J. S. Bach: Chaconne d-moll aus BWV 1004; Orgelfassung

Diese von Wilhelm Middelschulte ca. 1900/01 erstellte Orgelfassung der Chaconne aus der Partita für Violine solo, BWV 1004, komponiert von Johann Sebastian Bach, habe ich mit Samples der Rieger-Orgel im Großen Saals des Konzerthauses Wien (Vienna Konzerthaus Organ) eingespielt.

Die Orgelbearbeitung der Chaconne durch Wilhelm Middelschulte ist eine ganz eigene emotionale Welt. Sie wird geprägt durch strukturelle Klarheit, organische Klangarchitektur und eine spirituelle Tiefendimension, die auf der Violine nur angedeutet ist.

  1. Die Orgel macht die Chaconne „architektonisch sichtbar“
    Auf der Violine ist die Chaconne ein Wunder der Einlinigkeit – alles ist implizit, „gedacht“.
    Middelschulte hingegen entfaltet die verborgene Polyphonie:
    Bassfundamente werden real hörbar
    Innere Stimmen treten hervor
    Harmonische Spannungen werden körperlich spürbar
    Das Werk bekommt dadurch eine Kathedralenhaftigkeit, die emotional überwältigt.
  2. Die Registrierung verstärkt den Affekt
    Middelschulte nutzt die Orgel nicht als bloßes Transkriptionsinstrument, sondern als Affektverstärker: Dunkle 16’‑Register geben der d‑Moll‑Grundgestalt eine fast sakrale Schwere;
    Helle Mixturen öffnen die Dur‑Episoden wie Lichtfenster
    Manualwechsel schaffen dramaturgische Räume;
    Pedalpunkte erzeugen eine existenzielle Tiefe, die man körperlich spürt
    Die Chaconne wird dadurch zu einem spirituellen Drama, nicht nur zu einer Variation.
  3. Die emotionale Erzählung wird klarer
    Viele Interpreten sehen die Chaconne als Verarbeitung von Trauer. Auf der Violine ist das subtil. Auf der Orgel wird es unmissverständlich:
    Der Beginn: ein schwerer, ernster Gang
    Die ersten Variationen: ein Ringen, ein innerer Kampf
    Die Dur‑Episoden: Trost, Licht, Hoffnung
    Die Rückkehr nach d‑Moll: Annahme, Demut, stille Größe
    Middelschulte macht diese seelische Entwicklung dramatisch nachvollziehbar.
  4. Die Orgel gibt dem Werk eine metaphysische Dimension
    Die Chaconne ist ohnehin ein Werk, das „größer ist als der Mensch“. Aber auf der Orgel bekommt sie:
    Raum Resonanz, Zeitdehnung, Transzendenz.
    Sie wirkt nicht mehr wie ein persönliches Gebet, sondern wie ein liturgisches Ritual.
    Die Middelschulte‑Fassung ist nicht einfach eine Transkription. Sie ist eine Neuoffenbarung des emotionalen Gehalts der Chaconne – größer, weiter, tiefer.
    Bach führt uns nach den strahlenden Dur‑Episoden wieder in die dunkle Grundtonart zurück.
    Aber diese Rückkehr ist verwandelt:
    weniger schmerzlich,
    weniger klagend, ruhiger, würdevoller, fast wie ein stilles „Amen“.
    Das ist kein Zusammenbruch, sondern eine geistige Einordnung des Leidens.
  5. Die letzten Variationen wirken wie ein Gebet
    Gerade in Middelschultes Orgelfassung wird das hörbar:
    Die Basslinie stabilisiert sich.
    Die Harmonik beruhigt sich.
    Die Figuration wird klarer, weniger aufgewühlt.
    Die Registrierung lässt den Klang „zur Ruhe kommen“.
    Es ist, als würde die Musik sagen: „Ich habe gekämpft, ich habe geweint – und jetzt lege ich es in Gottes Hände.“
  6. Die Schlusskadenz ist ein Akt der Demut
    Die allerletzten Takte sind erstaunlich schlicht.
    Keine Virtuosität, kein Triumph, kein Pathos.
    Nur ein sanftes Niederlegen des Themas.
    Das ist typisch für Bach: Wenn er Trost ausdrückt, tut er es nicht durch Jubel, sondern durch Demut.

Die Chaconne ist ein, für J.S. Bach ungewöhnlich, sehr emotional geprägtes Werk und stellt alles in den Schatten, was bis dahin für die Violine geschrieben wurde, sie dauert fast eine Viertelstunde und ist technisch eines der schwierigsten Stücke der Violinliteratur. Doch Bach ging es weniger darum ein Virtuosenstück für die Geiger zu komponieren. Weiterlesen

J. S. Bach: Concerto d-moll BWV 596

00:00 [Allegro]
00:48 Grave
01:03 Fuga
04:03 Largo e spiccato
06:29 [Allegro]

Das Concerto d-moll BWV 596 von Antonio Vivaldi ist der Gipfelpunkt der Konzertbearbeitungen in Bachs Orgelschaffen. Aufgrund einer fehlgedeuteten Notiz auf dem Autograph galt es lange Zeit als „Orgelkonzert von Friedemann Bach“ und feierte als Beleg für das Talent des ältesten Bach-Sohnes Triumphe – unter anderem auch in Transkriptionen für Klavier! Seit jedoch Max Schneider im Jahr 1911 die Vorlage entdeckte, das Concerto grosso für zwei Violinen, Violoncello, Streichorchester und Basso continuo op. 3 Nr. 11 von Antonio Vivaldi, ist die Sachlage klar. Aufschlussreiche originale Registrieranweisungen Bachs im Autograph verleihen dieser Transkription zusätzliches Gewicht. Bach ging mit großer Sorgfalt an die Arbeit. Das Werk entspricht in seiner formalen Anlage einer Sonata da chiesa mit der Satzfolge Langsam-schnell-langsam-schnell. Weiterlesen

J. S. Bach: Concerto C-Dur BWV 595

Dieses Konzert ist die Transkription eines Concerto des bereits 1715, im Alter von nur 18 Jahren, früh verstorbenen Prinzen Johann Ernst von Sachsen-Weimar. Die Bearbeitung des Concerto C-Dur BWV 595 ist unvollständig, die Orgelfassung beschränkt sich auf einen einzigen Satz. Das Original ist nicht erhalten; es lässt sich allenfalls aus Bachs Bearbeitung für Cembalo BWV 984 (in drei Sätzen) erschließen. Der Vergleich beider Transkriptionen vermittelt jedoch interessante Erkenntnisse. So ist in der Cembalofassung BWV 984 der erste Satz beträchtlich kürzer als die wirkungsvollere (!) Orgeltranskription: Bach hat also, durch eine Erweiterung, der Form mehr Ausgewogenheit verliehen. Das Thema des Konzertsatzes kehrt ritornellartig immer wieder und stellt auch das Material der Zwischenspiele bereit. Dies und die deutliche Gliederung in Halbtakte mit regelmäßigen Echo- und Sequenzbildungen wirken auf die Dauer etwas ermüdend. Zahlreiche gekonnt eingesetzte Elemente des italienischen Stils weisen jedoch darauf hin, dass der Prinz durchaus begabt war. Manches wie beispielsweise der regelmäßige Manualwechsel deutet im Bachschen Schaffen sogar schon auf die Dorische Toccata BWV 538 voraus, mit dem Spiel zwischen zwei Manualen nach Art eines musikalischen Zwiegesprächs.

Über Bach, seine Musik und eine Analyse dieses Orgelwerks:

Ich habe bereits eine andere Version der Registratur dieses Concerto versucht, ich hoffe, diese Version ist nun optimal, da mir die Samples der Rieger-Orgel im Konzerthaus Wiens wesentlich mehr Möglichkeiten der Registratur dieses Orgelwerkes bot.

Meine erste Fassung dieses Bachschen Orgelwerkes habe ich mit Samples der historischen Orgel in Forcalquier eingespielt.

J. S. Bach: Concerto a-moll BWV 593

00:00 Allegro (or Tempo Giusto) (A minor)
03:37 Adagio senza pedale a due claviere (D minor)
07:14 Allegro (A minor)

Dieses Konzert geht auf ein Original Antonio Vivaldis zurück, und zwar das Concerto a-Moll für zwei Violinen, Streichorchester und Basso continuo op. 3 Nr. 8. Die Anlage in drei Sätzen, die Ritornellform in den Rahmenteilen, die einfallsreiche Umsetzung von Violinfiguren und die Manualverteilung entsprechen weitgehend dem Vorgehen Bachs im Concerto G-Dur BWV 592. Neu hinzu tritt hier aber noch eine zusätzliche Unterscheidung von Solo I und Solo II im Schlußsatz. Von ihrem großen Spannungsbogen her betrachtet, ist diese Konzertbearbeitung neben jener in d-Moll nach Antonio Vivaldi (BWV 596) sicherlich die bedeutendste in Bachs Musik für die Orgel. Weiterlesen

J. S. Bach: Concerto G-Dur BWV 592

18

00:00 1. Allegro
02:43 2. Adagio
04:39 3. Vivace

Im Concerto G-Dur BWV 592 hat Bach alle drei Sätze eines Konzerts von Prinz Johann Ernst bearbeitet. Die Folge Schnell-Langsam-Schnell entspricht ganz dem italienischen Konzert-Stil. In der Originalfassung für Solo-Violine, Streicherensemble und Basso continuo sind die Sätze Allegro assai, Adagio und Presto è staccato überschrieben. Das jeweilige Eingangsthema der Rahmensätze kehrt ritornellartig ständig wieder. Die Manualwechsel bei den häufigen Übergängen vom Solo zum Tutti und umgekehrt sind von Bach organisch in den Stimmenfluß eingefügt. Weiterlesen

J. S. Bach: Chaconne aus BWV 1004 auf dem Lautenklavier

Ciaccona/Chaconne d-moll
5. Satz aus der Partita für Solo-Violine BWV 1004

Dass die Chaconne am Ende der Partita BWV 1004 etwas zu bedeuten hat, daran gibt es keinen Zweifel. Ausgehend von einer Hypothese, dass in der Musikwissenschaft diese Chaconne als Tombeau oder Epitaph, mithin als musikalisches Grabmal für Maria Barbara Bach gedeutet wird, kann man die Transkription für Laute nur als konsequent bezeichnen, da das Tombeau damals bevorzugt auf Laute oder Cembalo gepflegt wurde. Weiterlesen

1 2 3 … 48