Das Problem der menschlichen Natur

Dieser Tage ist mir in einem Oppelner Antiquariat ein interessantes Buch untergekommen – dessen Kauf kostete mich 1 (in Worten Einen) Euro – in dem ich meine Ahnung bestätigt fand, daß der individuelle Mensch, seine „Seele„,  ein Produkt der menschlichen Kultur ist, in die er hinein wächst. Wird ihm jede menschliche Gesellschaft verwehrt (wie z.b. bei den Experimenten des Stauferkaisers Friedrich II.), verkümmert er, ist hilfloser als jedes Tierbaby gegenüber den Einwirkungen seiner Umwelt.
Alles was den Menschen vom Tier unterscheidet, erlernt er erst durch die Gemeinschaft anderer Menschen. Das zeigen auch die Erfahrungen mit sogenannten „Wilden Kindern. Über diese und die Folgerungen, was am Menschen Natur und/oder Kultur ist, berichtet  das Buch „Die wilden Kinder“ von Lucien Malson, Jean Itard und Octave Mannoni, (suhrkamp taschenbuch 55), aus dem ich das Einführungskapitel als Appetithäppchen für an solchen Gedankengängen Interessierte zitieren werde:

Lucien Malson
Einführung
Die wilden Kinder und das Problem der menschlichen Natur

Es ist mittlerweile eine anerkannte Tatsache, daß der Mensch nicht eine Natur, sondern eine Geschichte hat – oder besser, daß er Geschichte ist. Was der Existentialismus behauptete und was damals etwas unerklärlicherweise so viel Aufsehen erregte, tritt heute als eine Wahrheit auf, die von allen Strömungen des zeitgenössischen Denkens verkündet wird: Vom Behaviorismus, der mit Naville »die Erblichkeit von Geisteszügen, Talenten und Fähigkeiten« leugnet; vom Marxismus, der mit Wallon anerkennt, daß »der Mensch bei seiner Geburt von allen Lebewesen das unfähigste ist, – eine Voraussetzung für seine späteren Fortschritte«; von der Psychoanalyse, die bestätigt (nach dem Ausdruck von Lagache), daß »die Vorstellung von Instinkten, die sich selbst entwickeln, keiner menschlichen Realität entspricht«; und schließlich vom Kulturalismus, der, sowohl dem Marxismus wie der Psychoanalyse verpflichtet, die letzten Zweifel beseitigt und in aller Deutlichkeit zeigt, was das Individuum bei der Entwicklung seiner Person der Umwelt verdankt.

Auch in der Tierpsychologie hat der Instinkt-Begriff seine einstige Strenge verloren. Heute weiß man, daß das Nachahmen und Lernen bei höheren Tieren sowie die Suggestivwirkung der Gruppe bei niederen Tieren, die in einer Art ständiger Hypnose leben, auf die unverkennbare Rolle hinweisen, die die Umwelt im Reifungsprozeß des Instinkts spielt. Dennoch erscheint dieser auch heute noch als ein »a priori der Art«, dessen Richtkraft jedes Lebewesen ziemlich präzise zum Ausdruck bringt, selbst im Fall einer vorzeitigen Isolation. In diesem Sinne verweist das tierische Verhalten trotz allem auf so etwas wie eine Natur. Beim Kind dagegen beweist jede extreme Isolation, daß ihm jene a priori-Grundlagen, jene spezifischen Anpassungsschemata fehlen. Kinder, die frühzeitig jeden gesellschaftlichen Verkehr entbehren mußten – jene Kinder, die man »wilde« nennt -, bleiben in ihrer Einsamkeit völlig hilflos, daß sie gleichsam wie minderwertige Tiere wirken. Statt eines Naturzustands, in dem der rudimentäre homo sapiens oder homo faber zu erkennen wäre, sehen wir nur eine Mißbildung, auf deren Ebene jede Psychologie in Teratologie umschlägt.

Die Wahrheit ist, daß das menschliche Verhalten der spezifischen Vererbung weit weniger verdankt als das tierische. Das System der biologischen Bedürfnisse und Funktionen, die bei der Geburt vom Genotypus übermittelt werden, verbindet den Menschen mit jedem beliebigen Lebewesen, ohne ihn zu charakterisieren und ohne ihn als Mitglied der »menschlichen Art« zu kennzeichnen. Andererseits ist jenes Fehlen besonderer Determinationen völlig gleichbedeutend mit dem Vorhandensein unendlich vieler Möglichkeiten. An die Stelle des geschlossenen, von einer gegebenen Natur beherrschten und geregelten Lebens tritt hier die offene, schöpferische und ordnende Existenz einer erworbenen Natur. So kann unter dem Einfluß kultureller Umstände eine Vielzahl sozialer Typen und nicht nur ein einziger spezifischer Typus entstehen, so daß sich die Menschheit je nach Zeit und Raum diversifiziert. Und was die Analyse der Ähnlichkeiten als das den Menschen Gemeinsame ermittelt, ist eine Struktur von Möglichkeiten, ja Wahrscheinlichkeiten, die ohne einen wie immer gearteten gesellschaftlichen Kontext nicht existent werden könnte. Bevor der Mensch mit dem Anderen und der Gruppe zusammentrifft, besteht er aus nichts anderem als aus Virtualitäten so flüchtig wie Dunst. Jede Kondensierung setzt eine Umwelt voraus, d. h. die Welt der Anderen. Wir wissen nicht, welche Hypothese sich über den Ursprung der Menschheit aufstellen ließe, allenfalls können wir uns vorstellen, daß sich Mutanten in großem Ausmaß eine protohumane Gesellschaft zunutze gemacht haben, eine Gesellschaft, die dasein muß, bevor es einen einzelnen Menschen geben kann.

Was immer es mit diesen Mutationen auf sich haben mag, die uns die Evolutionstheorien und die Psychosoziologie vermuten lassen -, wir können zumindest feststellen, daß heute ein Wesen auf der Welt lebt, das nicht wie alle anderen Wesen ein »zusammengesetztes System« ist, sondern das alles empfangen und alles erlernen muß und bei dem das Endogene – das, was man seinen natürlichen Fähigkeiten und angeborenen Anlagen zuschreiben kann – so flüchtig wie Nebel ist. Daß die Idee einer menschlichen Natur verschwindet, verweist zweifellos auf sozioökonomische Ursachen, auf politisch-moralische Motive, aber es hat unstreitig auch wissenschaftliche Gründe. Diese wollen wir hier untersuchen.

Das Problem der menschlichen Natur ist im Großen und Ganzen das Problem der psychologischen Vererbung, denn wenngleich die biologische Vererbung ein sonnenklares Faktum ist, so ist doch nichts anfechtbarer als die Auffassung, daß ganz bestimmte, ausmachbare »Eigenschaften« im Bereich der Erkenntnis und der Affektivität – also der Aktion – vom Keim übertragen werden, in einem Bereich also, der für die Menschheit typisch ist. Das Natürliche im Menschen ist das, was auf der Vererbung beruht; das Kulturelle das, was auf dem Erbe beruht (dem kongenitalen Erbe während der Schwangerschaft, dem peri- und postnatalen Erbe bei der Geburt und während der Zeit der Erziehung). Es ist nicht einfach, schon jetzt die Grenzen zwischen Natürlichem und Kulturellem im rein organischen Bereich abzustecken. Die Größe und das Gewicht des Kindes beispielsweise hängen von erblichen Möglichkeiten ab, aber auch von den mehr oder weniger günstigen Lebensbedingungen, die die bestehende Zivilisation bietet. Sobald es an Nahrung, Licht, Wärme, aber auch an Zuneigung fehlt, treten schwere Störungen im idealen Entwicklungsschema auf. Im psychologischen Bereich wird die Schwierigkeit, Natürliches und Kulturelles streng voneinander zu trennen, schlechthin zur Unmöglichkeit. Das biologische Leben hat äußere physische Voraussetzungen, die es ihm ermöglichen, zu sein und sich zu erhalten; das psychologische Leben des Menschen hat soziale Voraussetzungen, die es ihm ermöglichen, hervorzutreten und fortzubestehen. Beim Tier läßt sich beobachten (im übrigen immer weniger deutlich, je weiter man sich den höheren Arten nähert), daß das Verhalten eng mit körperlichen Automatismen verbunden ist: die Vererbung der Instinkte ist im Grunde nur eine andere Bezeichnung für die physiologische Vererbung. Beim Menschen hingegen verliert der Begriff der psychologischen Vererbung jede faßbare Bedeutung, sofern man darunter eine innere Übertragung von Vorstellungen, Gefühlen und Willensäußerungen versteht, wie immer die organischen Prozesse aussehen mögen, die man an ihrem Ursprung vermutet.

Zu dieser Ansicht haben uns die Wissenschaften vom Menschen geführt. Im Bereich der geistigen Existenz hat einerseits der individuelle, andererseits der artspezifische erbliche Determinismus, nach der Prüfung durch objektive Methoden, seinen Charakter einer anerkannten Wahrheit verloren und ist ins Museum der Legenden und Mythen gewandert. Auf den ersten Blick scheint die Diskussion um die individuelle psychologische Vererbung die alten Überzeugungen weit weniger zu verletzen als die um die artspezifische psychologische Vererbung. Zumindest würde, nach Verwerfung des ersten Begriffs, die Auffassung bestehen bleiben, daß im Embryo psychische Anlagen der Art oder, wenn man lieber will, des Menschen im allgemeinen vorhanden sind. Die Infragestellung dieser zweiten Auffassung ist ein weit ernsterer Angriff auf die Vorurteile von einst und eine weit radikalere Weise, die Idee einer menschlichen Natur zu zersetzen. Man begreift, weshalb diese antinaturalistische Denkströmung auch diejenige ist, die auf den heftigsten Widerstand der »öffentlichen Meinung« gestoßen ist. Die Kritik der individuellen psychologischen Vererbung hat sich in zwei verschiedenen, aber miteinander zusammenhängenden Richtungen vollzogen: Familiensoziologie und Zwillingsforschung. Die Kritik der artspezifischen psychologischen Vererbung hat ebenfalls zwei verschiedene Richtungen genommen: Kulturanthropologie und Analyse der Fälle extremer Isolation.

Diesem letzteren, am wenigsten bekannten Bereich, über den es fast nur deutsche und englische Literatur gibt, wollen wir unsere Aufmerksamkeit zuwenden, zuvor jedoch die wesentlichen Erkenntnisse auf den anderen Gebieten in Erinnerung rufen, denn diese erhellen und bestätigen Wahrheiten, die auf unserem Gebiet langsam zutage treten werden. So wird alles, was wir augenblicklich über die geistige Vererbung wissen, als ein zusätzlicher Beweis dafür dienen, daß die menschliche Natur bei den »wilden« Kindern deshalb immer den Blicken entgangen ist, weil diese Natur erst nach der gesellschaftlichen Existenz erscheinen kann.



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