Joh. Seb. Bach: Toccata und Fuge g-moll BWV 915 (Orgelbearbeitung)

bearbeitet für Orgel von Max Reger und von mir mit Samples der Riegerorgel des Großen Saals im Konzerthaus Wien (Vienna Konzerthaus Organ) eingespielt. Das Bild zeigt das Schloss Sanssouci während der Schlössernacht in Potsdam.

Die Toccata in g-Moll (verschmäht von Philipp Spitta, jedoch hochgelobt von Albert Schweitzer, der sie für die genialste der Toccaten hält), die in Manuskripten aus dem verhältnismäßig späten 18. Jahrhundert erhalten ist, präsentiert zwei Allegro-Sätze (einer davon in der parallelen Durtonart B), eingerahmt von kurzen und ausdrucksvollen ornamentierten Adagios. Die Eröffnungspassage mit dem ungewöhnlichen Taktvorzeichen 24/16 erscheint noch einmal kurz am Ende des Werkes und verleiht dem Stück damit Einheitlichkeit und Geschlossenheit. Der nachfolgende, französisch beeinflußte und ausdrucksvoll verzierte Abschnitt geht einem spritzigen Allegro in B-Dur voran, das ebenso wie BWV 913 die Technik der gleichzeitigen Darstellung zweier Themen auslotet und später den Kontrapunkt umkehrt. Die Struktur erweitert sich anschließend zu einer vierstimmigen Harmonie. Im Allegro (wie auch in den Eröffnungs- und Schlußgesten) sind dynamische forte- und piano-Vortragszeichen enthalten, in diesem Fall echte Echoeffekte, die einen Wechsel der Tastatur und damit ein zweimanualiges Cembalo erforderlich machen.
Der gehaltvollste Satz ist zweifellos die abschließende Gigue (weder das erste noch das letzte in den Toccaten auftauchende tanzartige Beispiel). Sie ist in vier Stimmen mit einem punktierten Thema nach französischer Schule und einem regelmäßigen Gegenthema in fließenden Triolen in italienischem Stil geschrieben. Die anfängliche Umkehr des Themas wird durch das erklärende Vorzeichen riverso markiert. Obwohl diese Fuge aufgrund ihrer Länge, unleugbarer technischer Schwierigkeiten und angeblichen Abwechslungsmangels bei den neueren Bach-Expertenkreisen keinen Beifall findet, werden andere vielleicht der von Albert Schweitzer ausgedrückten, positiveren Meinung über BWV 915 beipflichten und sich von der reinen kontrapunktischen Raffinesse, der reichen Struktur, dem harmonischen Reiz und der rhythmischen Dynamik hinreißen lassen. Nur wenige Beobachter würden BWV 915 (oder, was das anbetrifft, jeder anderen der Toccaten) ihren Anspruch auf den Rang eines uneingeschränkten Meisterwerks unter Bachs frühen Produktionen für Tastenmusik absprechen.

zitiert aus dem Booklet
Einführung in das Gesamtwerk von Johann Sebastian Bach
der Internationalen Bachakademie Stuttgart

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