Die Missionare im Tullifeld

„Kein Wald war ihnen zu wild
Und kein Herz zu trotzig.“

(Dullers Geschichte.)

 Als um 500 n. Chr. die Franken auch in’s Thüringer- und Chattenland eingezogen, brachten sie wohl neben ihren Gewaltmaßregeln auch schwache Keime für Einpflanzung des Evangeliums mit, hatten aber in ihrem eigenen Wesen kaum Etwas davon. Denn obschon ihr großer Clodwig durch den römischen Bischof zum ,,ersten allerchristlichen König“ erhoben war, nennt ihn die Weltgeschichte doch nur ein Ungeheuer in Menschengestalt. Erst von etwa 680 an lichteten sich allmählich auch in der Rhöngegend die den religiösen Glauben einhüllenden Nebel, und die heidnische schauerliche Finsternis mußte weichen.

Von den britischen Inseln kamen im 7. Jahrhundert fromme Angelsachsen als Sendboten der christlichen Lehre herüber in die Wälder Germaniens. Bei den Alemannen predigten Kolumban und Gallus, bei den Friesen Willibrord, bei den Thüringern und Chatten wie auch im Frankenland Kilian und Winfried, bei den Bayern hauptsächlich Emeran und Ruprecht. Auf das Tullifeld haben Kilian und Winfried, welch letzterer später auch Bonifatius, ,,Bonifacius, Bonifaz“ d. h. Wohlthäter genannt wurde, den ersten und besten christlichen Einfluß ausgeübt, weshalb auch ihr Auftreten und Wirken von uns noch etwas mehr ins Auge gefaßt sein möge.

Aus der Lebensgeschichte des ,,heiligen Kilian“ erfährt man, daß in Würzburg und Umgegend schon vereinzelt Christen sich aufhielten, ehe noch er selbst dort hinkam; doch bestand bei ihnen das Christentum nur mehr im Aeußern, und ähnlich fanden es die Missionare andern Gauen. Ueber Kilian und seine Zeit wird Folgendes durch Sauer erzählt: „Der durch Kriegsthaten berühmte fränkische König Dagobert hielt es für nötig, in Thüringen und Franken, in welche Gegenden die Sorben und Wenden eingebrochen waren, tapfere Herzöge als Statthalter einzusetzen. Radulf (Rudolph) war einer derselben; er schlug die Wenden wiederholt zurück. Sein Nachfolger war sein Sohn Heden (Hedan, Hettan) I. Dieser war auch noch Heide und wohnte zu Würzburg. In der Nähe dieser wichtigen Stadt, nämlich zu Höchheim (Veitshöchheim) lebte die schöne Bilehild, eine Christin, Tochter eines dortigen angesehenen Mannes namens Iber. Herzog Heden, der schon verwitwet war, heiratete sie, doch starb er bald, und Bilehild zog nun nach Mainz. Sie verwendete ihr ganzes Vermögen zu frommen Stiftungen und wurde nach ihrem Tode für heilig erklärt. Hedens Sohn aus erster Ehe, Gotzbert, wurde Herzog in Franken und Thüringen und wohnte gleichfalls in Würzburg. Man vermutet, daß er gegen das Jahr 687 sich von Kilian habe taufen lassen, wobei sein Name in den christlicher lautenden „Theobald“ umgeändert worden sei. Auch viele Hunderte seiner Unterthanen ließen sich taufen. – Gotzbert hatte einen Bruder, von dem aber ungewiß ist, ob er älter oder jünger und ob auch fränkischer Herzog gewesen; er war um diese Zeit gestorben. Gotzbert heiratete nun dessen hinterlassene Witwe Gilane (Gelen, Geilana); nach Andern lebte er unehelich mit ihr. In den damaligen Kirchengesetzen war jenes auch unerlaubt. Freilich war Gotzbert mehr dem Namen als der That nach ein Christ, und Geilana scheint das Christentum nie öffentlich angenommen zu haben. Kilian drang bei Gotzbert darauf, sich von ihr zu trennen, wozu dieser aber keine Lust hatte, und Geilana warf von nun an einen unversöhnlichen Haß auf Kilian und dessen Begleiter. Sie dingte Meuchelmörder, von denen Kilian, Colonat und Totnan im Jahre 697 getötet wurden. Die Kirche hat diese Ermordeten für heilig erklärt. Kilians Leichnam, der auf Geilanas Veranstaltung heimlich und schnell verscharrt worden war, wurde später aufgefunden und vom Jahre 753 an alljährlich zur Verehrung besonders ausgestellt. Der 8. Juli ist sein Gedächtnistag und als ,,Sankt Kilian“ für das gesamte Bistum ein hoher Feiertag; da pilgert gar Mancher von ferne her zum neuen Münster in Würzburg, wo die Gebeine Kilians aufgehoben sind.

Unbekannt ist, ob Gotzbert von seiner Geilana sich getrennt habe oder nicht. Sein Sohn war Heden II., der von seinen Dienern ermordet worden sein soll. Dessen Sohn, ,,Thüringer, Deringer“ genannt, scheint diesen Stamm geendigt zu haben; es gab keine Herzöge über Franken und Thüringen mehr. Heden II. schenkte dem Erzbischof Willibrord von Friesland (zu Utrecht) bedeutende Güter in Thüringen, sowie das Schloß Hammelburg in Franken. Gotzbert war viel auswärts, zog mit zu Felde, wohnte wahrscheinlich der Schlacht bei Testri (in Oberitalien) bei, durch welche Pipin Haushofmeister (major domus) des ganzen fränkischen Reichs wurde. Auch sein Sohn Heden Il. war häufig abwesend, nahm besonders an den Kriegen der Franken gegen die Friesen Anteil; er ist vielleicht mit seinem Sohne in der Schlacht von Vinci, bei Florenz, (717) geblieben. – Um die Ausbreitung des Christentums im heutigen Frankenland scheinen Gotzberts Sohn und Enkel sich kein Verdienst erworben zu haben.

Kilian nebst drei Priestern, einem Diakonus und sieben andern Männern waren sicher diejenigen, welche das Christentum in Franken begründeten. Bonifatius trat erst gegen das Jahr 715 auf und fand wenigstens im südlichen Franken die Saat des Christentums schon vor. Ehe Kilian sein Bekehrungswerk begann, war er, wie nachher auch Bonifatius, gen Rom gereist, um vom Papste Anordnungen und Ratschläge persönlich einzuholen. – Wäre Kilian länger am Leben geblieben, so würde er wohl auch der erste Bischof zu Würzburg geworden sein. Als solcher ist Burkard genannt, der gleichfalls aus England, aus dem Orden der Benedictiner und ein Anverwandter und Gehülfe des Bonifatius war. Im Jahre 741 wurde er gleichzeitig mit zwei andern Missionaren in der Kapelle zu Salzburg, bei Neustadt a. d. fränk. Saale, von Bonisatins zu seinem hohen Amte geweihet.“ So erfahren wir, daß auch Bonifatius in Franken eifrig und erfolgreich für das Christentum wirkte; doch nennt man nicht mit Unrecht den Märtyrer Kilian den „Apostel der Franken“, wobei nicht ausgeschlossen ist, daß er auch nördlich von Würzburg bis in die Nähe des Thüringerwaldes seine christliche Mission, gleichviel ob gelegentlich seiner Durchreisen oder unter längerm Aufenthalte, zu erfüllen gesucht hat. Bei Frauenbreitungen auf der Höhe des „Kiliansberges“ (schreibt Brückner) steht heute noch die mehr als 1000jährige Kilianseiche; in Kaltennordheim ist die alte Friedhofskirche ,,zu Sankt Kilian“ genannt, und bei Schleusingen liegt die Kirche und das Hospital Sankt Kilian. Sauer berichtet weiter: „Man kann mit Gewißheit annehmen, daß der erstes feste Sitz des Christentums im heutigen Franken die Stadt Würzburg gewesen ist. Von Würzburg aus konnte die neue Religion leicht nach Hammelburg, nach Münnerstadt und von da nach Mellrichstadt, dann der Streu aufwärts nach Ostheim und Fladungen und in die dortige Umgegend, welche an das Rhöngebirge grenzt, gelangen.“ Fladungen liegt kaum drei Stunden südlich vom Tullifeld engsten Sinnes. In dem eigentlichen Rhöngebirge, das um die Zeit Kilians noch sehr wenig vom Menschen bewohnt gewesen sein mag, ist die Einführung und Einprägung des Christentums wahrscheinlich von dem spätern Bistum Fulda nach den Grundsätzen des Bonifatius ausgegangen. Im östlichen Grab- und im westlichen Tullifeld hingegen regelte sich das kirchliche und Kloster-Leben jedenfalls mehr nach den Auffassungen des Bistums Würzburg. Für diese Ansicht spricht z. B. deutlich, daß schon vor 996 Bischof Heinrich von Würzburg es bei Kaiser Otto III. bewirkte, daß derselbe dem Henneberger Grafen Wilhelm, welchem das königliche Lehen von Rosa zugeeignet worden war, gestattete, in Gemeinschaft mit Berthold von Wildprechtsroda das Kloster Georgenzell zu gründen. Auch standen noch 1250 die Cent Lichtenberg, 1333 noch die Cent Friedelshausen, 1485 und noch später die Cent Dermbach in geistlichen Angelegenheiten unter dem Hochstift Würzburg. Doch suchen wir jetzt nicht weiter nach den Spuren der Wirksamkeiten von Kilian und Bonifatius im Grab- und Tullifeld, wieweit sie sich kreuzten oder nebeneinander liefen. Das steht fest, daß beide Apostel Deutschlands in unsern Gauen die ersten Missionare gewesen und durch gleichhohes Wirken mit gleichen Verdiensten und Erfolgen auch des dankbaren Gedenkens bei der Nachwelt gleichwürdig geworden sind. Dieser Anerkennung zufolge bringen wir im Anschluß an einige Geschichtsschreiber noch das Wichtigste aus dem Lebenslaufe und über die hohe Bedeutung des eifrigen Bonifatius, der gleich Kilian ein Glaubens-, ein Blutzeuge geworden ist.

Winfried, dessen Name vom Papste Gregor II. in bekannter Weise umgewandelt wurde, war 683 zu Kirton in England geboren. Nachdem er 13 Jahre im Kloster Excester gewesen, trat er als Lehrer in das von Nutcell ein; im dreißigsten Lebensjahre empfing er die Priesterweihe. Der Bekehrungseifer seines Landmannes Wilibrod (Erzbischof von Utrecht) entzündete in ihm auch den Missionseifer. Doch missionirte er nicht wie andere, z. B. Columban und Gallus, gleichsam aus freier Hand oder „auf eigene Faust“, sondern im Namen des römischen Stuhles predigte er das Evangelium. Dreimal reiste er deshalb nach Rom, um vom Papste Gregor II. sich Verhaltungsbefehle und Empfehlungsschreiben zu erbitten. Zuerst wurde er von demselben zum Bischof der im mittlern Deutschland zerstreut lebenden Christen, dann zum Erzbischof von Mainz erwählt. Auf seiner ersten Rückreise von Rom ging er (719) durch Bayern nach Thüringen, Hessen und Friesland und dann wieder nach Hessen und Thüringen zurück. Groß war das Ansehen, welches er genoß, groß seine Beredsamkeit, groß der ihm innewohnende christliche Eifer und Mut. 723 empfing er besonders noch in Rom die Bischofsweihe und leistete dabei – er, der erste außeritalische Bischof, der sich dazu verstand, – dem römischen Bischofe den förmlichen Gehorsamseid. Er glaubte mit voller Kraft der Ueberzeugung, daß das Heil der Kirche an Rom gebunden sei, und diesem Glauben hat er sein Leben gewidmet. 732 ernannte ihn Gregor III. zum Erzbischof und Primus von ganz Deutschland; 738 machte er seine dritte Reise nach Rom. In Bayern gab es nur das Bistum zu Passau, darum er auch zu Freisingen und Regensburg neue Bistümer, in Hessen Baraburg (,,Büraberk,“ später nach Paderborn verlegt), in Thüringen Erfurt, das später zu Mainz gekommen ist, für Franken das Bistum Würzburg, für die Pfalz das zu Eichstädt errichtete. Auch die Klöster und Stifte Fulda und Hersfeld (in Buchonien) haben ihm ihren Ursprung zu verdanken. In Thüringen erbaute er auf einem Berge bei Dorf Katterfeld das erste christliche Kirchlein. – Das Wichtigste für die damalige Zeit war, daß es ihm gelang, auch die Kirche des Frankenreichs zu erneuern. Nach dem Tode Karl Martells (741) und nach Carlmanns Entsagung hat er dessen Bruder, Pipin den Kurzen, zum König der Franken geweihet, und es glückte Bonifatius, in kurzer Frist die ordentlichen Formen der Kirchenverfassung für das ganze Frankenreich zu neuem Leben zu erwecken; denn Martells Hand hatte ja schwer auf der Frankenkirche gelegen. Indem Bonifatius nun aber mit dem Christentum zugleich die Macht des römischen Stuhles aufrichtete, hat er nicht etwa die deutsche Kirche wie eine Sklavin an Rom verkauft, sondern der deutschen wie der ganzen abendländischen Christenheit die entscheidenden, mächtig fruchtbaren Lebensantriebe gegeben, aus welchen die Kirchenherrlichkeit und mit ihr die Kultur des Mittelalters hervorgegangen ist. Er veranstaltete in Deutschland acht Concilien (Kirchenversammlungen). – 754 unternahm Bonifatius aufs neue apostolische Reisen zur Bekehrung der Ungläubigen. 755 ward er von heidnischen Friesen bei Dokkum am 3. Juni erschlagen, ungefähr 73 Jahre alt. So mußte er wie Kilian für apostolisches Wirken den Märtyrertod erdulden! In dem 744 von ihm gegründeten Kloster Fulda bewahrt der Dom seine Gebeine. Auch das engere Tullifeld hat Denkmale für sein Gedächtnis z. B. der Sage nach den Taufstein-Felsen im Walde bei Neidhartshausen, und Bonifatius zu Ehren wurde die Kirche von Kloster-Zella (,,neben der Velde“) im Jahre 822 vom Erzbischof Haistulf eingeweiht.


aus
C. E. Bach
„Im Tullifeld“
Eine historisch-landschaftliche Umschau in engerer Heimat
– der Vorderrhön –


Bücher und DVD über Geschichte, Landschaft und Kultur der Rhön und Thüringens
– nach Themen sortiert –


 

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