W. A. Mozart: Andante F-Dur KV 616 (für Orgel)

Ich habe dieses Andante mit Samples der Riegerorgel des Großen Saals im Konzerthaus Wien (Vienna Konzerthaus Organ) eingespielt.

Entstehungsgeschichte und musikalische Analyse:
Die letzte der hier zu besprechenden Spätkompositionen Mozarts entstand am 4. 5. 1791. Das Autograph im Mozarteum ist erhalten. Darüber hinaus ist das musikwissenschaftliche Museum der Universität Leipzig so glücklich, die Flötenuhr Nr. 2052 mit der originalen Walze zu besitzen. Sie hat alle Fährnisse des Krieges heil überstanden und gehört zu den Schätzen des neuerstandenen Leipziger Musikinstrumentenmuseums.

flötenuhr
Waren die f-moll-Fantasien als Totenmusiken bestimmt, Trauer auszudrücken, so sollte die Komposition für die Flötenuhr Lebensfreude ausstrahlen. Der Meister legt ein bewährtes Motiv zugrunde. Dasselbe ist offensichtlich abgeleitet aus dem Thema

k616

der Andante-Einleitung des dem Konstanze-Zyklus angehörigen Violin- sonatentorsos K.V. 404 (enthalten in der Gesamtausgabe), welches auch in der zweiten der vierhändigen Variationen K.V. 501 wiederkehrt (vgl. S. 137 u. 225). Diese Lebensfreude ist in dem Motiv der absteigenden Durterz mit dem energiegeladenen Doppelschlag auf knappste Form gebracht.
Das 8 taktige F-dur-Thema, ursprünglich als Larghetto bezeichnet, ein Thema von schönstem 2-Takt-Ebenmaß, wird unter Auszierung der Verbindungsglieder wiederholt. Dann entfaltet sich eine C-dur-Kantilene in allerschönstem Dekor, die im Nachsatz und der Arienkadenz in rechtem Glücksgefühl schwelgt. Fünf köstliche Überleitungstakte führen das F-dur-Thema zurück, dessen Baß nunmehr virtuos aktiviert ist (zweite Strophe). Die Wiederholung vollzieht sich in dreistimmigem, vorübergehend sogar in vierstimmigem Kontrapunkt. Die Oberstimme enthält das mit Argréments verbrämte F-dur-Thema; die Mittelstimme bringt komplimentäre Rhythmen; der Baß sinkt in langen Werten. Eine veritable Kadenz rundet diesen liedförmigen Expositionsteil ab und moduliert zur Durchführung.
Diese bringt das F-dur-Thema (dritte Strophe) in B dur in der Mittelstimme, dann, nach der Modulation, nach c-moll, tritt es in die Oberstimme, während der Baß deren Dekor übernimmt. Passagen, erst komplimentär, dann konsonierend, bringen das Thema in Gipfellage über dem Ostinatobaß c in scharf dissonierender verminderter None. Dann ebben nach abermaliger Kadenz die Dissonanzen in erlösender Arienkadenz aus.
Das F-dur-Thema (vierte Strophe) erscheint in unveränderter Gestalt als Reprise. Das zweite Thema bleibt liedmäßig in C-dur in unversehrter Schönheit. Die bereits bekannte 5-Takt-Überleitung bringt das F-dur-Thema (fünfte Strophe) mit dem rhythmisierten Baß der zweiten Strophe. Die Wiederholung ersetzt jedoch die kontrapunktische Fassung durch eine schlagkräftige akkordliche, die der Baß mit lebhaften Zweiunddreißigsteln untermalt. Es folgen acht bekräftigende Strettatakte mit Lagentausch. Dann klingt noch zweimal zitatweise, erst f, dann pp, das Motiv der Lebensfreude, die Durterz auf: Das Leben, wie ist es so schön!
Es ist kaum ein Zufall, daß den beiden schwermütigen f-moll-Stücken für Spielwerk dieses heiter-unbeschwerte Stück in F-dur folgte. Es ist ein Mozartsches Lebensgesetz, daß er, der des tiefsten Ernstes fähig war, nach durchstandener Depression in lichtere Bereiche flüchtete. Das „durch Nacht zum Licht“ ist kein ausschließlich Beethovensches Thema in der Musik. Diesem Lebensgesetz folgend, rief die a-moll-Sonate jene in A-dur hervor, verlangten d-moll-Konzert wie d-moll-Fantasie nach dem Durausklang, rief die Schwermut der f-moll-Fantasien nach der F-dur-Erleichterung. Aus dieser Notwendigkeit mag das zwei Monate nach der zweiten f-moll-Fantasie niedergeschriebene F-dur-Rondo entstanden sein. Der Durterzkern ist die Antwort auf den Mollterzkern der f-moll-Fuge K.V. 608. Das Flötenuhrrondo kündet trotz des Wissens um den baldigen Tod von Lebensfreude und Maienlust.
Stil der höchsten Reife umkleidet das aus dem 2-Taktthema hervor¬wachsende wunderzarte Gebilde. Spielerisch leicht, wie es sich für ein Spiel¬werk ziemt, und doch verschwenderisch ausgestattet mit Zierat, wird nur höchste pianistische Kunst es bewältigen. Wiederum hat die so kennzeich¬nende wechselseitige Formdurchdringung Platz gegriffen: Strophenbau des Rondos, sonatische Zweithemigkeit und Durchführung im Rahmen der dreiteiligen Liedform ergeben diesen Kosmos:

Sonatenform Rondoform Liedform
Exposition 1. Strophe in F 8/8 a A
Intermedium in C 8/4 b
Überleitung nach F 5  
2. Strophe in F 8 a
  Kadenz 16    
Durchführung 3. Strophe B/c 2/2/2/2 a B
Mollzentrale 6 c
Strophe 3/3 a
Kadenz 6 c
Reprise 4. Strophe in F 8/8 a A
Intermedium in C 8/4 b
Überleitung nach F 5  
5. Strophe in F 8/8 a
  Coda 8    
  Schlußzitat 2/2    

Stil höchster Reife zeigt sich auch im Dekor. Das gesamte Erbe des Rokokozierats wird hier mit erlesenstem Geschmack aufgewendet. Mit klassischer Überlegenheit greift Mozart in den Formenschatz einer zu Ende gehenden, sich erfüllenden Zeit. Dieses Andante wird hierdurch zu einer hohen Schule des auf das Instrument übertragenen Ziergesangs, eine herrliche Erfüllung der „wahren Art“ in Schmuck und Anmut das Klavier zu spielen. Für Klavier bestimmt war denn auch die 1791, noch zu Lebzeiten des Meisters erfolgte Erstveröffentlichung des von Graf Deym in Auftrag gegebenen Stückes. Lachnith reizte die Belcantotechnik zu einer Bearbeitung für Violine und Klavier (Paris, Sieber), während von Busoni eine Übertragung auf 2 Klaviere stammt (Leipzig, Breitkopf & Härtel).
Im Köchel-Supplement setzt Einstein diesem F dur-Andante unter der Nr. 615a den Anfang eines weiteren Andantes (aus den Upsalaer Zauberflöteskizzen) voraus, dessen Notierung in vier Systemen bei drei Violinschlüsseln zeigt, daß es gleichfalls für eine Spieluhr bestimmt war.

Zitiert aus
Hanns Dennerlein
„Der unbekannte Mozart –
Die Welt seiner Klavierwerke“


Eine andere Fassung habe ich mit Samples der historischen Orgue de Concathédrale Notre-Dame-du-Bourguet de Forcalquier interpretiert

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