Anthoni van Noordt: 3 Variationen über Psalm 24

Anthoni van Noordt ist heute nur deshalb noch bekannt, weil glücklicherweise eine Kopie seines gravierten Tabulaturbuches auf wundersame Weise die Zeiten überdauerte. Aber genau deshalb, also wegen seiner meisterhaften Orgelkomposionen ist es bedauerlich, dass wir fast nichts über sein gefeiertes persönliches und kreatives Leben wissen. Über Anthoni van Noordts Kindheit sind uns  keine Dokumenten überliefert.  Sein Vater hieß Sybrandus van Noordt und seine Mutter Jannitgen Jacobs. In den Dokumenten wurde Vater Sybrandus als Lehrer, der Musik lehrte,  erwähnt und der als Carillonneur in der Hauptstadt für einen Glockenturm in Amsterdam gedungen wurde. Wahrscheinlich war er auch der erste Lehrer seiner beiden Musiker-Söhne Jacobus und Anthoni. Der Mangel an dokumentarischen Beweisen über das Leben von Sybrandus van Noordt und seiner Familie deuten darauf hin, dass sie vielleicht aus anderen Ländern nach Amsterdam gezogen sind.
Bekannt ist, dass es aufgrund des wirtschaftlichen Wohlstands im sechzehnten Jahrhundert und den ersten Jahrzehnten des siebzehnten Jahrhunderts eine Bevölkerungsexplosion gab. Zwischen 1514 und 1622 stieg die Bevölkerung in den Provinzen Hollands um 145 Prozent – von circa 275.000 bis circa 672.000 – die Stadtbevölkerung wuchs noch viel schneller als die der Landgebiete. Die Familie van Noordt kam vielleicht mit der Welle der Einwanderer, die in der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts in Amsterdam eintraf.  Anthoni war das zweite Kind in der Familie und hatte drei Brüder: Jacobus, der älteste; Jan der Mittlere; und der Jüngste war Lucas. Jacobus wurde nach dem Tod von Dirck Sweelinck, dem Sohn von Jan Sweelinck, Organist an der Oude Kerk. Dokumentarisch belegt ist,  dass Anthoni ein Zeuge bei der Taufe von Jacobus‘ Kindern, Sybrandus und Cornelia, war. Jan, der dritte Sohn der Familie war, war ein in den Niederlanden bekannter Maler, der auch in  exzellente Gravuren und Radierungen schuf. Wahrscheinlich war er an den Gravuren des „Tabulatuurboeck“ wesentlich beteiligt. Lucas schließlich studierte  Theologie und erhielt eine Einstufung als Minister.

Während seines schöperischen musikalischen Lebens übernahm Anthoni drei der wichtigsten Organistenpositionen Amsterdams. Zwischen 1652 und 1664 war er Organist an der kleinen Kapelle, Nieuwezijds Kapel, auch bekannt als Heilige Stede. Anthoni komponierte und veröffentlichte sein Tabulatuurboeck während seiner Jahre dort. Die Orgel an dieser Kirche wurde von Jan van Covelens erbaut und 1635 von Levinus Eekman erneuert. Nach dem Tod des Organisten Nicolaas Lossy gelang es Anthoni, den Posten bei der berühmten Nieuwe Kerk von Amsterdam zu erhalten und blieb dort bis 1673. Trotz des Mangels an Archivdokumenten kann man davon ausgehen, dass van Noordt während seiner Jahre als Organist der Nieuwe Kerk für einen Vorschlag zur Erweiterung und Erneuerung des Hauptorgans der Nieuwe Kerk verantwortlich war. Im Laufe der folgenden Jahre verschlechterte sich sein Gesundheitszustand so sehr, dass er sich vor dem vollen Abschluss der Renovierung der Orgel aus dem Amt zurückzog. Van Noordt wurde zum Organist Emeritus der Nieuwe Kerk, mit Beibehaltung seines Gehalts für den Rest seines Lebens, erklärt. Er starb am 23. Februar 1675 und wurde in der Zuider Kerk von Amsterdam begraben.

Die Psalm-Variationen im Tabulatuurboeck von Anthoni van Noordt basieren hauptsächlich auf niederländischen metrischen Psalmen CalvinsLes psaumes mis en rime françoise“ in der Übersetzung von  Petrus Datheen. Veröffentlicht unter dem Titel „De Psalmen Davids, ende ander Lofsanghen, uut den Francoyschen Dichte“ ins Nederlandsche übersetzt in Heidelberg im Jahre 1566.
Die Psalmmelodien in den Tabulatuurboeck-Variationen werden ohne Unterbrechungen und vollständig einer einzigen Stimme zugrordnet. Van Noordt behandelt die Melodie des Psalms auf drei Arten: als Cantus-Planus (Cantus planus bedeutet: einfacher Gesang bzw. monotone Psalmrezitation im Gegensatz zum Cantus mensuratus; aufgeschrieben in Neumen oder Choralnoten ohne Bezeichnung des Zeitwerts; in sog. Akzenten gesetzt, die etwa die Betonung beim gewöhnlichen Vorlesen wiedergeben…..), Cantus Coloratus (farbige oder verzierte Melodie) und in deren Kombination.

Die  Variation in der Art des Cantus-Planus  ist einfach, die Melodie leicht erkennbar und basiert auf der reinen, ungefüllten Melodie des Psalms.
Den zweiten Typ, Cantus coloratus, verwendet Noordt seltener, aber gerade eine seiner schönsten Variationen dieses Typs findet man in Vers zwei von Psalm 24.
Dreizehn Variationen beginnen mit einer kurzen Einführung. Die Länge dieser Einführungen variiert von einem Takt bis zu sechs Takten. Diese einleitenden Präludien sind nachahmenden Charakters und auf sie folgt die ersten Phrase der Psalmmelodie wie in Vers drei von Psalm 24 zu hören.

Ich habe diese drei Verse von Psalm 24 mit Samples der Rieger-Orgel im Konzerthaus Wien eingespielt.

Der Text von Psalm 24 in der deutschen Einheitsübersetzung:

Der Einzug des Herrn in sein Heiligtum

  • Vers 1
    1 [Ein Psalm Davids.] Dem Herrn gehört die Erde und was sie erfüllt, der Erdkreis und seine Bewohner.
    2 Denn er hat ihn auf Meere gegründet, ihn über Strömen befestigt.
  • Vers 2
    3 Wer darf hinaufziehn zum Berg des Herrn, wer darf stehn an seiner heiligen Stätte?
    4 Der reine Hände hat und ein lauteres Herz, der nicht betrügt und keinen Meineid schwört.
    5 Er wird Segen empfangen vom Herrn und Heil von Gott, seinem Helfer.
    6 Das sind die Menschen, die nach ihm fragen, die dein Antlitz suchen, Gott Jakobs.
  • Vers 3
    7 Ihr Tore, hebt euch nach oben, hebt euch, ihr uralten Pforten; denn es kommt der König der Herrlichkeit.
    8 Wer ist der König der Herrlichkeit? Der Herr, stark und gewaltig, der Herr, mächtig im Kampf.
    9 Ihr Tore, hebt euch nach oben, hebt euch, ihr uralten Pforten; denn es kommt der König der Herrlichkeit.
    10 Wer ist der König der Herrlichkeit? Der Herr der Heerscharen, er ist der König der Herrlichkeit.

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