Beethoven: Fantasie g-moll/H-dur op. 77

Die Fantasie op. 77 entstand im Jahre 1809, also kurz nach der Fantasie op. 80 für Klavier, Chor und Orchester. Auf der Suche nach einer geeigneten Gestalt machen sich bei raschem tonartlichen Wechsel nacheinander mehrere Gedanken selbständig. Den Eindruck des Suchens verstärken Passagen und Arpeggien, die gefundenes als ungeeignet fort zu wischen scheinen. Vom dritten thematischen Einfall an bildet sich ein Eintonmotiv heraus, mit dem Beethoven schließlich das klar formulierte, liedhaft-schlichte H-dur-Thema als Grundlage eines immer differenzierteren Variationssatzes baut – freie Improvisation strebt zur Form. Das Werk gibt uns einen Begriff davon, wie Beethoven improvisierte, wenn er sich in geselliger Runde ans Instrument setzte. (Quelle: aus dem Covertext der Schallplatte Eterna 8 26 047 „Ludwig van Beethoven Gesamtausgabe: Sätze und Stücke für Klavier“. Interpret: Günter Kootz).

Die Fantasie des folgenden Videos wurde von mir auf einem Yamaha C7 (TVBO) per MIDI auf dem PC eingespielt.

Die folgenden Aufnahmen sollen den Vergleich der Möglichkeiten von MIDI (Musical Instrument Digital Interfaces) und elektronischem Flügel, der den Klang aus Soundpatches synthetisiert, durch direkten Vergleich ermöglichen. Die Lebendigkeit einer Live-Aufnahme ist synthetisch eben doch nicht zu erreichen! Der große Vorteil, den mir MIDI bietet: ich kann in aller Ruhe mit dem Klangbild experimentieren und die endgültige Aufnahme unterliegt für mich keinerlei Beschränkungen durch die GEMA, für den werten Zuhörer aber schon, denn auch die Aufnahme meiner MIDI-Performance darf ohne meine Einwilligung nicht weiter verbreitet werden.

Zunächst die Fantasie, interpretiert von Günter Kootz auf der von mir digitalisierte Schallplatte:

Die Fantasie war übrigens Beethovens einziger kompositorischer Beitrag zur freien Fantasie, wobei er diese Form als Improvisation durchaus gepflegt hat. Pianist der folgenden Aufnahme des Saarländischen Rundfunks vom 18. Juni 1959 ist Heinrich Berg (siehe Anmerkung):

Nun noch eine neuerworbene Aufnahme dieser Fantasie mit Rudolf Buchbinder, der ich allerdings (noch) wenig abgewinnen kann, da sie nach meinem Geschmack einige Tempi viel zu sehr verschleppt – vielleicht mag das ja während einer Live-Improvisation Sinn ergeben, aber diese Fantasie ist keine Improvisation, sondern freie,  wenn auch nicht sinnfreie Form.

A. W. Thayer schreibt in seiner Beethovenbiografie über diese Fantasie:

Die Phantasie Op. 77 wird wohl gelegentlich durchaus mit Unrecht als in G-Moll stehend bezeichnet, weil sie zufällig in G-Moll anfängt, das sie aber bereits nach zwei Takten verläßt, ohne es auch nur wieder zu berühren. Die Skizzen (Nottebohm, Il. Beeth. S. 274) verraten, daß sie eigentlich mit H-Dur beginnen sollte, in welchem sie sich schließlich nach mancherlei Irrfahrten festsetzt, um darin ein wunderschönes einfaches Thema zu variieren. Will man ihr überhaupt eine Tonart zuschreiben, so kann es nur H-Dur sein. Aber es ist zu offenbar Programm des Werkchens, zunächst ganz improvisationsartig allerlei Anfänge zu versuchen und wieder fallen zu lassen und so durch allerlei Tonarten zu gehen (G-Moll, F-Moll, Des-Dur, B-Dur, Es-Dur, D-Moll, As-Dur, B-Dur, H-Moll), die nur ganz lose, geradezu willkürlich verknüpft sind, um schließlich mit H, Dur Ernst zu machen.
Czernys Versuch, die verschiedenen Arten der Improvisation Beethovens zu klassifizieren [Bd. II2, S. 561f.], führt Op. 77 als Beispiel für die »potpourriartige« Improvisation an. Natürlich darf man aus dieser Probe keine weitergehenden Schlüsse ziehen und etwa gar vermuten, daß hier Beethovens Art zu produzieren sich offenbare. Höchstens wird man sagen können, daß, wenn er in Gesellschaft aufgefordert wurde, ohne Stellung eines Themas frei zu phantasieren, ähnliche vage Ergehungen den Anfang gebildet haben mögen, ehe er die nötige Sammlung fand, etwas Kernhaftes hinzustellen und dasselbe festzuhalten.
Keinesfalls ist daran zu denken, daß es solche chaotische oder kaleidoskopische Gebilde waren, die ihn beschäftigten, wenn auf seinen Spaziergängen die Phantasie anfing intensiv zu arbeiten.

Anmerkung:
Inhalt einer E-Mail von Nikola Hirnerova:

Heinrich (Erich genannt) Maria Alphons Berg wurde am 9. Juni 1915 in Mährisch-Neustadt (Uničov, Tschechische Rep.) geboren. Sein Vater war Musiklehrer, die Mutter Therese geb. Klement.
Musikalische Ausbildung 1933–38 an der MAkad. (Klavier und Orgel) sowie an der Univ. in Prag. 1940–45 Lehrer am Konservatorium der Stadt Wien und 1945–52 am Steiermärkischen Landeskonservatorium in Graz. Gleichzeitig auch rege Konzerttätigkeit, Reisen (u. a. mit W. Schneiderhan; LPs) und Rundfunkauftritte. 1952 Übersiedlung nach Hamburg wo er zunächst freiberuflich als Konzertpianist tätig war und ab 1975 als Dozent an der dortigen MHsch. wirkte. 1976 Gastprof. an der MAkad. in Tokio. B. beherrschte ein umfangreiches Repertoire und wurde auch als hervorragender Interpret moderner Werke geschätzt.
Am 14 September 1976 ist er in Hamburg gestorben.
In Uničov war er im Jahre 1968.



 

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