Uns selber übersteigen

Ich komme zum dritten Schritt und damit zum Abschluß. In diesem dritten Schritt möchte ich diese Selbsttranszendenz als eine Möglichkeit für unsere Gesellschaft vorführen. Ich darf erinnern, was ich hier unter Selbsttranszendenz verstehen möchte: Das Wort kommt von übersteigen – irgendwohin soll hinübergestiegen werden. Wohin also sollten wir steigen? Über unsere eigenen Ausstattungen, wie sie begrenzt erscheinen durch unsere angeborenen Anschauungsformen. Wir könnten sie durch Forschung übersteigen. Modell Einstein im Falle von Zeit und Raum. Heute ist es unser Anliegen, nun auch das Wesentlichste, das uns heute plagt, zu übersteigen, nämlich unsere Anschauungsformen von der Kausalität, die Vorstellungen von den Ursachen.


Das Einsteinsche Problem hat uns ja auf dieser Welt noch nicht geplagt, wir müßten ja auch nahezu mit Lichtgeschwindigkeit reisen, um den Irrtum sinnlich wahrzunehmen. Während das Kausalitätsproblem dimensionslos ist. Es plagt uns hier und auf dieser Erde. Da geht es in erster Linie und in unserer Gesellschaft um eine Lösung dieses Kraft-Zweck-Dualismus, der zweifellos ein Dilemma in unserer Zeit nach sich gezogen hat und letzten Endes zurückzuführen ist auf das menschliche Dilemma, das bereits mit unserem Bewußtsein entstanden ist.
Man erinnert sich, daß die Kontrolle, die zunächst einmal alle genetische Erfindung der Kreatur betraf, an einem realen Milieu außerhalb derselben vorgenommen werden mußte. Wir nennen das Selektion. In der Folge ist das Bewußtsein, von dem hier schon einige Male gesagt worden ist, daß es ein entscheidender Vorteil ist, weil die Hypothese stellvertretend für den Besitzer sterben kann, aufgrund dieses enormen Selektionserfolgs durchgesetzt worden. Der enorme Nachteil ist es, an den viel seltener gedacht wird, daß damit zwei Wahrheiten in Erscheinung treten, eine empirische und eine rationale. Und es ist wahrscheinlich in diesem Dilemma das gescheiteste Mißverständnis jenes, das uns Plato gelehrt hat. Es hat aber dazu geführt, unsere Zivilisation zu spalten. Ein Dilemma, das durch unsere ganze Kulturgeschichte hindurchzieht und heute noch – wie erst kurz vor mir Wuketits erwähnte – unsere Kultur spaltet. Man erinnert sich des Buches von Snow »The two cultures«.
Wir könnten diesem Dilemma entgehen, sobald wir in der Lage sind, die Fehler unserer Anpassung von den Fehlern der rationalen Prozesse zu unterscheiden. Und ich behaupte, daß uns das experimentell zugänglich werden wird. Die Fehler unseres ratiomorphen Apparates, des ratio-ähnlichen angeborenen Apparates, sind die einen – im Altenberger Jargon heißt er schon der »ratiomorsche Apparat«. Er ist deshalb morsch, weil er zwar als ein hervorragendes Anpassungsprodukt für unsere Vorfahren etabliert worden ist, genetische Evolution aber mindestens sechs Jahrmillionen für den Einbau eines solchen Merkmales benötigt, Kulturentwicklung aber viel zu rasch abläuft. Und wir können uns daher gar nicht darauf verlassen, daß an ihm noch irgend etwas adaptiert wird. In der Zwischenzeit aber haben wir unsere Welt viel zu kompliziert gemacht für diese einfachen Formen unserer Anschauung von dieser Welt. Wir müssen erkennen, daß uns diese Kultur – um mit Hayek zu reden – »passiert« ist. Wir sind nicht gescheit genug gewesen, sie zu machen. Als eine Entschuldigung für uns alle – wir sind in sie hineingestolpert. Und nun ist sie so kompliziert, daß diese alten Anschauungsformen nicht mehr ganz passen. Das heißt, die Mängel des ratiomorphen Apparates sind sehr bescheiden. Die Passung ist nicht ganz genau, denn unser Hirn ist ja nicht für Erkenntnistheoretiker erfunden worden, sondern zunächst zum Überleben. Und dafür hat diese Paßform vollkommen genügt.
Die Fehler des rationalen Apparates unseres Bewußtseins scheinen aber ganz andere zu sein. Sie scheinen darauf zu beruhen, daß wir unsere Anschauungsformen unter Einschluß ihrer Mängel, ihrer mangelnden Paßformen, für Gewißheiten hinnehmen und meinen, von ihnen aus ungestraft und beliebig weit extrapolieren zu können. Und daraus folgt natürlich als Konsequenz, daß jener bescheidene Fehler, der am Anfang steht, enorm vergrößert wird und uns in außerordentliche Schwierigkeiten bringt. Ich behaupte, daß neben aller Possessivität des Menschen und was sonst noch Übles in ihm stecken möge, die meisten Schwierigkeiten, in denen sich unsere Zivilisation heute befindet, auf die strukturelle, gesellschaftsbedingte Erweiterung dieser Rationalität zurückzuführen sind. Wir eskalieren dort, wo wir nicht eskalieren dürfen. Man denke nur daran, was alles die Folge ist zu meinen, daß ein Mehr dessen, was in einem bestimmten Maße gut ist, notwendigerweise besser wäre.

Rupert Riedl „Die Mühseligkeit der menschlichen Existenz zu erleichtern“.
in „Nichts ist schon dagewesen. Konrad Lorenz, seine Lehre und ihre Folgen

Klappentext:

Konrad Lorenz, der weltberühmte Verhaltensforscher und Nobelpreisträger, beging im November 1983 seinen 80. Geburtstag. Aus diesem Anlaß fand in Laxenburg bei Wien ein dreitägiges Symposium statt. Schüler und Freunde von Konrad Lorenz referierten und diskutierten über dessen Lebenswerk und über ihre Arbeit, mit der sie dieses noch nicht abgeschlossene Lebenswerk weiterführen. Die Texte dieses Bandes dokumentieren die Bedeutung von Konrad Lorenz als Naturphilosoph und als »Vater der Verhaltens­forschung«.

Aus dem Inhalt:

  • Sverre Sjölander – „Angeborene Welt – erworbene Welt“
  • Erhard Oeser – „Zickzackweg auf dem Grat der Wahrheit“
  • Bernhard Hassenstein – „Prägung und Lernen. Beiträge von Konrad Lorenz zur Erforschung des Lernens“
  • Antal Festetics – „Das »Du« zwischen Mensch und Tier“
  • Irenäus Eibl-Eibesfeldt – „Mensch, erkenne Dein biologisches Selbst“
  • Bernd Lötsch – „Das ökologische Gewissen der Nation. Konrad Lorenz und die Umweltfrage“
  • Wolfgang M. Schleidt – „Wie der Computer »Miau« auf deutsch übersetzt“
  • Wolfgang Wickler – „Das Spiel der Engel und Teufel“
  • Konrad Lorenz – „Der Mensch in der Falle“
  • Franz M. Wuketits – „Das geistige Leben – eine neue Art von Leben“
  • Rupert Riedl  – „Die Mühseligkeit der menschlichen Existenz zu erleichtern“

 


 

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