Dieterich Buxtehude: Passacaglia d-moll BuxWV 161

Buxtehudes „Passacaglia d-moll BuxWV 161” habe ich mit Samples der Riegerorgel im Großen Saal des Konzerthauses Wien (Vienna Konzerthaus Organ) eingespielt.

Analyse von Josef Hedar:

Der Buxtehudesche Typ der Passacaglia dürfte als eine speziell norddeutsche Schöpfung angesehen werden können. Buxtehude hat nämlich als erster die ostinate Variationsform in einem voll orgelmäßigen Satz angewandt. Während die südländische Form, wie sie auf deutschem Boden gestaltet worden ist, aus einer Kette von mehr oder weniger freistehenden Variationen besteht, wobei das ostinate Motiv das wesentliche zusammenhaltende Glied darstellt, gestaltet Buxtehude über dem Ostinato und mit diesem als Grundlage einen logisch aufgebauten Satz einheitlichen Charakters, der in enger Anlehnung an die instrumental technischen und klanglichen Voraussetzungen der Orgel konzipiert und gestaltet ist.
Die einzigen hergehörigen Werke zeitgenössischer oder früherer Meister, die annähernd im Zusammenhang mit denjenigen Buxtehudes genannt werden könnten, sind Pachelbels Ciaconen, und zwar in erster Linie die beiden in d-moll und f-moll. Es lassen sich mehrere Züge nachweisen, die diese Werke mit Buxtehudes Passacaglientyp gemeinsam haben und die auf direkte Beeinflussung hindeuten könnten. Dass Pachelbel ein großer Bewunderer Buxtehudes war, geht daraus hervor, dass er 1699 ihm (neben Ferd. Tob. Richter) sein Hexachordum Apollonis widmete und in seiner Widmung die Hoffnung aussprach, dass sein Sohn einmal zu dem Meister kommen dürfe, „und nur einige wenige Tröpfflein von dero reichlichst hervorspringenden Kunstquelle auf ihn fliessen zu lassen“.

Ein kennzeichnender Zug der Passacaglia Buxtehudes ist der einheitliche und symmetrische Aufbau. Über einem viertaktigen Thema wird ein viergeteilter Satz aufgebaut, dessen verschiedene Abschnitte von gleicher Länge sind. Der Ostinato wird in jedem Teil siebenmal wiederholt, und Wechsel der Tonart kommt in jedem Abschnitt vor: d-moll, F-dur, a-moll, d-moll. Der Übergang zwischen den einzelnen Abschnitten wird durch ganz kurze, für die Entwicklung belanglose Modulationen vermittelt. Der Ostinato wird durchgängig in der Bassstimme beibehalten und nicht variiert. Buxtehude rechnet also hiermit als der Form für eine Passacaglia, während er in den instrumentalen Ciaconen das Ostinatothema variiert und es auch in anderen Stimmen auftreten lässt.
Das dominantbetonte Thema

hat eine für die Zeit ungewöhnlichere sprungbetonte Gestaltung. Aus der obigen Übersicht ging hervor, dass der ostinate Bass im allgemeinen mehr indifferenten Charakters ist und hauptsächlich als Unterlage für rhythmische und melodische Variationen dient. Der Ostinatobass der Passacaglia d-moll hat eine Ausdrucksfülle und innere Selbständigkeit, die sich in sämtlichen Abschnitten geltend machen und bewirken, dass das Thema nicht nur als Bassfundament für die überliegenden Stimmen dient, sondern die ganze Passacaglia hindurch ihre führende Stellung beibehält.
[…]
Die Passacaglia in d-moll hat, wie schon erwähnt, einen logisch einheitlichen und symmetrischen Aufbau. Dasselbe gilt von der motivischen Zusammengehörigkeit und Entwicklung der verschiedenen Variationen und ebenso der vier Abschnitte. Auch in bezug auf die progressive rhythmische und melodische Steigerung ist sie konsequent durchgeführt. Nach der Steigerung des ersten Satzes folgt in der durbetonten Gestaltung des zweiten Satzes eine gewisse Entspannung. Der dritte Satz baut, doch mit verdoppelter Intensität, auf der Entwicklung des ersten Satzes weiter, und mit dem abschließenden Teil, wo die Oktavenbewegung den ostinaten Charakter noch weiter verstärkt, ist der Höhepunkt erreicht.

zitiert aus
Josef Hedar:
„Dietrich Buxtehudes Orgelwerke“,
Frankfurt a. M., 1951, S. 78-79]

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