Die „Disburg“.

(713 m über der Nordsee.)

Unter den basaltigen Höhen des Vorgebirges der Rhön zeichnet sich, vornehmlich eine aus, die steil und isoliert ohnweit des Gebaberges zwischen den Ortschaften Aschenhausen, Wohlmuthhausen und Oberkatza sich erhebt. Davon erzählt das Volk der Umgegend, daß in grauer Zeit auf dem Gipfel ein Schloß gestanden habe, darinnen ein fränkischer König wohnte; doch nicht lange, so zog er fort nach Frankreich und – das Schloß wurde bald darauf zerstört, dagegen der nahe „Hutsherg“ erbauet, auf welchem jedoch nur fränkische Herzöge residierten. Der Frankenkönig, der auf Disburg gesessen, soll kein anderer als Chlodio gewesen sein, und die Disburg; das von ihm erbaute Dispargum. Ein Ringwall von Basalten umziehet den Hochgipfel dieses Berges, ein mächtiger Felsblock ragt an seiner Mitte empor; auch steht auf dem Berge ein alter Grenzstein von ungewöhnlicher Größe, in welchem eine schüsselartige Vertiefung eingehauen ist, nebst dem Bilde dreier Löffel. Hier grenzten die Aemter Lichtenberg, Kaltennordheim und Sand an einander, und sollen aus dieser Schüssel vor Zeiten bei Grenzbegehungen die drei Amtmänner Suppe mit einander gegessen haben. . . So erzählt L. Bechstein in seinem 1842 herausgegebenen ,,Sagenschatz des Frankenlandes«, 1.Theil.[1]

Heim meldet: ,,Seitwärts, gegen Morgen, liegt über Aschenhausen ein hoher Berg, auf welchem die alte Disburg gestanden, daher man ihn auch jetzo noch die „Disburg“ nennt, König Chlodio oder Ludwig, Pharomunds des ersten fränkischen Königs Sohn, hat seine Residenz auf dieser Burg gehabt. Von da ist derselbe in Gallien gezogen. – Unten an diesem Berge ist ein köstlicher Brunnen, der Katzbrunnen genannt, und an diesem liegt das Dorf Oberkatza . .“ Schultes giebt an: „Der sogenannte Diesberg, der durch seine Höhe über alle seine Nachbarn sich erhebet, gehört größtentheils nach Wohlmuthausen; seine Oberfläche ist ganz von Holz entblößet, übrigens aber rund herum mit Wald bedecket. Auf der Höhe steht ein „Gränzstein, wodurch die Landgränze“ zwischen den beiden Aemtern Lichtenberg und Sand bezeichnet wird. Neuere Geschichtsforscher haben die Meinung aufgestellt, daß hier das alte Disbargum, der Wohnsitz der fränkischen Könige gestanden habe, dessen eigentliche Lage bisher in der Geschichte noch sehr problematisch (zweifelhaft, ungewiß) gewesen ist . . . Nach der Aehnlichkeit des Namens hielte man dieses Duisburg bald für Dietesburg im Fuldaischen, bald für Diesenburg im Paderbornischen, oder für Diesperg am Nekar und für Duisburg an der Eller; doch fielen die meisten Stimmen auf die Stadt Duisburg im Herzogtum Cleve. Im Anfang des achtzehnten Jahrhunderts suchte J. W. „Dittmar, (Ditmar)“ Professor zu Jena, erweislich zu machen, daß das genannte Disparagum in der Grafschaft Henneberg, zwischen den Dörfern Helmers-, Wohlmut- und Aschenhausen wie Oberkaza auf einem hohen Berg gelegen sey, welcher noch heut zu Tage, unter dem Namen Diesberg bekannt ist; und die ältesten Geschichtsschreiber setzen ausdrücklich das alte Dispargum in das thüringer Land. Unsere besten Geschichtskenner sind der Angabe Dittmars beigetreten. Da übrigens diese ehemalige Residenz der fränkischen Könige schon im sechsten Jahrhundert verwüstet wurde, darf man sie nicht mit dem am Rhein gelegenen Duisburg verwechseln, welches in spätern Zeiten ebenfalls als eine königliche Pfalz vorkommt.“ –

Binder bemerkt: ,,450 eroberte der Frankenherzog Chlodio Dispargum, eine an der thüringisch-fränkischen Grenze gelegene Burg, von den Thüringern, nachdem sie sein Vater Pharamund schon einmal besessen hatte. Der aus Oberkatz stammende Jenaer Gelehrte „Dithmar“ versteht unter Dispargum die Disburg bei Wohlmuthausen.“ — Genßler hat nun aber eine ganz andere Meinung über die Disburg; aus seinen Darlegungen nur Folgendes:

Das Dispargum war entweder die Dießburg im Hennebergischen oder, was ich für richtiger erachte, das noch stehende Schloß Heßberg, eine halbe Stunde von Hildburghausen! Meine Gründe sind folgende: a. Der Geschichtsforscher Fregedar las (in der Geschichte Tur. lit. II. von Gregor) nicht Dispargum, sondern „apud Hesbargem“ nach ältester Handschrift; b. Hessberg ist noch vorhanden, durch seine Bauart eine ausgezeichnete Reliquie des Alterthums, dagegen wird das vorgebliche·Schloß auf dem Dießberg nur durch einen Haufen Steine dokumentiert. c. Wer den sogenannten kleinen Gleichberg gesehen hat, wird daselbst auch Steinhaufen oder Steinrücken gefunden haben, welche sogar noch jetzo, als wären sie von Menschenhänden über einander gelegt, anzusehen sind. d. Auf hohen Bergen, die zu düsteren Hainen verwachsen waren, versammelten sich unsere heidnischen Vorfahren, da wälzten sie große Steine zusammen, um darauf, so oft im Haine dem Herkommen gemäß Staatsverhandlungen vorgenommen wurden, zu sitzen. Zu dieser Voraussetzung scheint mich sogar der Name „Dießburg“ zu berechtigen; welcher, wie Dietesburg im Fuldaischen, vom Diet, Teut, Tuisto (dem ältesten der vergötterten Helden der Deutschen) seinen Namen empfangen und zu einem dem Teut oder Tuisto gewidmeten gottesdienstlichen Versammlungsorte gedient haben mag. e. Da die Geschichte, auch die des Mittelalters nie einer auf dem Dießberg gelegenen Burg erwähnt, so scheint es mir verwegen zu sein, dahin ein Schloß zu setzen, und noch verwegener, dasselbe für die königliche Residenz des Chlodio auszugeben. Heßberg liegt ebensowohl vor dem Thüringerwald, der damaligen Thüringer Grenze, als der Dießberg -, liegt in einem romantisch schönen Thal; von dem nahen Stadtberge eröffnen sich liebliche Aussichten nach Frankonien; man erblickt von demselben die blauen, oft noch bis gegen Pfingsten beeisten Häupter der hohen Rhön- und Thüringer Gebirge. Heßberg, das Schloß, steht auf einem Hügel, den ringsumher ein tiefer Graben bis dahin umgiebt, wo derselbe steil abschüssig keiner Befestigung bedarf, wo ihn die Werra bespült. Seine Lage macht einen tiefen Ziehbrunnen entbehrlich, weil das nahe Flußbett Wasserfülle genug hat für den Bedarf einer Besatzung. Ohne einen Ziehbrunnen hätte die Dießburg nicht bestehen können, und doch deutet auf derselben durchaus nichts auf eine solche Anlage hin. Dittmar, Professor 1709 zu Jena, bauete seine Hypothese (Voraussetzung) auf die Sage der Anwohner des Dießbergs. Viele Orte im diesseitigen Deutschland konnten dem Hennebergischen Dießberg die Ehre der Residenz eines Chlodio streitig machen, dagegen kennt man nur ein einziges Heßberg. –

Krause, ehedem Pfarrer in Aschenhausen (bei der Disburg) berichtet in der Kirchenchronik seines Amtsortes unter Andern: „Die vor einigen Jahren angestellten Nachgrabungen des Herrn von Donop führten auch nicht zu dem geringsten Resultat, trotzdem daß kein Aufwand dabei gespart wurde“.

Brückner erwähnt gelegentlich seiner Angabe über Oberkatz: „Westlich vom Orte lag die alte „Helmerswarte“; südlich aber die „Dißburg“ läuft die weimarisch-meiningische Grenze. Daß die Dißburg der königliche Ursitz der Franken gewesen“, ist ohne alle historische Berechtigung“.[2] –

Kronfeld meldet auch nichts über eine ehemalige Burg auf dem „Diesberg“.

Schneider (in seinem Führer durch die Rhön) schreibt kurz: ,,Westlich von der Geba erhebt sich die bewaldete basaltige Disburg, als Jagdrevier für Rothwild berühn1t. Auf dem Gipfel ein Ringfelsen von Basaltsteinen und ein Block mit schüsselförmiger Vertiefung, wahrscheinlich eine altgermanische Cultusstätte. Der Name von den Disen, göttliche Jungfrauen, (Zauberinnen oder Hexen).« – Vergleiche Heft I. S. 49.

Die Ansichten über die ehemalige Disburg bleiben wohl noch geteilt, über die Aussichten von diesem Berge herab stimmt aber wohl Jeder dahin, daß die Forstverwaltung nur wenig zu lichten braucht, um dem Besuchern einen ergötzenden Blick nach dem Herpf-, Katz,-, Lotten- und Oberfeldagrund zu verschaffen.


aus
C. E. Bach
„Im Tullifeld“
Eine historisch-landschaftliche Umschau in engerer Heimat
– der Vorderrhön –


 

[1] Wenn (wie ein anderer Chronist dazu bemerkt,) auf diesem Stein die 3 Beamten gleichzeitig hätten sitzen, jeder die Füße auf seines Herrn Gebiet stellen und dabei aus der Steinschüssel auch von der Suppe mitspeisen können, müßten sie bei der komischen Richtung zu einander mindestens jeder seinen Teller oder Napf gehabt haben; und posierlicher noch wäre ihre Haltung geworden, wenn sie bei angegebener Fußstellung gleichzeitig aus der einen Steinschüssel gelöffelt hätten.

[2] Ich bin in diesem Jahre wieder einmal mit einigen Freunden in den Disburgwald gestiegen: Wir haben zwischen allerlei Bäumen und wildem Gebüsch eifrig uns umgesehen, und wirklich fanden wir Steinrücken und sehr lückenhafte, in Gras und Erde versteckte Basaltringe, aber nichts konnte uns als irgendwelches Burgüberbleibsel gelten. Auch den vielbesprochenen „Schüsselstein“ oder den Dreiherren-Tisch suchten wir Viere vergebens; und von Rothwild sahen wir in der hohen grünen Wildnis keine Spur.


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