Das Land der armen Leute 4

Der Kartoffelbau hat aber hier nicht bloß seine Poesie, er hat auch seine herbe Prosa. Wo vorwiegend Kartoffelland ist, da ist auch Branntweinland. Dies bestätigen unsre Basaltberge. In einem Städtchen der Rhön von nur zweitausendzweihundert Einwohnern wurden in einem der letzten Jahre nach Ausweis der städtischen Akzistabelle nahe an vierhundert Eimer Branntwein getrunken. Dagegen ist zum Beispiel in Altbayern, wo Kornland vorwiegt und Kartoffeln verhältnismäßig wenig gebaut werden, das Branntweintrinken auch entsprechend selten geblieben. Im bayrischen Hochgebirge gibt es noch alte Leute, die niemals einen Schnaps getrunken haben; vor einem Menschenalter gab es dort aber auch noch Leute, die nicht wußten, wie eine Kartoffel schmeckt.
Kartoffelbau und Güterzerstückelung gehen Hand in Hand; so ist denn auch auf unsern Basaltbergen das Ackerland bis zum äußersten Maße zerteilt. Während das Getreide und das daraus bereitete Brot in der Sitte und Redeweise des Volkes heilig gehalten wird, geht man mit der nicht minder wichtigen Kartoffel weit weniger respektvoll um. Das Volk hat eine Ahnung von dem unheimlichen Wesen, welches in unsrer Kartoffelkultur steckt. Es setzt sogar eine gute Anzahl Schimpfwörter mit der „Kartoffel“ zusammen. Im Meiningischen sind die Schimpfwörter „Kartoffelkröt“ und „Erdäpfelgehäukröt“ gangbar; ein plumpes, dummes Gesicht nennt man überall ein „Kartoffelgesicht“ und eine dicke formlose Nase eine „Kartoffelnase“. Was plump und gemein ist, wird von dem Volke überhaupt gern mit der Kartoffel verglichen.
Allein trotz dieser geringen Artigkeit gegen die Kartoffel hat sich der Bauer der mitteldeutschen Gebirge völlig verrannt in den übermäßigen Kartoffelbau. Die schweren Warnungen der Hungerjahre haben dort den Anbau dieser tückischen Frucht noch keineswegs erheblich vermindert. Selbst als in den schlimmsten Jahren die Not auf der Rhön am höchsten gestiegen war, ließen sich viele Bauern nicht abhalten, mit dem Setzen von halb kranken Kartoffeln wiederholt den  Versuch zu wagen. Es war nicht die bare Not, welche sie hierzu trieb. Denn auch dem Ärmsten war durch die Sammlungen und die Maßregeln der Behörden Gelegenheit gegeben, gesunde Saatkartoffeln zu erhalten. Aber die Leute hatten den Kopf verloren. Die Entsagung schlägt hier in ihrer äußersten Spitze zu unsinniger Vermessenheit um.
Der Kartoffelbau gestattet nicht nur so kleine Kleinbauern, daß zuletzt aus gar manchem ein leibhaftiger Proletarier wird; er lockt auch die großen Bauern in ein Spekulationswesen hinein, welches sonst diesem Stande ganz fern lag. In dem Notjahr 1852 gab es Landwirte am Fuße des Vogelsberges, welche fünfzig bis sechzig Stück Vieh besaßen und mehr als hundert Morgen Ackerland, also gewiß wohlhabende Leute, deren Viehstand aber förmlich ausgehungert war, weil sie, durch den möglichen großen Gewinn verlockt, vielleicht neun Zehntel ihres Gutes mit Kartoffeln bestellt hatten. Diese waren mißraten, und die reichen Leute hungerten nun zusamt ihrem Vieh. Hätten sie nur die Hälfte ihres Kartoffellandes mit Hafer und Runkelrüben bestellt, so würden sie mit mäßigem Verlust davongekommen sein. Man sieht, es sind hier ganz eigentümliche Formen der Armut zu entdecken, die in keine der hergebrachten Gruppen passen. Der mögliche hohe Ertrag der Kartoffel durch die Branntweinbrennerei verlockt die Bauern zu einem wirklichen Glücksspiel, sie setzen das Glück eines ganzen Jahres auf eine einzige Karte. Darin liegt ein ungeheurer moralischer Ruin.
Waren jene großen Bauern zu pfiffig gewesen, dann gibt es anderseits wieder Striche in unsern Gebirgsgegenden, wo die kleinen Bauern förmlich dumm geworden sind in ihrer Armseligkeit. Man sollte landwirtschaftliche innere Missionen hinsenden, um den Leuten die Köpfe aufzuräumen – wenn’s möglich ist. In einem Seitentale der Wisper, wenige Stunden nur seitab von der Weltstraße des Rheins, begehrte ich einmal Eier. Man sagte mir, es gebe keine im ganzen Dorf, weil es keine Hühner gebe und Hühner halte man keine, weil man Gärten habe, denn die Hühner würden die Gärten verwüsten. Es ist nämlich dort Sitte, Garten und Hof ohne Zaun zu lassen, und ist den Bauern wohl seit Jahrhunderten noch niemals in den Sinn gekommen, daß man die Vorteile des Gartenbaues und der Hühnerzucht zugleich genießen könne, wenn man nur Zäune ziehe. Es wird ihnen diese Einsicht vielleicht auch in langen Jahren noch nicht kommen, obgleich ihnen die Steine zu den Mauern vor den Haustüren liegen und die Hecken nutzlos bis ins Dorf hinein wachsen. Das ist die Nachtseite der beharrenden Bauernsitte.



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