Dialektik der Wahrheit

Dialektische Auflösung von Gegensätzen

Dialektische Auflösung von Gegensätzen

Ich wage in diesem Beitrag den Versuch, zwischen den Begriffen wahr, richtig und wirklich zu unterscheiden.

Ist das, was wahr ist, auch immer richtig und muß stets das Wahre auch wirklich existieren? Daß wir das, was existiert nicht immer für richtig halten, scheint jedem sofort einzuleuchten. Aber kann es nicht trotzdem wahr sein?

Karl R. Popper setzt seinem Aufsatz „Was ist Dialektik?“ als Leitsatz eine Aussage von Descartes voran:

Es gibt nichts, was wir uns vorstellen könnten, so absurd und unglaublich es auch sein mag, es ist doch von diesem oder jenem Philosophen behauptet worden.

Wie auch immer Descartes das gemeint haben mag, als Kritik an,  seiner Meinung nach absurden, Theorien von Philosophenkollegen oder als generelle Denkweise der menschlichen Vernunft (Seele) – ich werde sie willkürlich abgewandelt so verstehen:

Es gibt nichts, was wir uns nicht vorstellen könnten. So absurd und unglaublich ein Gedanke auch sein mag, so sehr er jeder Logik und jedem Naturgesetz  widerspricht oder der Menschheit als nutzlos erscheint – in dem Moment, in dem er gedacht wurde, ist er wahr geworden!
Nun denkst du sicher, ich sei vollends bekloppt geworden! Was aber bedeutet der Begriff „wahr“?
Ich bin mit Hesse einer Meinung: Wahr ist alles, was existiert. Unmittelbar verständlich ist das bei Dingen und Tatsachen der externen Wirklichkeit, die völlig unabhängig von unseren Gedanken und Bewertungen, unserem Glauben oder Thesen über sie existieren. Dinge die existieren, ob wir nun ihr Dasein schon nachgewiesen haben oder nicht, sind wahr, weil es sie gibt [das ist ein Petitio principii ]. Hingegen können Behauptungen über die Möglichkeit ihrer Existenz nur falsch oder richtig sein, sind aber immer wahr, sobald sie ausgesprochen oder gedacht wurden.
Womit wir beide in unserem Diskurs bereits da angelangt sind, worauf ich deine Gedanken hinlenken wollte:
Unsere Gedanken sind abstrakte Tatsachen, die keinerlei Entsprechung in der externen Wirklichkeit haben müssen, trotzdem sind sie wahr ab dem Moment, an dem sie gedacht wurden. Sie können richtig oder falsch sein, aber immer nur in Bezug auf irgendwas, was der Mensch willkürlich als Maßstab für „richtig oder falsch“ definiert hat. Mensch kann „richtig oder falsch“ daran messen, ob eine abstrakte oder konkrete Tatsache in der Bedeutung „existiert oder existiert nicht“ zutrifft oder nicht, Mensch kann „richtig oder falsch“ aber auch daran messen, ob eine Tatsache nützlich für das Leben als biologischen Prozeß, für die Menschheit als kooperieren müssende Lebensgemeinschaft oder für den Egoismus des Einzelnen ist oder nicht ist.
Die Bewertung „falsch“  drückt (für mich) nicht den Gegensatz zu „wahr“ aus, sondern den Gegensatz zu „richtig“, ist also nur auf tatsächlich existierende, somit wahre Gedanken, Behauptungen oder Thesen von Menschen anwendbar. Das mag angesichts der schwammigen und vieldeutigen Verwendung des Begriffes „wahr“ in der alltäglichen Sprache zunächst verwirren, aber nur mit dieser willkürlichen Einengung  kann ich dir vermitteln, was „Wahrheit“ philosophisch bei  Hermann Hesse bedeutet und wie ich diesen Begriff in Zukunft verwenden möchte.

Herrmann Hesse läßt Siddhartha zu Govinda in seiner Erzählung  „Siddhartha“ über Wahrheit sagen:

»Ich scherze nicht. Ich sage, was ich gefunden habe. Wissen kann man mitteilen, Weisheit aber nicht. Man kann sie finden, man kann sie leben, man kann von ihr getragen werden, man kann mit ihr Wunder tun, aber sagen und lehren kann man sie nicht. Dies war es, was ich schon als Jüngling manchmal ahnte, was mich von den Lehrern fortgetrieben hat. Ich habe einen Gedanken gefunden, Govinda, den du wieder für Scherz oder für Narrheit halten wirst, der aber mein bester Gedanke ist. Er heißt: von jeder Wahrheit ist das Gegenteil ebenso wahr! Nämlich so: eine Wahrheit läßt sich immer nur aussprechen und in Worte hüllen, wenn sie einseitig ist. Einseitig ist alles, was mit Gedanken gedacht und mit Worten gesagt werden kann, alles einseitig, alles halb, alles entbehrt der Ganzheit, des Runden, der Einheit. Wenn der erhabene Gotama lehrend von der Welt sprach, so mußte er sie teilen in Sansara und Nirwana, in Täuschung und Wahrheit, in Leid und Erlösung. Man kann nicht anders, es gibt keinen andern Weg für den, der lehren will. Die Welt selbst aber, das Seiende um uns her und in uns innen, ist nie einseitig. Nie ist ein Mensch, oder eine Tat, ganz Sansara oder ganz Nirwana, nie ist ein Mensch ganz heilig oder ganz sündig. Es scheint ja so, weil wir der Täuschung unterworfen sind, daß Zeit etwas Wirkliches sei. Zeit ist nicht wirklich, Govinda, ich habe dies oft und oft erfahren. Und wenn Zeit nicht wirklich ist, so ist die Spanne, die zwischen Welt und Ewigkeit, zwischen Leid und Seligkeit, zwischen Böse und Gut zu liegen scheint, auch eine Täuschung.«

Hier kannst du dir zwei Ausschnitte aus aus dem Video „Siddhartha“  ansehen (es liest Gert Westphal) und dir in der folgenden MP3-Datei die zitierte Passage aus dem Hörbuch von Ulrich Matthes vorlesen lassen.

Ich und wahrscheinlich jeder andere Mensch wird seine Gedanken und Handlungsantriebe in solche, die für ihn gut und solche die für ihn schlecht sein könnten, unterteilen – sobald er an die Möglichkeit ihrer Realisierung denkt. Wir teilen sie immer in „Sansara oder Nirwana“, „Yin oder Yang“, (für uns selbst) „richtig oder falsch“ auf, aber wir tun das auch mit den Thesen oder Vorschlägen anderer, wenn sie auf gemeinsames Tun gerichtet sind – zuweilen selbst dann, wenn sie uns gar nicht betreffen. In diesem Sinne sind immer beide Alternativen „Sansara oder Nirwana“, „Yin oder Yang“, „richtig oder falsch“ wahr.

Wie finden wir nun unser Prüfmaß für „richtig oder falsch“, wenn wir unsere oder die Handlungen unserer Gemeinschaft als Möglichkeit oder auch als bereits realisierte Tatsache beurteilen? Nur im Fall der bereits realisierten Tat – wenn sie also bereits geschehen ist – wissen wir wirklich, ob es richtig oder falsch war, so zu handeln. Alleine das wirkliche Tun entscheidet mit letzter Gewißheit, ob das, was wir so logisch fehlerfrei und feinsinnig durchdacht hatten, auch richtig war. Wir wissen nur mit Bestimmtheit, nachdem wir gehandelt haben, unsere abstrakten Gedanken bzw. Handlungsantriebe konkrete Wirklichkeit geworden sind, wir konkrete Tatsachen geschaffen haben.

Die Logik als Methode der Beweisführung erleichtert uns zwar die Entscheidungsfindung, kann aber die Tat als Prüfmaß nicht ersetzen. Andererseits, wenn eine Gedankenkette logisch einwandfrei aus irgendwelchen Axiomen abgeleitet wurde, ist sie nicht deshalb wahr, weil die Methode der formalen Logik keinen Fehler in der Beweisführung finden kann, sondern bereits deshalb, weil sie als Gedankengang existiert – sie gilt dann aber zusätzlich als richtig (abgeleitet).  Sie wird in dem Fall der Beweisführung in der formalen Logik aber keineswegs nur dann richtig definiert, wenn sie realisiert wurde, sondern bereits aus dem banalen (per Konsens vereinbarten) Grund, daß sie dem einen, willkürlich gewählten Kriterium „logische Fehlerfreiheit“ genügt. Das trifft auf viele mathematische Modelle zu, die keinerlei Entsprechung in der konkreten Realität haben.

Es gibt also viele Kriterien, die noch nicht einmal miteinander vereinbar sein müssen, um irgend etwas, eine abstrakte oder auch konkrete Tatsache als richtig oder falsch einzustufen. Eine solche Beurteilung kann daher nie absolut sein, will heißen: Eine abstrakte Tatsache kann nie absolut richtig oder absolut falsch sein – wenn sie existiert ist sie aber immer wahr. Da es aber an Kriterien, irgend etwas zu bewerten, nie nur eines gibt, ist damit die nur zweiwertige Logik (nur zwei Möglichkeiten der Realisierung von Wechselwirkung mit oder von irgendwelchen Kontingenzen da draußen) auf Fälle mehrerer, gleichwertiger Kriterien als Methode zur Entscheidungsfindung, also ob eine Tatsache richtig oder falsch ist, gar nicht anwendbar.

Verrückt gell?

Aber nur auf diese Weise „verrückt“ gedacht, entkommen wir dem ewigen, doch nutzlosen Streit um die Wahrheit: durch eine sprachlich eineindeutige  Definition dessen, was wir unter Wahrheit verstehen wollen.

Fast immer ist es auch so, ich erinnere dich an das kybernetische Modell der Seele von Dörner, daß wir stets im Widerstreit mit uns selbst liegen, welches Bedürfnis momentan den Vorrang vor anderen hat, denn meist stehen sie miteinander im Clinch, schließt sich ihre gleichzeitige Befriedigung gegenseitig aus. So entscheidet oft einfach nur die günstige Gelegenheit, welches Bedürfnis zu befriedigen im Moment richtig oder falsch wäre. Aber auf das Seelen-Modell Dörners muß ich wohl noch mal zurückkommen, insbesondere wie er die Wechselwirkung zwischen unseren Handlungsantrieben erklärt.

Nun endlich: Was will ich unter Dialektik verstehen? Wikipedia sagt, in der Neuzeit werde sie verstanden als:
„Die Lehre von den Gegensätzen in den Dingen bzw. den Begriffen sowie die Auffindung und Aufhebung dieser Gegensätze. Rein schematisch kann Dialektik in diesem neueren Sinn vereinfachend als ein Diskurs beschrieben werden, in dem einer These als bestehende Auffassung oder Überlieferung ein Aufzeigen von Problemen und Widersprüchen als Antithese gegenübergestellt wird, woraus sich eine Lösung oder ein neues Verständnis als Synthese ergibt. Dieses aus der Antike bekannte, klassische Instrument der Rhetorik, wird als Mittel zur methodischen Wahrheitsfindung benutzt, um Gegensätze zwischen Begriff und Gegenstand, Gegensätze zwischen den Diskussionsteilnehmern, oder reale Gegensätze in der Natur oder der Gesellschaft zu analysieren und zu beschreiben. Eingesetzt wird dieses rethorische Stil- und Analysemittel u.a. in der Diskussion, in der philosophischen Schrift oder z.B. auch im kabarettistischen Monolog.“

Mir scheint diese Definition, wenn auch mit Einschränkung, brauchbar. Meine Einschränkung lautet: Sie hat nicht die Bedeutung einer auf einem Gespräch fundierten Disziplin oder Methode, die zur Wahrheitsfindung dient. So wie ich den Begriff Wahrheit definiert habe, ist es vollkommen unmöglich, die Wahrheit auf diese Weise zu finden.

Was aber ist Rationalität (sh. auch den Blog-Beitrag „Was ist Vernunft„):

Rationalität ist weder die Anwendung eines Ratio bzw. Verstand genannten Vermögens, das in einer bestimmten Beziehung zur Wirklichkeit steht, noch der Gebrauch einer Methode, sondern sie beruht auf nichts weiter als Aufgeschlossenheit und Neugier sowie darauf, dass man sich auf Überredung statt Gewalt stützt.“

Ähnlich anders will ich meinen Begriff von Dialektik definieren:

Dialektik ist die Anwendung eines Vernunft genannten Vermögens, das in keiner bestimmten Beziehung zur Wirklichkeit steht. Dieses Vermögen beruht auf nichts weiter als Aufgeschlossenheit und Neugier sowie darauf, daß man sich auf Überredung statt Gewalt stützt, um Widersprüche in den Auffassungen über das, was gemeinsam getan werden sollte, aufzulösen. Andere Widersprüche in den Auffassungen bedürfen nicht der Auflösung, sondern alleine der leidenschaftslosen Aufgeschlossenheit und einfühlsamen Neugier gegenüber dieser Auffassung.“

Zur Erläuterung meiner Denke einige Beispiele:

  • Sucht die Naturwissenschaft die Wahrheit über die Dinge (der externen Wirklichkeit), oder will sie herausfinden, ob sie richtig oder falsch sind? Nein, weder noch! Sie sucht die Wahrheit darüber,  nach welchen Gesetzmäßigkeiten sie mit uns wechselwirken, um Zukunft berechenbarer zu machen. Welch ontologisch-wahren^^ Wesens sie sind, ist dafür völlig irrelevant zu wissen, mathematische Formeln (Formulierungen) dieser Wechselwirkung genügen diesem Zweck vollkommen! Im Beitrag über den gesunden Menschenverstand wirst du ja schon gelesen haben, wie beliebig unsere Vorstellungen über dieses wahre Wesen der mit uns wechselwirkenden Welt sind. Der Beweis, daß irgendwelche Dinge da draußen, unabhängig von unseren Vorstellungen/Wertungen über sie existieren, ist einfach aus der Tatsache zu schlußfolgern, daß sie mit uns wechselwirken – nur insofern ist unsere Voraussetzung ihrer Existenz auch eine wahre Annahme. Die Existenz des Lebens, des Universums und des ganzen Restes, den wir noch nicht kennen, nimmt bestimmenden Einfluß auf  unsere Existenz. Das ist zwar auch umgekehrt gültig: das Leben, das Universum und der ganze Rest, den wir noch nicht kennen, können auch wir beeinflussen und verändern, aber diese existieren auch ohne die Bilder (Modelle) des Menschen, die er sich von ihnen macht. Aber beweisen können wir das, solange wir existieren, nicht; und wenn wir nicht mehr existieren, ist es auch egal!
  • Kann die „wissenschaftliche“ Beschäftigung, d.h. Untersuchung abstrakter Dinge wie z.B. Glauben, Hoffnung, Liebe, Absichten, Handlungsmotive, Sexualität und andere Ideen mit den Methoden der Naturwissenschaft, die Wahrheit über diese Dinge herausfinden? Nein! Denn wenn man sich mit diesen abstrakten Dingen beschäftigen kann, existieren sie auch, sind also wahr. Man kann sie nur nach bestimmten, vorher vereinbarten Kriterien daraufhin untersuchen, ob sie (für uns selbst oder eine Gemeinschaft) richtig oder falsch sind – untereinander vereinbarte Kriterien erfüllen oder nicht. Diese Kriterien sind grundsätzlich willkürlich (von unserem Willen bzw. Wollen gekürt), doch immer ZWECKmäßig: unseren Zwecken gerecht werdend – so zumindest unsere damit verfolgte Absicht. Die abstrakten Tatsachen haben, egal ob sie als richtig oder falsch bewertet werden, immer einen mehr oder weniger starken Einfluß auf uns persönlich und auf unser Zusammenleben mit anderen. Aus diesem Grund muß, ebenso wie bei den Dingen der externen Wirklichkeit, ihre bloße Existenz als Kriterium für ihre Wahrheit gelten. Nur eines unterscheidet die erdachten Abstrakta von den körperlichen Dingen der externen Wirklichkeit: Sie existieren grundsätzlich nicht ohne den Menschen.
Genug gequasselt für heute.
Doch heute ist nicht alle Tage, ich komm wieder, keine Frage.


 

 

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