Camille Saint-Saëns: Drei Rhapsodien über bretonische Gesänge, op. 7

Trois Rhapsodies sur des cantiques bretons, op. 7

Im August 1866 begleitete Saint-Saëns vier Maler, zu denen auch sein Freund Henri Regnault gehörte, auf einem Ausflug in die Bretagne. Hinzu kam später Gabriel Fauré, der seit Januar Organist von Saint-Sauveur in Rennes. Zusammen machten sie eine Pilgerfahrt zum Schrein von Sainte-Anne-la-Palud. Während dieser Reise komponierte Saint-Saëns drei „Rhapsodies sur des cantiques bretons“, op. 7 (Nr. 1: E-Dur; Nr. 2: D-Dur; Nr. 3: a-moll), lose gebildete Fantasien auf bretonischen Hymnen und widmete sie seinem ehemaligen Klavierstudenten Fauré.

Die drei Rhapsodien klingen bunt, naiv, volkstümlich, verführen durch schlichte Melodien und Glitzersternchen-Himmel. Nr. 1 in E-Dur (siehe weiter unten) und Nr. 3 in a-moll klingen wie Hirtenmusik in prägnanten Zungenregistern, das Allegro moderato e pomposo“ der Nr. 2 in D-Dur (siehe auch den Blog-Beitrag über Camille Saint-Saëns: Rhapsodie auf bretonische Melodien op. 7 Nr. 2) in der Mitte als martialische Trompeten-Fanfare mit knackigem Sound und buntem Farb-Feuerwerk, bei der – als Lichtblick dazwischen – die Engelsstimmen der Voix céleste nicht fehlen durften.

Die eingebetteten Videos und ausführlichere Besprechungen der drei Stücke folgen am Ende des Beitrages.Die Registrierung der Orgel für dieser drei romantischen Kompositionen wurde von Saint-Saëns in der Orgelpartitur, anders als einst von Bach bei seinen barocken Orgelwerken, vorgegeben. Die mögliche Realisierung des von Saint-Saëns gewünschten Klangbildes hängt aber ganz wesentlich von der Disposition der jeweiligen Orgel ab, denn die an den Konzert- bzw. Kirchenraum und den Geldbeutel des Auftragsgebers angepasste Disposition macht jede Orgel zu einem unverwechselbaren Unikat.

Die fantasievolle und farbenreiche Musik ist von folkloristischen Elementen bretonischer Melodien inspiriert. Wenngleich die Stücke in ihrer Anlage in der Tradition der altfranzösischen Noëls konzipiert sind, weisen sie in Schreibart und Registrierung auch symphonische Stilmerkmale auf. Das Werk erschien häufig auf den Konzertprogrammen Saint-Saëns‘ und er veröffentlichte es ebenfalls in Bearbeitungen für Klavier 4-händig und für Harmonium. Im Jahre 1891 orchestrierte er Motive aus der ersten und dritten Rhapsodie unter dem Titel Rapsodie bretonne, op. 7 bis.

Rhapsodie I
Das schlichte Thema (Andantino con moto, E-Dur, 6/8-Takt) basiert auf einem Kirchenlied der Missionare und wird in verschiedenen Stimmen auf der Voix humaine behandelt. Eine homophone Übergangspassage im Zungenklang führt zu einer Variation des Themas, das in der linken Hand erklingt und von zierlichen Arabesken auf dem Récit (Flûtes 8′-4′-2′) begleitet wird. In der letzten Phrase des Themas wird die Stimmung des Anfangs wieder aufgenommen (resp. Hautbois und Voix humaine), womit das Stück zu einem friedlichen Schluss geführt wird.

Rhapsodie II

Das heitere Thema dieser Fanfare (Allegro moderato e pomposo, D-Dur, 3/4-Takt) wird in einem klassischen Fugato weitergeführt. Eine mitreißende Steigerung mündet in ein neues Thema, das bretonische Weihnachtslied »Paraissez, Monarque aimable« (Andante, H-Dur, 2/4-Takt), das durch verschiedene Stimmen und Farben geführt wird, wonach die Reprise der Fanfare das Stück im Tuttiklang der Orgel beschließt.

Rhapsodie III

Im letzten Stück werden die Themen von drei altfranzösischen Weihnachtsliedern behandelt. Die erste, volkstümliche Melodie (Andantino, a-Moll, 2/4-Takt) wird in der zarten Registrierung von Jeux de flûtes et gambe vorgestellt. Es folgt eine pastorale Musette (Allegretto, F-Dur, 6/8-Takt) im farbenreichen Klang verschiedener Solozungenstimmen. Das tänzerische dritte Thema (Allegro quasi presto, F-Dur, 2/4-Takt), von energischen Triolen angetrieben, wird darauf in einer ständigen dynamischen Steigerung zu einer mächtigen Klimax mit effektvollen Imitationen des bretonischen Dudelsacks in A-Dur geführt. Dann kehrt plötzlich die wehmütige Atmosphäre des Anfangs zurück und werden die drei Themen im letzten Abschnitt noch einmal nacheinander zitiert.

 

Ich habe diese Orgelwerke mit Samples der Rieger-Orgel im Konzerthaus Wiens eingespielt.

Literatur (Links zu PDF’s) über das Werk und den Charakter von Camille Saint-Saëns:

 

 

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