei sieht man südlich im Turm ein altes Bogenfenster mit einem darüber in Stein gehauenem Wappen, welches Vierfelderig eingeteilt ist und zwei Hennen zeigt, denen schräg gegenüber zwei Türme stehen. Kronfeld schreibt: „Um die Kirche herum führte ehedem eine äußere Mauer mit fünf Rondeelen und zugleich eine innere mit vier Türmen, so daß dadurch nicht blos die Sicherung des Gotteshauses, sondern auch des Palatiums d. h. des Grafensitzes Wolfframs von Henneberg bewirkt werden sollte. Unmittelbar an der Kirche war der Gerichtsplatz“, aber doch wohl nördlich, außer der äußern Ringmauer. Südlich von der Kirche wurde auf hohem Felsen das Cantorat später erbauet. – Kaltenwestheim bestand schon 1334 als großes Kirchspiel oder Parochie unter der herrschaftlichen Verwaltung des Henneberger Ritters Wolffram von Schrimpf. Der dortige erste evangelische Pfarrer war Johannes Schedner, ,,vorher in Schleusingen und andern Orten im Kloster gestecket, hatte schon seit 15 Jahren, – als vom Papst ordiniert -, bei Einführung der Reformation in Westheim die Stelle. 1607 folgte ihm Magister Martin Vulpius.“ 1796 den 18. März brannte zugleich mit 109 Wohnhäusern die Kirche nieder, welche wohl nicht lange vor 1600 erst aufgebauet worden war. Wahrscheinlich wurde vor diesem Aufbau der Kirche die Kapelle ,,am Altenberg“ noch benutzt, in welcher vor der Reformation Messen gehalten worden sind. Zum Kirchspiel gehörten seit alter Zeit Erbenhausen, Reichenhausen, Oberweid und das ehemalige Dorf Lichtenau; 1612 kam Oberweid davon und das bei der Parochie Tann gewesene Unterweid zu diesem, dem später auch Frankenheim und Birx eingepfarrt wurden. 1693 am 12. Juni wurde zwischen Herzog Johann Georg II. zu Eisenach und dem Ritterhauptmann Heinrich von Tann ,,ein Wiederkauf errichtet“, nach welchem die Dörfer Kaltensundheim, Mittelsdorf, Erbenhausen, Reichenhausen und Oberweid an die Herrschaft Tann abgetreten wurden. Sonach stand das Kirchspiel Kaltenwestheim bis 1728 unter den Herren von Tann; das Kirchenwesen blieb aber unter dem Oberconsistorium zu Eisenach . . . Die zur Westheimer Parochie gehörige Kirche von Reichenhausen ist in alter Zeit dem ,,Sankt Michael“, und die von Erbenhausen dem ,,Sankt Vitus“, die von Kaltenwestheim aber dem ,,heiligen Laurentius“ geweiht worden. Die jetzige Kirche des letztgenannten Ortes hat keinen Turm unmittelbar an sich, sondern über dem Thor zum Schul- und Kirchhof ist ein kleines Glockenhaus eingerichtet. –

Kaltennordheim (Stadtflecken, 795 urkundlich), 1350 bis 1419 dem Stifte Fulda durch Graf Johann I. von Henneberg versetzt, durch Wilhelm II. wieder eingelöst, stand stets aber mit seinen Kirchenrechten unter der Herrschaft Hennebergs. Der Pfarrer von Kaltennordheim verwaltete zugleich die Aufsicht (das Dekanat) über die Parochie von Kaltenwestheim, Kaltensundheim, Fischbach, Dermbach, Neidhartshausen und (oder mit) Brunnhartshausen, wie man aus den Akten über die 1554 erfolgte Anstellung des in Wittenberg ordinierten ersten evangelischen Kaltennordheimer Pfarrers M. Johann Heller, eines geborenen Nürnbergers, erfährt. Er hatte vorher schon als Pfarrer in Rosa 2 Jahre zugleich das Dekanat geführt. Sogar die Pfarrei Stepfershausen (s. S. 61) war ihm zeitweil unterstellt; 1612 kam die neue Parochie Oberweid, wie um dieselbe Zeit auch die Kirche und Pfarrei Aschenhausen, später noch die ehedem von Lichtenberg aus überwachten Pfarreien Wohlmuth- und Helmershausen unter das „Inspektorat von Kaltennordheim“ (wie seit 1690 das Amt des Oberpfarrers auch hieß). Nach wie vor gab es kleine Aenderungen im Dekanatssprengel. 1663 z. B. wurde der Pfarrer M. Johannes Pfüntelius als Dekan „der beyden Aembter Kalten-Northeimb mit Fischbergk der Priesterschaft darinnen vorgestellt und s0lenniter investirt“, d. h. feierlichst eingeführt. Hatte so der Kaltennordheimer Pfarrer viel zu überwachen, so war dagegen aber auch nie ein eigentliches Filial ihm zugewiesen. Vor Pfüntel waren in Kaltennordheim als Pfarrer bezw. Oberpfarrer: 1590 Johann Friderici sen., 1593 M. Wolfgang Brey, 1615 M. Caspar Halbich, 1627 M. Johann Friderici jun., 1636 M. Friedrich Hofmann, 1655 M. Michal Wieber, und nach Pfüntel 1683 Tobias Wenzel, 1690 M. Johannes Laubinger u. a. m.

Bis 1597 hat Kaltennordheim im Flecken selbst keine Kirche gehabt, man mußte sich mit der alten ,,Kilianskirche“ auf dem Hügel am westlichen Ende des Orts begnügen. Nun erst wurde die größere Kirche erbauet und zu ,,Sankt Nikolai“ genannt. Schon 1634, d. 13. Oktober, beim kriegerischen Einfall der wilden Croaten brannte sie nebst den meisten Gebäuden des Fleckens nieder, und es konnte nicht eher als 1666 auf demselben Platze eine große neue Kirche (mit dem 2 Jahre zuvor ausgebesserten und mit Schiefer gedeckten Turm) feierlich eingeweiht werden. 1660 bereits hatte sich die Gemeinde eine neue große, in Würzburg gegossene Glocke angeschafft und 1711 eine noch schwerere für 400 Thaler. 1858, den 24. Juli, als zum zweiten Mal ein großer Brand durch ein wahnwitziges fremdes Mädchen im Stadtflecken angefacht wurden, fiel auch die Nikolai-Kirche samt Pfarrei und Schule in Asche. Die 1719 d. 6. Mai durch eine schreckliche Feuers-Brunst mit 42 Wohnhäusern und 78 Nebengebäuden zerstörte Gottesackerkirche mußte nun wieder, (wie von 1634 an 32 Jahre lang), und nachdem sie selbst 1727 ,,inauguriret«, wie’s im Kirchbuch heißt, d. i. in Stand gesetzt und eingeweiht war, von 1858e an bis November 1867 für den öffentlichen Gottesdienst der Gemeinde auch ausreichen. – So möge denn diese Friedhofs-Kiliani-Kirche noch lange steh’n im Ring’ der mancherlei Denkmale ihrer Stadt, und zwar selbst als das größte:

Nach Abend hin, in der Giebelmauerspitze Steht, halbversteckt, ein uralt’ steinern Rädchen; Was ist sein Sinn? – leit’t es ab die bösen Blitze? – Dem „Gott Merkur“, dem war’s einst geweiht zum Sitze In dieser Flur, daß er Frühling, Fried’ und Handel Auch ihr vergönn’ bei dem raschen Erdenwandel!

Und östlich weht des Türmchens kleine Fahne, Die Henne schwarz; wie schön die grünen Linden Vor ihr gelb blüh’n! und – Ruh’ ist da zu finden.

Kein Glöcklein läutet hier und keine Stunde schlägt; wie viele aber harrten einst vor’m Friedhof hier des Eingangs, als noch – vor zwei Jahrhundert’ – ein „Siechhauß“ mit weiten Siechengarten den Lebensmatten da geöffnet war.

 Fischbach, rechts der Felda, 20 Min. öftlich von der Schloßruine Fischberg, hat jedenfalls frühzeitig eine Kirche besessen, die aber Privateigentum der ,,Edlen de Visbach“ gewesen sein mag. 1183 war auch schon das Kloster Herrenbreitungen in Ort und Flur Fischbach begütert. Die Kirche zu Fischbach war dem Landkapitel Geisa unterstellt, welches zum damaligen Bistum Würzburg gehörte. 1453 besaß Dorf Fischbach bereits seine eigene Pfarrei, und man nimmt mit Recht die dasige Kirche als Mutterkirche der nächstliegenden Orte Diedorf, Klings, Empferts- und Andenhausen an, wennschon versucht worden ist, dem erstern dieser Dörfer solche Ehre zuzusprechen. 1539 war als erster evangelischer Pfarrer in Fischbach Valtin Bischoff. — Diedorf (788, Dyodorsf, Disdorphono u. a.) liegt nördlich am „Höhn“ oder am Fuße des ehemaligen Schlosses Visberg. Dieser Ort ist unstreitig die älteste Ansiedelung im Amtsbezirk Kaltennordheim, ja in dem ganzen Rund des Felda- Oechse- Gebietes. Wie unschätzbar dieses Mittelstück vom alten Tullifeld dem Stifte Fulda und wie bedeutend auch der Einfluß desselben für Diedorf und seine Umgebung gewesen sein muß, läßt sich daraus schließen, daß 1342 Kaiser Ludwig V. dem Abte Heinrich erlaubte, Diedorf zu befestigen, es zu einer Stadt zu erheben und einen Wochenmarkt daselbst anzulegen. Letztere Berechtigung nur kam zur Ausübung. Wann die erste Kirche in Diedorf erstand, ist ungewiß.

In den Kirchenvisitationsakten von 1555 ist einmal die Rede von einem ,,pfahrher zu Diddorff“, doch giebt das noch keinen Beweis dafür, daß Diedorf wirklich eine Parochie und die Kirch-Mutterschaft über Fischbach und Klings besessen habe.

Dermbach (Tirmbach 1186, Thierenbach 1317) links der Mittelfelda, aber abseits, an ,,der Dermbach“, war ursprünglich der Herrschaft Frankenstein zugehörig. 1317 verkaufte Ludwig von Frankenstein das Gericht Thierenbach vor 450 Heller an den Abt von Fulda, wie Heim angiebt. Mehr schreibt Weinrich darüber: ,,Dermbach, ein ziemlich Dorf im damaligen Pfandamt Fischberg, erhielt seinen Geistlichen von dem Fürsten zu Henneberg; erster evangelischer Pfarrer dort war Georg Rupner, anno 1547 von Dr. Förster zu Schmalkalden ordiniert. Dahin gehende filiale waren Brommertshausen, Niedershausen, Unteralba, Hoff Gladbach, Hoff Meberts, Hoff Lindenau und die Dollers-Mühle. Dem Pfarrer wurde befohlen, einen Caplan zu halten und ihn mit freyem Tisch und jährlich 20 Gulden an Geld zu versehen“ Kronfeld berichtet: 1716 wurde in Dermbach ein katholischer Geistlicher, der Franziskaner Mönch Paulus Wolff aus Erfurt für die im ganzen Amtsbezirk bestehenden 75 katholischen Familien angestellt. 1730 wurde die Erbauung eines Klosters in Dermbach von Adolf von Dalberg unter der Bedingung verfügt, daß die Klosterkirche zugleich Pfarrkirche werde. – Die protestantische Kirche ist 1714 umgebauet, nur der Turm blieb bei dem Umbau von der alten Kirche übrig. – Urnshausen (Oreshusen) am Bache Wiesenthal, kam zeitig durch die Herren von Nithardeshusen großenteils in den Besitz der Probstei Zella, was 1184 Bischof Reginhart von Würzburg bestätigte. 1258 gab der Dynast Ludwig von Frankenstein der dasigen Kirche einige Einkünfte zu Fischbach. – Der erste evangelische Pfarrer hieß Wolfgang Heffner und war (nach Sauers Bemerkung) vorher ein Kürschner, besaß aber ziemliche Kenntnisse in Religion. – Im Mai 1865 verheerte ein furchtbarer Brand auch die alte, verhältnißmäßig große und schöne Kirche – Lengsfeld, Stadt an der Felda, gehörte ehemals erst den Herren von Frankenstein, in kirchlicher Hinsicht zu allererst dem Stifte Hersfeld. 897 haben die Aebte von Fulda im Namen der Kirche lehnherrlichen Anteil an Lengsfeld bekommen. 1475 überträgt Fulda seine lengsfelder Besitzungen an einen Philipp von Herda . . . Ueber Gericht Lengsfeld sind zwischen den zeitweiligen Besitzern und dem Stifte Fulda weitläufige, kostspielige Kämpfe geführt worden. – Dorndorf an der Werra, welches in alter Zeit mit Frauensee und Crayenberg die Mark „Thorendorf“ bildete, gehörte damals dem Stifte Hersfeld. Die dasige Kirche wurde 1328 dem Kloster Creuzberg inkorporiert oder zugewiesen, welches eine viertel Stunde unterhalb Vacha lag, und wo seit 1686 der Ort Philippsthal ist. Zur Parochie Dorndorf gehört das Filial Kieselbach, das meiningische kirchlose Dörfchen Dietlas und einige Höfe. – Vacha, sehr alte Stadt a. d. Werra, 817 ,,Fach“, hatte eine im mittelalterlichen Stil erbaute Kirche mit hohem gothisch gewölbten Chore am östlichen Ende, Haupt- und Nebenaltar . . . Im großen Brande von 1467 gingen auch die Kirchgebäude bis auf die Mauern zu Grunde. Die jetzige Kirche soll die dritte auf dem alten Platze sein; dieselbe ist 1824 eingeweiht worden. Im Turme befinden sich 4 Glocken, die älteste aus dem 15. Jahrhundert, die neueste von 1810 mit der Inschrift: „Gott zu dienen ruf ich. Stadt Vacha gehöre ich. Chr. Peter zu Homberg goß mich.“ Zu Vacha sind eingepfarrt: die Höfe Busengraben, Luttershof, Poppenberg; die Gemeinde Unterbreitzbach ist Filial des Diakonus zu Vacha. Am südwestlichen Ende der Stadt, neben der Straße, die nach Geisa führt, steht im städtischen Friedhofe auch eine kleine alte Kirche, die ehemals dem dort gestandenen Serviten-Kloster gehörte, bei dessen Zerstörung 1525 mit ruinirt, später aber notdürftig ausgebessert worden ist. – Völkershausen am Oechsenberg (786 urkundlich Vuolfricheshuson, 874 Folegereshuson), links am Oechseflüßchen, gehörte einst der Herrschaft Frankenstein und dem Abt von Hersfeld zu Lehn; nach Spieß soll 1137 das Kloster Veßra, welchem das Dorf damals zustand, einen Teil desselben an das Stift Würzburg vertauscht haben. 1330 wurde es mit einem Teil des Gerichts Hennebergisch und daneben besaßen die Aebte von Fulda gegen die Hälfte. Hans V. von Völkershausen führte 1534 die Reformation ein, 1628 versuchte Abt Johann Reinhard von Fulda eine Gegenreformation und vertrieb den evangelischen Pfarrer Limburg, der aber 1631 von Vacha aus wieder in sein Amt nach Völkershausen zurückkehrte. Das ehemalige reichsritterschaftliche Gericht wurde ein landgräflich hessisches Patrimonialamt, 1815 wurde es weimarisch und 1840 mit dem Amt Vacha vereinigt. Zu Völkershausen sind Wölferbütt, Martinroda, Willmanns, Mariengart (mit den Lutherischen) u. verschiedene Höfe noch eingepfarrt. – Geisa (Geysaha 768), an der Ulster und am Geisabach, hat eine sehr umfassende Geschichte. Wir begnügen uns hier mit folgenden Angaben: „Der Tradition zufolge – wie Kronfeld schreibt – soll schon von den Königen Karlmann und Pippin 741-747 ein Gut Geisaha der fuldaischen Kirche geschenkt worden sein. 1265 hatte Abt Bertheus II. den Ort mit Mauern und Türmen befestigen lassen. 1427 verpfändet der Abt Johann von Merlau an den Landgrafen Luwig von Hessen und den Erzbischof von Mainz unter andern Geisa und Schloß Rockenstuhl mit Ausnahme der geistlichen Lehen.“ In Geisa war frühzeitig schon eine Land-Dechanei, deren großer Bezirk, das sogenannte Kapitel Geisa, zu dem damaligen Archi-Diakonat Würzburg gehörte, zu welchem letztern auch die Kapitel Mellrichstadt und Coburg zählten.

Das Kapitel Geisa umfaßte, nach Würdtwein, folgende Pfarreien: Geisa und die Frühmesse daselbst, Sleyta und die Frühmesse daselbst, Thann, Northeim, Suntheim, Katza, Freytelshussen, Helmershussen, Orenshussen, Fischbach, Termbach, Rosa, Weyler, Bremen, Pferdsdorf, Botlar, Frydewalt, Schenklengsfeld und die Vicarie daselbst, Sankt Petersberg bei Hersfeld, Taffta, Rastorff, Eyterfeld, Hildemanns, Buchenaw, Kyrspanshussen, Cryspans und die Vicarie daselbst, Neuenkirchen, Huna und die Vicarie daselbst, Hunfeld, Eschenbach, Goßhart, Hoff Biber Margrethenhan, Geysmar und die Frühmesse daselbst, Haselstein, Hiltrichs, Zeitolfs, Salmanns, Sletzenrode, More, Rambach, Marpach, die Vicarie in Rockenstuhl, Vicarie in Mackenzell, Vicarie in Steyna Vicarie in Raßbach, Vicarie in Monsbach, Frühmesse in Eichenzell. (s. Seite 16 hiezu.)

Auch in Geisa gewann die Reformation festen Fuß. Abt Philipp (von Schenk zu Schweinsberg), von seinen Stiftsuntergebenen dringend darum gebeten, selbst von seinen Oberen darauf angewiesen, erläßt im Jahre 1542 eine christliche Ordnung und Reformation in seinem Bereiche und giebt unter andern die Bestimmung, daß die Predigtstühle mit guten, christlichen und gelehrten Pfarrherren und Predigern besetzt werden sollen. Auch will der Abt gern geschehen lassen, daß etliche geistliche deutsche Lieder vor und nach der Predigt gesungen werden. Die Priesterehe wurde geduldet, und so war faktisch im ganzen fuldaischen Lande die lutherische Lehre eingeführt und blieb es während der vier auf Philipp folgenden Fürstäbte, welchen Titel seit 1288 die Aebte von Fulda führten. Im Jahre 1571 begann Abt Balthaser von Dermbach, die Unterthanen seines geistlichen Regiments wieder zum Katholicismus zurückzuführen. – Während des dreißigjährigen Krieges kam mit dem Stift Fulda Geisa an Hessen, und dieses suchte überall reformierte Geistliche einzusetzen; 1634 bekam der Fürstabt von Fulda sein Stift wieder. – Geisa hat eine alte große Stadtkirche, die aus dem 14. Jahrhundert stammt und teilweise im gothischen Stil erbauet, durch mehrmalige Ausbesserungen im Innern hübsch erhalten, im Besitze einer schönen Orgel ist und äußerlich durch den über die Stadt weit ausragenden Turm mit gutem Geläute sich auszeichnet. Die grauen Mauern des Kirchgebäudes erinnern an bedeutende Vergangenheit; bei den großen Bränden, von denen die Stadt 1858 und 1888 betroffen wurde, hat dieses Gotteshaus allen Flammen widerstanden. Auf dem Scheitel des am Südende von Geisa liegenden Gangolfshügels steht eine verwitterte Kapelle inmitten des Friedhofs mit der Bildsäule des hl. Petrus. – Seit 1853 besteht in Geisa auch wieder eine evangelische Kirchgemeinde. – Mansbach, nördlich von Geisa, östl. vom Soisberg, ein Marktort, der Stammsitz der Herren von Mansbach, besitzt eine Kirche aus vorreformator. Zeit, gehörte einst unter das Kapitel Geisa. Eine vor der dortigen, wiederholt zerstörten ,,Grasburg“ 1864 errichtete kleine Marienkapelle ist längst verschwunden. Der erste evangelische Pfarrer von Mansbach hieß Johann Ulrich (1541), der zweite war Melchior über die Heyd. – Tann, seit 968 urkundl. bekannt, ein Städtchen zwischen dem Habel- und Engelsberg, gehörte um 1197 dem Stift Fulda, wurde im 13. Jahrhundert zur Hälfte hennebergisch, wie Spieß angiebt, war aber doch nach Heims bezgl. Schannats Chronik 1165 schon unter Ruprecht II. von der Tann gräflich hennebergisches Lehen. Nach Dr. Schneiders Bemerkung war den Herren von der Tann ,,die Reformation ein willkommenes Mittel, sich vom Drucke der Aebte loszumachen. Eberhard v. d. Tann führte sie 1534 trotz der GegenvorsteIlung der Fuldaer Aebte und Würzburger Bischöfe, sowie trotz, kaiserlicher Exekution ein. Das ehemalige Herrschaftsgericht Tann (mit Günthers, Habel, Hundsbach, Neuschwammbach, Neuswarts, Schlitzenhausen, Theobaldshof, Wendershausen und mehreren andern zwischenliegenden Weilern und Höfen ist deshalb heute noch evangelisch.“ – Weinrich spricht sich so aus: „Was nun die Sacra im Thannischen District anlanget, so haben sich die Herren von der Thann mit ihren Unterthanen nun seit 1544 beständigst zur Evangelischen Religion bekennet, und wie dieses ihnen ohne Zweifel vor dem Angesicht Gottes zu besonderer Ehre gereichen wird, also gebe Gott, daß sie in dieser Wahrheit beharren und in gesegneter P0sterité (Nachkommenschaft) floriren mögen . . . An der Kirche zu Thann haben gestanden: „1., als Inspectores und Pastores: M. Franciscus Kirchner, erster evangel. Prediger, u. a.m. 2., als Diaconi mit dem Pastorat zu Neußwerts: Hermannus Iberus u. a. m.“ Die alte Hauptkirche mit ihren Sehenswürdigkeiten in Holzmalerei und Bildhauerkunst u. a. m. fiel am 12. Mai 1879 (neben 86 Wohnhäusern) in Asche. Am nördlichen Ende der Stadt im weiten Friedhofe liegt die Nikolaikirche, worin ein merkwürdiges Denkmal Eberhards v. d. T. – Hilders (Hiltriches 914) hat eine auf der Höhe gelegene, mit schönem Friedhof umgebene katholische Pfarrkirche ,,zu Sankt Bartholomäus“, zu Würzburger Zeit unter Fürstbischof Franz Luwig von Erthal 1798 erbauet, 1851 restaurirt, wobei das eigentliche alte Gebäude zu Grunde ging. Die große Glocke war angeblich aus 901 und trug die Jnschrift „Da gos mich H. C. in ere sant annae“ und soll vom Papste Johann XIII. geweiht gewesen sein.

 Spieß bemerkt unter Anderm: das Cent-Petersgericht stand hinter der alten Kirche. Die Reformation, welche auch hier Eingang fand, wurde 1590 durch Bischoff Julius von Würzburg wieder beseitigt. A. Fuchs bemerkt in seinem Büchlein „Quer durch die Rhön“, daß zum Andenken an die Wiedererlangung des alten Glaubens eine Gedenktafel in die östliche Kirchhofsmauer eingelassen sei mit der Inschrift:

 „Bischof Julius aus Vater treuw Die Kirche und Schule bauet neuw; Pflanzt ein die alt Religion Dazu hilft ihm sein Unterthon;

 Wünscht deswegen uns seinen Segen’ Daß fleißig volg, unstreflich Leben Bleib bei dieser ganzen Herdt Mit rechtem Eifer unverkehrt.« . . . .

 Das Pfarrdorf Simmershausen (Sigismareshusen 914), kaum ein halb Stündchen nordöstlich vom Marktflecken Hilders, blieb bis zum Jahre 1611 doch evangelisch. –

Gersfeld, dessen Name von Gerichtsfeld abgeleitet sein soll, liegt in der Südwestgrenze Tullifelds, weitesten Sinnes. 1219 ist der Ort noch als Dorf urkundlich erwähnt; er soll seinen Ursprung den Edlen von Schneeberg verdanken, die da ein Rittergut besaßen. Zwischen den mächtigen Herren von Ebersberg, an welche Gersfeld vom Bistum Würzburg mittelbar gekommen war, und den Aebten von Fulda sind vom elften Jahrhundert an bis 1460 schreckliche Fehden mit Rache um Rache ausgekämpft worden. Wie muß zu jener Zeit das kirchliche Wesen Gersfelds traurigen Wandlungen unterlegen haben! 1540 führten „die von Ebersberg genannt von Weyhers“ die evangelische Lehre im Marktflecken wie in den 16 Dörfern und verschiedenen Höfen des damaligen Gersfelder Bezirks ein, und es hat diese Reformation bis heutigen Tages in dem Städtchen Gersfeld wie im Marktflecken Hettenhausen und andern Orten sich auch erhalten. Im nahen Weyhers gelang es aber dem fuldaischen Abte Balthaser von Dermbach, eine Gegenreformation mit Gewalt durchzusetzen. Er fiel z. B. auch mit 1500 Mann in Dietershausen ein, jagte den lutherischen Pfarrer hinweg und stellte wieder einen päpstlichen an; in Lütter holte er den Geistlichen nachts aus dem Hause und hieltihn in Fulda gefangen, bis er schwur, von seiner Pfarrei abzuftehen. (n. Dr. Schneider) – Soweit wir uns von Gersfeld nach Weyhers bemühen müßten, können wir nun auch nordöstlich nach Wüstensachsen (Wostensasse) wenden, um einen alten katholischen Marktflecken kennen zu lernen. Im tiefen Oberulster-Thalkessel liegt er wie verborgen; er war 1230 noch ein Zubehör der Dynastie Hildenberg, dann an das Hochstift Würzburg verkauft. Wüstensachsen soll von den Sachsen erbauet worden sein, die Karl der Gr. zur Strafe in die wüste Rhöngegend verwies. –

Die Herrschaft Hildenberg (mit dem 1½ Std. von Wüstensachsen ostwärts entfernten ehemaligen Schloß Hildenburg) wird im II. Teile unserer Abhandlung näher besprochen. Benkert, Subrektor am Clerikal-Seminar zu Würzburg, bemerkt in seiner „Beschreibung von Nordheim vor der Rhön, 1821“, daß er über die Sage: die Einwohner von Bastheim (zwischen Bischofsheim am Fuß des Kreuzbergs und Mellrichstadt) hätten den Reformator Dr. Luther auch in der Hildenburg gesucht und dabei diese Burg verwüstet – bei seinen Forschungen Nichts gefunden habe.

Benkert bekennt: „die Grundsätze Luthers, die er der katholischen Kirche entgegenstellte, verbreiteten sich sehr schnell in viele teutsche Länder . . . Der Adel in der Rhöngegend begünstigte die neue Lehre sehr, besonders die Thannische Familie. – So kam es, daß schon zu Luthers Lebzeiten dessen Lehre in den jetzigen Aemtern Fladungen und Lichtenberg tiefe Wurzeln schlagen konnte. Nordheim v. d. Rh., ein Marktflecken im Baringau, hat eine alte Pfarrei, und erhaben liegt die Kirche auf dem Platze, wo ehemals eine feste Burg stand. 1407 war Johannes Schmidt als Pfarrer daselbst, 1570 setzten die Herren von der Thann und die Herzöge von Sachsen einen lutherischen Pfarrer ein. Nordheim hatte bei 75 Jahre lang lutherische Prediger, deren Namen bis auf zwei, nämlich Johann Herbert und Michael Ruppert, der Apostat (Abtrünniger), mir unbekannt sind. Zu Sondheim v. d. Rh. scheint Jakob Theye, wahrscheinlich Carmelitermönch aus Neustadt a. d. S., der Erste gewesen zu sein, der dort Luthers Lehre Vortrag. Er verließ 1519 das Kloster, ging nach Ungarn, kam 1520 nach Wien, 1522 wieder nach Neustadt, wo man ihn aber nicht aufnahm; 1563 wurde er vom Superintendent M. Adam Rüdiger zu Römhild als lutherischer Pfarrer eingesetzt. Zu Ostheim v. d. Rh. fing der dortige katholische Pfarrer Johann Zinn an, Luthers Lehre schon vor 1583; zu verkünden. 1585 erschien Bischof Julius von Würzburg in der Rhöngegend, predigte an vielen Orten selbst, setzte Geistliche, deren katholische Grundsätze er erprobt hatte, wieder ein, vertrieb lutherische Prediger und that durch sein Beispiel der einreißenden Glaubensneuerung Einhalt; 25 lutherische Familien von Nordheim kehrten zur Mutterkirche zurück. Die Kapelle z. h. Sebastian bei Nordheim liegt auf einem aus Kalkschiefern bestehenden Berge; vorzüglich nimmt sich von da die auf einem isolirten kahlen Hügel ruhende Kapelle z. h. Gangolph bei Fladungen aus.“ – Fladungen, Städtchen an der Streu, ward schon 799 von Frichero dem Kloster Fulda geschenkt, kam später zu Würzburg. Der Ort mit seiner ansehnlichen Kirche und dem großen Bau des ehemaligen Landgerichts war in alter Zeit ganz von Mauern eingeschlossen, die von 27 Türmen überragt und bewacht wurden, deren zwei als sonderliche Wahrzeichen noch stehen; der hohe Kirchturm, oben mit einem Rundgang geziert, zieht unsere Beachtung mehr auf sich. – Oestlich von Fladungen kommt man nach dem Dorfe Heufurt, dessen hoch vor dem grünen Wald gelegene Kirche und Schule dem schmalen Streuthale einen hübschen Hintergrund bilden. – Ueber die weimarischen Orte Ostheim, Sondheim, Urspringen und Stetten bemerken wir rücksichtlich alter kirchlicher Verhältnisse nach Kronfelds Landeskunde nur noch Folgendes: „Ostheim, dessen von 804 an öfters urkundlich gedacht wird, gehörte wie die von dem Grafen Poppo (IX.) erbauete Lichtenburg jedenfalls den Hennebergern. (Schneider giebt an: Waldman und seine Gattin Wichmund schenkten Ostheim 804 dem Stifte Fulda.) Von 1202 an erscheint auch eine adelige Familie, die sich nach dem Orte benennt; neben derselben ist später aber noch eine ganze Reihe Adeliger daselbst ansässig gewesen. Die auf einer Anhöhe liegende stattliche Kirche ist von doppelten Ringmauern umgeben und war von Wallgräben umschlossen; elf Türme dienten überdies zum Schutze, so daß die Kirche das burgähnliche Ansehen behalten hat, welche daß ursprüngliche Gebäude an dieser Stelle trug. Es war die sogenannte alte Francotonoburg, innerhalb welcher im 17. Jahrhundert an eine vorhandene Kapelle die jetzige geräumige Stadtkirche erbauet wurde. Hinter dem Rathhause sind die in ein Backhaus verwandelten Ueberreste der Nicolaikirche, welche wahrscheinlich zu dem bestandenen unbedeutenden Augustinerkloster gehörte. Die Reformation wurde 1548 erst hier eingeführt. 1634, den 8. Sptb. rückte auch in Ostheim ein plündernder Kroatenhaufen ein. – Sondheim kommt seit 789 als villa oftmals vor und zwar in Beziehung zu dem Kloster Fulda, wohin Schenkungen erfolgten; auch Kloster Veßra bei Schleusingen besaß seit 1169 im Orte einige Höfe. Von den beiden adeligen Familien „von Stein und von Gebsattel“ (1582 u. 1685) sind noch Grabdenkmäler in der Kirche vorhanden. Von dem verwüsten Dorfe Altefeld, das 1435 noch in der Nähe bestand, wird heute noch in jenem Distrikte ein Platz der Gottesacker und ein Brunnen der Kirchbrunnen genannt. – Urspringen (das an eben gedachter Altefelder Wüstung Teil hat) leitet seinen Namen von der unter dem Pfarrhause kräftig hervortretenden Bahraquelle ab; da war einst eine kaiserliche Domäne. Ludwig der Fromme eignete Urspringen 820 dem Kloster Fulda zu und zwar auf besondere Bitten des Abts Rhabanus. An Stelle der alten Kirche erhebt sich seit 1842 ein neues Gotteshaus in germanischem Stille. – Stetten, auch ein Pfarrkirchdorf, ist schon 838 urkundlich in einem Fuldaer Schenkungsbriefe unter dem Namen Stetihaha genannt. Der Ort ist aus uralter Zeit mit einer Mauer umgeben; über dem Dorfe stand das Schloß Hildenburg.“


aus
C. E. Bach
„Im Tullifeld“
Eine historisch-landschaftliche Umschau in engerer Heimat
– der Vorderrhön –


Bücher und DVD über Geschichte, Landschaft und Kultur der Rhön und Thüringens
– nach Themen sortiert –


 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

12 − elf =