Warum und wozu brauchen wir Philosophie, Wissenschaft und Ethik?

Wir haben von Dietrich Dörner auf 831 eng bedruckten Seiten erläutert bekommen, wie es möglich ist, einen „Bauplan für eine Seele“ zu erfinden, also modellhaft zu konstruieren, der unser Handeln und auch die menschliche Fähigkeit abstrakt denken zu können, plausibel und ausschließlich auf der Grundlage geltender Naturgesetze erklären könnte.
Mit Hilfe unseres Bedürfnisses zur Affiliation, zur Gesellung also, und unserer Fähigkeit zur Abstraktion, die uns im eigentlichen Sinne erst zu menschlichen Wesen, zum Homo sapiens sapiens, macht, schaffen wir uns eine gesellschaftliche und institutionelle Wirklichkeit, die aus abstrakten Dingen, wie kollektiver Intentionalität, Funktionszuweisungen und konstitutiven Regeln objektive Tatsachen erschafft, die nicht wesentlich durch die Naturgesetze determiniert werden müssen, um existieren zu können (John R. Searle „Die Struktur des gesellschaftlichen Universums. Wie der Geist eine objektive Wirklichkeit erschafft“ in „Geist, Sprache und Gesellschaft“). Wir schaffen uns auf diese Weise eine transzendente Kultur die rückkoppelnd auch wieder unser individuelles Weltbild, unser personales Bewusstsein und unsere individuellen Intentionen, prägt:
„Diese Kultur steht aber nicht im Gegensatz zur Biologie. Kultur ist viel­mehr die Form, die die Biologie in verschiedenen Gemeinschaften annimmt. Eine Kultur unterscheidet sich vielleicht von einer ande­ren, aber diese Unterschiede haben Grenzen. Jede Kultur muß Ausdruck der zugrundeliegenden biologischen Gemeinsamkeit der menschlichen Spezies sein. Es kann keinen langfristigen Kon­flikt zwischen Natur und Kultur geben, denn gäbe es ihn, würde stets die Natur gewinnen und die Kultur verlieren.
[…]
Manchmal reden die Leute vom »wissenschaftlichen Weltbild«, als handele es sich dabei um eine Sichtweise unter anderen, als gebe es alle möglichen Weltbilder und die »Wissenschaft« liefere uns ei­nes von ihnen. Einerseits stimmt das, andererseits ist das aber irre­führend und suggeriert sogar etwas Falsches. Man kann dieselbe Wirklichkeit mit unterschiedlichen Interessen im Kopf betrach­ten. Es gibt eine ökonomische Sicht der Dinge, eine ästhetische, eine politische etc. In diesem Sinne ist die Sichtweise der wissen­schaftlichen Forschung eine Sichtweise unter anderen.
[…]
Wir leben nicht in vielen und auch nicht in zwei verschiedenen Welten, einer mentalen Welt und einer physischen Welt, einer wis­senschaftlichen Welt und einer Alltagswelt. Es gibt nur eine Welt, die Welt, in der wir alle leben, und wir müssen erklären, wie wir als Teil von ihr existieren.“ (John R. Searle Epilog über „Philosophie und das wissenschaftliche Weltbild“ in „Geist – Eine Einführung“).
Im Beitrag „Vom ‚Sinn des Lebens“ war unter anderen auch das Buch von Michael Schmidt-Salomon & Lea Salomon „Leibniz war kein Butterkeks“ und dessen Deutung der Sinnfrage erwähnt worden. Dieses Buch wurde mit dem Anspruch verfasst, dass es auch Kinder lesen können sollten und dass es von „all den Dummies da draußen“ […] „der Masse der philosophisch Zurückgebliebenen, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben und die kein Philosophiebuch je freiwillig anfassen würden aus Angst, sich dabei zu Tode zu langweilen“ verstanden werden kann.
 
Was mich einzig veranlasste, in diesem Beitrag noch einmal aus diesem Buch zu zitieren, war die klar und leicht verständliche Erläuterung dessen, warum es neben der Wissenschaft auch noch der Philosophie bedarf, um die Welt zu erklären. Auf den Seiten 94 bis 96 findet man diesen Passus:
 
Ich denke, wir sollten unser Leben nicht auf Wahnideen aufbauen, sondern stattdessen kritisch überprüfen, ob die Zusammenhänge, die wir unterstellen, auch tatsächlich vorhanden sind. Das ist einer der Gründe, warum ich mich so intensiv mit der wissenschaftlichen Forschung auseinandersetze. Denn die Wissenschaft ist das erfolgreichste Instrument, das wir entwickelt haben, um den Wahrheitsgehalt von Behauptungen zu testen! Allerdings stößt die Wissenschaft schnell an ihre Grenzen, wenn es um die Frage nach dem Sinn des Lebens geht.
Warum?
Weil der Sinn des Lebens nichts ist, was man irgendwie messen, testen, berechnen könnte! Die Wissenschaft hilft uns zwar, zu verstehen, wie die Welt ist, aber sie kann uns nicht sagen, wie die Welt sein sollte.
Kannst du das an einem Beispiel erklären?
Nehmen wir die Ergebnisse der Evolutionsbiologie: Wir können heute gut nachvollziehen, warum Kindstötung in der Natur so häufig vorkommt. Wir wissen beispielsweise, dass ein Löwe, der ein Rudel übernimmt, die Jungen seines Vorgängers deshalb tötet, weil er auf diese Weise seine eigenen Gene besser verbreiten kann. Auch bei unseren nahen Verwandten, den Berggorillas, fällt aus diesem Grund ein Drittel des Nachwuchses der Kindstötung zum Opfer. Den evolutionären Mechanismus, der hier im Spiel ist, haben Wissenschaftler entschlüsselt.
Aber was bedeutet diese Erkenntnis für uns? Sollte Kindstötung auch beim Menschen legitim sein, nur weil ein solches Verhalten offensichtlich »natürlich« ist? Ganz bestimmt nicht! Doch das ist kein wissenschaftliches Urteil, sondern ein ethisches.
Dass man Kinder nicht töten sollte, ist kein wissenschaftliches Urteil?
Nein, auf wissenschaftlicher Basis lassen sich solche Urteile nicht treffen, denn wissenschaftliche Methoden sind auf die Beantwortung solcher Fragen nicht ausgerichtet. Mit Beobachtungen, Berechnungen, Experimenten kann man herausfinden, warum Vögel fliegen können, welche chemischen Substanzen miteinander wie reagieren und weshalb immer wieder Erdbeben ausbrechen. Aber man kann mit ihrer Hilfe nicht herausfinden, ob die Menschenrechte gelten sollten oder nicht. Ebenso wenig gibt es eine wissenschaftliche Formel, nach der sich der Sinn des Lebens berechnen ließe. Man kann es vielleicht so formulieren: Wissenschaft vermittelt Wissen, aber keine Weisheit!
Und was genau verstehst du dann unter Weisheit?
Unter »Weisheit« verstehe ich das Vermögen, das Wissen über die Welt sinnvoll zu nutzen, also: es so einzusetzen, dass es zum größtmöglichen Wohle aller beiträgt.
Demnach wäre Weisheit eine wichtige Voraussetzung dafür, dass man seinem Leben einen guten Sinn geben kann, oder?
Ja, dieser Aussage sollte jeder Philosoph zustimmen! Schließlich heißt »philosophia« in der wörtlichen Übersetzung »Liebe zur Weisheit «. Und warum sollte man die Weisheit lieben, wenn sie uns nicht helfen würde, unser Leben so zu leben, dass es sich zu leben lohnt?
Dann besteht der Unterschied zwischen Wissenschaft und Philosophie darin, dass Wissenschaft Wissen und Philosophie Weisheit vermittelt?
Im Idealfall sollte es so sein. Die Philosophie ist jedenfalls keine Wissenschaft, bei der es um bloße Fakten geht, sie ist vielmehr eine Kunst, die diese Fakten so arrangiert, dass sie ein stimmiges und sinnlich ansprechendes Gesamtbild ergeben.
Ein Philosoph ist also weniger ein Wissenschaftler als ein Künstler?
Ja – und zwar aus gutem Grund: Denn ein sinnvolles Leben auf diesem Staubkorn im Weltall zu führen, ist ja ebenfalls eine Kunst! Für diese »Kunst des Lebens« ist es zwar hilfreich, wenn man einiges über die Zusammenhänge im Kosmos weiß. Aber man muss ganz bestimmt nicht die letzte Antwort »auf das Leben, das Universum und den ganzen Rest« kennen, um als »Lebenskünstler« bestehen zu können. Wir wissen nichts über die »allerletzten Dinge«, über die »Welt an sich«, aber mit unserem vorläufigen Halb-, Viertel-, Achtel- oder 0,01-Promille-Wissen über die »Welt für uns« können wir eigentlich ganz gut leben. Zumindest, wenn wir es verstehen, dieses Wissen in vernünftiger Weise zu nutzen! Auf jeden Fall reicht das, was wir über die Welt in Erfahrung gebracht haben, aus, um die paar Jahrzehnte, die wir auf diesem Erdball verbringen, in einer beglückenden, fairen und würdevollen Weise über die Runden zu bringen. Und das ist es doch, worum es bei der Frage nach dem »Sinn des Lebens« letztlich geht.
Okay! Dann sollten wir uns nun – nach all den Gesprächen über »das Leben, das Universum und den ganzen Rest« – wohl der Frage nach der »Kunst des Lebens« zuwenden, was meinst du?
Ja, das scheint mir ein sinnvoller nächster Schritt zu sein …
 
Was mir als Extrakt aus diesem Zitat besonders relevant erscheint ist die Erkenntnis, dass irgendetwas, was die Evolution hervorgebracht hat, nicht unbedingt ethisch wertvoll bzw. nach menschlichen Wertemaßstäben richtig oder wünschenswert sein muss.
Die Wissenschaft stellt nur fest, was ist, ergründet, warum es so ist und versucht herauszufinden, wie es sich in der Zukunft unter bestimmten Anfangs-, Rand- und Nebenbedingungen verhalten wird, um diese Erkenntnisse für unser Verhalten in Wechselwirkung mit der Natur und der Planung unserer Zukunft in ebendieser Natur nutzen zu können. Das also ist Metier der Wissenschaft (und nicht in erster Linie die externe Welt der Physik ontologisch zu deuten), ob wir das auch so richtig für uns halten sollten, was und wie es die Evolution des Menschen durch natürliche Selektion geschaffen hat, das zu klären ist das Metier der Philosophie. Denn wir haben einen freien Willen, der nicht Knecht der Evolution oder „Naturgesetze“ sein muss.

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