Urs Widmer † 2. April 2014 in Zürich

Es ist ein uralt Grauen
wie plötz die Mensch in Not.
Juchz morgens durch die Auen
und sind am Abend tot.

Ein Freund lag träum im Bette
sprang taumelnd auf die Füß.
Der Tod schoß um die Wette.
War grün der Tod nicht süß.

Wir werden einst uns fehlen.
Warum nicht fehl uns heut.
Das Mess an unsern Kehlen
merk stets wir wenn zu speut.

aus Neun Lieder für Peter Zwetkoff

Urs Widmer, * 21. Mai 1938 in Basel; † 2. April 2014, in Zürich erklärt seinen Anlass diese, nur scheinbare Verballhorung der Winterreise von Wilhelm Müller/Franz Schubert zu schreiben, mit diesen wenigen Sätzen:

Diese Lieder habe ich für den Komponisten Peter Zwetkoff geschrieben, ich habe vergessen, wann; Jahre sind es auf jeden Fall her. Er mein Schubert, ich sein Müller, das war vermutlich mein Traum. sie erinnern mich, auch ohne Töne, an vergangene Tage. Sind die Winterreise des Müllerburschen, der ich damals war.

Ich will heut dreizehn Lieder
euch sing aus deutschem Land.
Ach Herr. Ach Gott. Schon wieder.
Wir sind doch Kind, gebrannt.

Wir sind auch Abergläubel –
bringt Dreizehn uns ein Glück?
Wen läßt am Schluß der Deubel
im Schwefeldunst zurück?

Es sang uns Harry Heine
vor Jahren schon dies Lied.
Das ist weshalb ich weine,
wir sing es heute wied.

 


Zuweil schrei böse Wörter
halt anders es nicht aus
würd sonst vielleicht ein Mörder
an einem Beutaus.

Sitz oft bei Professoren
red alle klug und gut
hat keiner rote Ohren
und eine Wut.

Nehm Abschied von dem Schönen
es scheint der Welten Lauf
Halt einer denn mit Tönen
den Mord auf.

 


Es gibt ein alte Sage
ich hab mein Wohnland lieb.
Ich schwer mein Schädel trage
seit ich hier wohnen blieb.

Leb hier seit tausend Jahren.
Ein Frau, ein Kind, ein Mann.
Was ist in mich gefahren,
daß ich nicht lieben kann.

Geh schon mit zagen Schritten
hint fremden Stimmen her.
Unt meinen blinden Tritten
wächst keine Blume mehr.

Im Fernseh seh voll Grausen
das Sterben anderswo.
Möcht doch woanders hausen.
Werd hier des Leb nicht froh.

Weißt noch die alten Feste?
Die Tische lachten mit.
Sing heute neue Gäste
von Göbb und Göhr und Hitt?

Möcht in die Lüfte fliegen
mit leichter Flügelhand
würd auf den Wolken liegen
und bei den Negern land.

Weiß nicht was soll bedeuten
sagt niemand mir ein Sinn
daß unter traurig Leuten
ich auch ein traurig bin.

 


Kannten uns so viele Jahr.
Liebten uns so sehr.
Sag mein Herz, was es denn war,
fällts uns heut so schwer.

Bist mein eiseskalt Papier.
Schreib heiße Wörter drauf.
Daß aus Liebe Dichtung wird
ist der Welten Lauf.

Bis mir dann der Stengel bricht
blüh ich noch ein Weil.
Heißt die Blum Vergißmeinnicht
ziehungsweis das Veil.

 


Mein Zicklein auf der Heide
erweist sich als ein Kuh.
Ich dachte einst, wir beide
wir würden Mann und Fru.

Nun tun wir wieder scheiden.
Es tut uns beiden weh.
Tun einsam weiter weiden.
Hätt ich dich nie geseh.

 


Weißt du noch unsre Ficke
die kalten Morgen dann?
Was wars, daß dir im Glücke
das Herz zu Eis gerann?

Wir küßten uns voll Hitze
in wilder Raserei.
Wir machten viele Witze.
Dann war die Nacht vorbei.

Ich stürzte in die Sonnen
doch niemand folgte mir.
Mein Blut war mir geronnen.
Mein Schatten bleib bei dir.

Wie kann ich zu dir eilen,
wenn du, mein Eis, nicht willst?
Laß irre Hunde heulen
bis ihre Herrin schmilzt.

Die Liebe schien zu wandern.
Ich wußt nicht wie und wann.
Von dem zu mir zum andern
Von Mann zu Mann zu Mann

Wollt deinen Rausch nicht stören.
Ließ deinen Wahn in Ruh.
Du solltest nichts mehr hören.
Ich schloß die Türe zu.

Doch wie dir widerstehen?
Ich hielt es nicht mehr aus.
Ich habe dich gesehen.
Ich schlich zu deinem Haus.

Ich schrieb dir blind beim Gehen
ans Fenster: Gute Nacht.
Am Morgen wirst du sehen:
er hat an mich gedacht.
(Nach Wilhelm Müller)

 


Gest war ich so frisch
heut bin ich entsetzt
was hat mir inzwisch
dies Schlag versetzt?

Spring ich vom Turm
üb mir schwebt mein Hut
od trotz ich dem Sturm
mit Valium im Blut?

Verzichte auf Pill
werd nie mehr lach
ich weiß im Still
warum ich mach.

 


Es ist ein uralt Grauen
wie plötz die Mensch in Not.
Juchz morgens durch die Auen
und sind am Abend tot.

Ein Freund lag träum im Bette
sprang taumelnd auf die Füß.
Der Tod schoß um die Wette.
War grün der Tod nicht süß.

Wir werden einst uns fehlen.
Warum nicht fehl uns heut.
Das Mess an unsern Kehlen
merk stets wir wenn zu speut.

Man sagt, sie sah Gespenster.
Sie war verwund und wüt.
Sie hing an einem Fenster.
hat niemand sie behüt.

Wir komm uns nie besuchen
wenn wir am Ende sind.
Woll stets nur Glück und Kuchen
und sing in Lüften lind.

Möcht höf den Tod empfangen
wie jeder Sänger tut.
Goeth warf ihm ohne Bangen
Schills Schädel an den Hut.

Der Scheich geht durch ein Wüste
allein auf weiter Flur.
Am Bod, des Sand er küßte,
blieb seiner Füße Spur.

Der Alb auf seine Weise
belästigt mich im Traum.
Hintläßt ein tiefe Schneise
in meiner Seele Schaum.

Der Mann mit mein alt Liebe,
sie sind sich heiß und lind.
Es wird der Zeug ihr Triebe
ein fremdvertrautes Kind.

Ich tret hinaus ins Freie.
Ich trample mit Gewalt.
Ich wünschte daß es schneie
weiß über den Asphalt.

 


Ich sitz in meinem Sitz
und starre in das All
wart auf den grellen Blitz
und, blind geword, den Knall.

Ich knote meinen Schlips
zu einem langen Strick
nach der Apokalyps
bleib ich im Schrank zurück.

Die Stille vor dem Sturm
erfüllt mein ganzes Leb
in meinem Elfenturm
spür ich die Erde beb.

zitiert aus:

Ad libitum, Sammlung Zerstreuung Nr. 14, Verlag Volk und Welt, 1989, Seite 272 ff..


 


 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

fünf × 3 =