Johann Christoph Friedrich Bach: Variationen F-Dur über „Ah, vous dirai-je, Maman“

Ich habe dieses Orgelwerk mit Samples der Riegerorgel des Konzerthauses Wien (Vienna Konzerthaus Organ) eingespielt.

Johann Christoph Friedrich Bach, der sogenannte „Bückeburger Bach”, wird in der Musikgeschichte den klassischen Bachs zugerechnet. Percy M. Young schreibt dazu in seinem Buch „Die Bachs”:

Ein Disput über terminologische Fragen ist oftmals ein steriles Geschäft, insbesondere, wenn es um das Wort ›klassisch‹ geht. Nichtsdestoweniger bieten, wie wir gesehen haben, die Bachs einen nützlichen Nachweis über Veränderungen im Weltbild nicht nur im Hinblick auf die Musik, sondern auch auf künstlerische und soziale Entwicklungen im allgemeinen, und in Bezug auf einige von ihnen hat ›klassisch< eine besondere Bedeutung. Im großen und ganzen — dies entsprang ihrer angeborenen Hartnäckigkeit, und diese wiederum den thüringischen Vorfahren — wandelten sie sich nur langsam. Obwohl Carl Philipp Emanuel und Wilhelm Friedemann Bach rückblickend als Pioniere eines neuen Zeitalters angesehen werden müssen, trugen sie doch wesentliche Merkmale eines Zeitalters an sich, das mit ihrer Ausbildung beendet war. Hierin liegt die eigentliche Ursache dafür, daß sie in mancher Hinsicht ihren damals offensichtlich moderneren Zeitgenossen voraus waren.

 

Carl Philipp Emanuel und Wilhelm Friedemann gehörten zu einer Größenordnung, ihre Halbbrüder Johann Christoph Friedrich (1732—1795) und Johann Christian (1735—1782) zu einer anderen. Im Fall von Christian wird die für ihn charakteristische Eigenart sichtbar durch seine enge Verbindung mit Mozart, durch Mozarts große Achtung für ihn und durch deutliche Analogien in Stil und Ausdruck ihrer Werke. Christian war außerdem durch seine Auswanderung und schließlich auch durch Konzessionen an Werte der englischen Musik der Familientradition entfremdet. Er war gewiß verhältnismäßig berühmt. Johann Christoph Friedrich ist der vergessene Sohn Sebastian Bachs, von dessen Werken selbst der allgemein gutunterrichtete Musiker kaum eines nennen könnte. Ohne übertriebene Forderungen stellen zu wollen, sollte bemerkt werden, daß Johann Christoph Friedrich — der ›Bückeburger Bach‹ — besseres verdient hätte, als in Vergessenheit gestoßen zu werden, schon weil ihm in hervorragendem Maße jener Charme eigen war, der von vielen Menschen gegen Ende des 18. Jahrhunderts als ein unentbehrlicher Bestandteil der Künste angesehen wurde.

Das klassische Ethos — das Endergebnis eines langen Prozesses der Verfeinerung von Gedanken und Ideen — entwickelten Philosophen, Künstler und Musiker, die nicht selten von Privatpersonen protegiert wurden. Eine gewisse Eigenheit der klassischen Musik könnte man vielleicht als ›aristokratisch‹ bezeichnen, sie wohnte jedoch der Musik inne und war ihr nicht von denjenigen, die sich selbst als Aristokraten ansahen, verliehen worden. Gleichzeitig erfüllten einige Mitglieder der Aristokratie eine Aufgabe, in­dem sie Männer von Genie in ihrem Hause aufnahmen. Lessing fand seine geistige Heimat am Hof von Wolfenbüttel, Goethe die seine am Weimarer Hof; Johann Christoph Friedrich Bach verlebte, bereits erwachsen, sein ganzes Leben in dem kleinen Parnassus, das Bückeburg unter der Herrschaft von Wilhelm Graf von Schaumburg-Lippe darstellte. Die Meininger Bachs, die Maler waren, lebten im Schutz der Thüringer Berge und des wohlgesinnten Hauses von Sachsen-Meiningen. Die deutschen Kleinstaaten — ein Anachronismus, soweit nicht diejenigen gemeint sind, die von den großen Herrscherhäusern regiert wurden — rechtfertigten sich selbst in ihrer Rückständigkeit dadurch, daß sie häufig Werte pflegten, die bald dahinschwinden sollten.

Zwischen Hannover und Minden liegt Bückeburg, eine jener Kleinstädte von unendlichem Reiz, in denen die Zeit stillzustehen scheint. Noch heute trägt es mittelalterliche und barocke Züge und ist von einem zauberhaften Lebensstil durchdrungen, der noch immer in der ruhigen Parklandschaft und dem maßvollen Rhythmus der Bauten und Ornamente des Schlosses weiterlebt. Die Stadt selbst wird gekrönt von der glanzvollen Stadtkirche, errichtet unter dem Grafen Ernst von Holstein, Schaumburg und Sternberg im frühen 17. Jahrhundert. Ernst, der das Schloß umbauen und den ›goldenen Saal‹ anlegen ließ, war der geistige Vater der Musiktradition Bückeburgs. Heinrich Schütz war Kapellmeister des Grafen von 1615 bis 1617; unter den Werken, die Schütz unmittelbar für diese Kapelle schrieb, befanden sich die Psalmen Davids von 1619. Sein Nachfolger als Kapellmeister war Johann Grabbe (1585—1655), wie Schütz ebenfalls ein Eleve der venezianischen Schule, Madrigalist und Komponist von Instrumentalwerken. Ein Urenkel Grabbes namens Münchhausen war gleichfalls Hof- und Stadtmusiker in Bückeburg. Seine Tochter Lucia Elisabeth, Sängerin am Bückeburger Hof, wurde die Gattin von Johann Christoph Friedrich Bach.

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