Demut als Utopie

Das wiederholte Scheitern von Systemen, die von weit in die Zukunft weisenden Visionen getragen wurden, hat unseren Glauben an die Realisierbarkeit von Utopien nachhaltig erschüttert. Zweifel an der Machbarkeit von Zukunft greifen um sich. Die Erkenntnis, daß große Entwürfe und Fünf-Jahres-Pläne die Tendenz haben, an der sich ändernden Wirklichkeit zu scheitern, ist nicht neu – neu hingegen ist, daß es rationale Erklärungen für die Notwendigkeit des Scheiterns gibt.Die relevanten Variablen sind zum einen die Struktur und Dynamik lebensweltlicher Prozesse und zum anderen die kognitiven Fähigkeiten der Entscheidenden und Handelnden, die versuchen, diese Prozesse zu steuern.


Die Systeme, die es zu steuern gilt, zeichnen sich allesamt dadurch aus, daß sie aus einer sehr großen Zahl untereinander vernetzter Agenten bestehen, deren Einzelaktionen in ihrer Gesamtheit die Entwicklungstrajektorien der Systeme bestimmen. Somit kann der Beitrag der einzelnen Aktionen zur Entwicklungsdynamik des Gesamtsystems nur dann beurteilt werden, wenn der Gesamtkontext jeweils mitberücksichtigt wird. Das hierfür erforderliche Wissen über die Interaktionsstrukturen und die Motive und Handlungen der einzelnen Agenten ist aber wegen der Komplexität von Gesellschafts- und Wirtschaftssystemen in der Regel nicht verfügbar. Doch selbst wenn dieses Wissen erlangt und nutzbar gemacht werden könnte, ließen sich daraus keine Maximen für Eingriffe ableiten, die langfristige Ziele verfolgen. Der Grund ist, daß lebensweltliche Systeme nicht-lineare Eigenschaften besitzen. Für solche Systeme läßt sich nicht prognostizieren, welches die langfristigen Konsequenzen von Eingriffen sein werden. Für nicht-lineare dynamische Systeme läßt sich im Prinzip nicht angeben, wie bestimmte Eingriffe sich auf die längerfristige Entwicklungstrajektorie des Gesamtsystems auswirken werden. Es verhält sich hier ähnlich wie mit der Evolution des Lebens auf der Erde. Es ist im Nachhinein möglich, anzugeben, wie sie sich vollzogen hat und welchen Einfluß bestimmte Mutationen auf die Entwicklung des Gesamtsystems hatten. Als sich die einzelnen Mutationen jedoch ereigneten war im Prinzip nicht vorauszusehen, wie sich diese auswirken würden. Komplexe Systeme mit nichtlinearer Dynamik lassen sich also nicht zielgerichtet steuern, weshalb es in der Regel anders kommt als erwartet.
Mit der zweiten Variablen, dem entscheidenden und handelnden Menschen, steht es nicht viel besser. Unsere kognitiven Fähigkeiten sind naturgemäß beschränkt und diese Beschränkung gilt für alle Menschen im gleichem Maße. Weder die Lenker noch die Gelenkten sind in der Lage, das im Prinzip verfügbare Wissen in ihren Gehirnen zu speichern. Somit basieren selbst scheinbar rationale und vernünftige Entscheidungen immer nur auf den wenigen Variablen, auf die sich gerade die Aufmerksamkeit richtet. Hinzu kommt, daß vieles von dem, was menschliches Erfahrungswissen ausmacht, unbewußt bleibt und sich lediglich in Neigungen und Abneigungen auszudrücken weiß und somit keinen Eingang in rationale Argumentations- und Abwägungsprozesse findet. Dieses Problem kann durch Verlagerung von Entscheidungsprozessen in multidisziplinäre Gremien reduziert, aber nicht grundsätzlich behoben, werden. Daraus folgt, daß die Entscheidungs- und Planungskompetenz der Lenker in unserer Gesellschaft sich nicht wesentlich von der der Gelenkten unterscheiden kann. Daß wir dennoch bereit sind, den Lenkern unserer Systeme die Meta-Intelligenz zuzugestehen, die allein Rechtfertigung für die ihnen anvertraute Verfügungsgewalt und Macht rechtfertigen würde, spiegelt unsere illusionäre Hoffnung wider, daß Zukunft letztendlich doch plan- und machbar sei.
So ergeben sich zwei Schlußfolgerungen: Erstens, es kann Niemanden auf dieser Erde geben, der es wesentlich besser wissen könnte als wir selbst, und zweitens, selbst wenn es diese Meta-Intelligenz gäbe, wäre sie aus prinzipiellen Gründen nicht in der Lage, zukünftige Entwicklungen so zu beeinflussen, daß diese sich langfristig auf ein bestimmtes Ziel hin bewegen.
Daraus folgt, daß wir uns als Agenten begreifen sollten, die nach wie vor in einem evolutionären Prozeß eingebunden sind, den wir durch unsere Taten befördern, den wir aber nicht wirklich lenken können. Wenn dem so ist, dann täten wir gut daran, uns entsprechend zu verhalten. Ein erster Schritt wäre das Eingeständnis, daß keiner es viel besser wissen kann als andere, und dies hätte Auswirkungen auf die Machtverteilung. Mit diesem Eingeständnis einher ginge der Verzicht auf große Versprechen und die mit ihnen motivierten tiefgreifenden Eingriffe in die Systemdynamik. Weil sich evolutionäre Systeme nur nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum entfalten, müssen die Versuche aus kleinen Schritten bestehen, damit sich Irrtümer nicht zu fatal auswirken können. Auch müßte das Eingeständnis von Irrtum zur Tugend werden, da dieser konstitutiv und nicht zu vermeiden ist. Kleine, von Pragmasie geleitete, an vielen Stellen vorgenommene Verbesserungsversuche sollten sich allemal positiver auf langfristige Entwicklungen auswirken als scheinbar rational abgeleitete große Würfe. Die Dekonstruktion zentralistisch organisierter Lenkungsinstrumente und die Stärkung distributiv organisierter Entscheidungssysteme wären die Folge. Demut als Utopie.

aus einem Redemanuskript von Prof. W. Singer vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung Frankfurt am Main,
zur Veranstaltung Frankfurter Positionen 2003
„Warum nicht würfeln?“ – Gestaltungsmöglichkeiten zu Beginn des 21. Jahrhunderts.
Eine Initiative der BHF-BANK-Stiftung

Wikipedia über Wolf Singer

Bücher von Wolf Singer



 

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