Über Hesse, Dörner und die Aufklärung

In „Siddhartha“ von Hermann Hesses sagt Siddhartha zu Gotama Buddha über dessen Weisheitslehren:

Sprach Siddhartha:
»Eines, o Ehrwürdigster, habe ich an deiner Lehre vor allem bewundert. Alles in deiner Lehre ist vollkommen klar, ist bewiesen; als eine vollkommene, als eine nie und nirgends unterbrochene Kette zeigst du die Welt, als eine ewige Kette, gefügt aus Ursachen und Wirkungen. Niemals ist dies so klar gesehen, nie so unwiderleglich dargestellt worden; höher wahrlich muss jedem Brahmanen das Herz im Leibe schlagen, wenn er, durch deine Lehre hindurch, die Welt erblickt als vollkommenen Zusammenhang, lückenlos, klar wie ein Kristall, nicht vom Zufall abhängig, nicht von Göttern abhängig. Ob sie gut oder böse, ob das Leben in ihr Leid oder Freude sei, möge dahingestellt bleiben, es mag vielleicht sein, dass dies nicht wesentlich ist – aber die Einheit der Welt, der Zusammenhang alles Geschehens, das Umschlossensein alles Großen und Kleinen vom selben Strome, vom selben Gesetz der Ursachen, des Werdens und des Sterbens, dies leuchtet hell aus deiner erhabenen Lehre, o Vollendeter. Nun aber ist, deiner selben Lehre nach, diese Einheit und Folgerichtigkeit aller Dinge dennoch an einer Stelle unterbrochen, durch eine kleine Lücke strömt in diese Welt der Einheit etwas Fremdes, etwas Neues, etwas, das vorher nicht war, und das nicht gezeigt und nicht bewiesen werden kann: das ist deine Lehre von der Überwindung der Welt, von der Erlösung. Mit dieser kleinen Lücke, mit dieser kleinen Durchbrechung aber ist das ganze ewige und einheitliche Weltgesetz wieder zerbrochen und aufgehoben. Mögest du mir verzeihen, wenn ich diesen Einwand ausspreche.«
Still hatte Gotama ihm zugehört, unbewegt. Mit seiner gütigen, mit seiner höflichen und klaren Stimme sprach er nun, der Vollendete:
»Du hast die Lehre gehört, o Brahmanensohn, und wohl dir, dass du über sie so tief nachgedacht hast. Du hast eine Lücke in ihr gefunden, einen Fehler. Mögest du weiter darüber nachdenken. Lass dich aber warnen, du Wißbegieriger, vor dem Dickicht der Meinungen und vor dem Streit um Worte. Es ist an Meinungen nichts gelegen, sie mögen schön oder hässlich, klug oder töricht sein, jeder kann ihnen anhängen oder sie verwerfen. Die Lehre aber, die du von mir gehört hast, ist nicht meine Meinung, und ihr Ziel ist nicht, die Welt für Wißbegierige zu erklären. Ihr Ziel ist ein anderes; ihr Ziel ist Erlösung vom Leiden. Diese ist es, welche Gotama lehrt, nichts anderes.«
Was Hermann Hesse hier Siddhartha sagen lässt ist meiner Meinung nach nichts anderes als eine Charakterisierung der Idee von der „Aufklärung“, die nach der Formulierung der deterministischen Gesetze Newtons die Philosophen umtrieb, obwohl diese Gesetze nur die physikalische Welt der Dinge betreffen, nicht die abstrakte Welt der Gefühle, Gedanken und Ideen, mit Hilfe derer der Mensch seine gesellschaftliche Wirklichkeit konstruiert (Searle – Die Struktur des gesellschaftlichen Universums).
Nur in der „grobkörnigen“ (was damit gemeint ist, ist hier nachzulesen: Gell-Mann – Eine moderne Interpretation der Quantenmechanik) Welt, in der die Newtonschen Gesetze unbeschränkt gültig sind, gilt „die Einheit der Welt, der Zusammenhang alles Geschehens, das Umschlossensein alles Großen und Kleinen vom selben Strome, vom selben Gesetz der Ursachen, des Werdens und des Sterbens, als eine vollkommene, als eine nie und nirgends unterbrochene Kette, als eine ewige Kette, gefügt aus Ursachen und Wirkungen“ – wie Siddharta die Weltsicht Gotamas beschreibt.
Das aber ist eine Welt die keinen Raum für die Freiheit der Gedanken hat, sollten deren Gesetze auch in der abstrakten Welt der Gedankenkonstrukte gelten. Dieser Welt als „eine ewige Kette, gefügt aus Ursachen und Wirkungen“ wäre nur durch Erlösung, durch Weltflucht, zu entkommen.
Unsere Erfahrung aber lehrt uns, dass es nichts gibt, was wir uns nicht vorstellen könnten. So absurd und unglaublich ein Gedanke auch sein mag, so sehr er jeder Logik und jedem Naturgesetz widerspricht oder der Menschheit als nutzlos erscheint – in dem Moment, in dem er gedacht wurde, ist er wahr geworden und sobald er ausgesprochen und verbreitet wurde, hat er eine mehr oder weniger starke Auswirkung auf die gesellschaftliche Wirklichkeit, ausgedrückt in Protest oder Zustimmung, und hat somit konkrete Handlungen zur Folge.
Es gibt ein Beispiel für diese Behauptung, den Nocebo-Effekt: wenn Gedanken krank machen! – Überall auf der Welt gibt es geheimnisvolle Krankheiten, deren Ursachen sich nicht ergründen lassen und die woanders völlig unbekannt sind. Eine von ihnen sind Gedanken, die krank machen. Dieser Effekt heißt Nocebo und ist der böse Bruder des heilenden Placebo-Effekts. Die Macht unserer Vorstellungskraft allein vermag es, ernsthafte Symptome auszulösen. Organische Ursachen gibt es dafür nicht. Sie entstehen häufig durch Aberglauben oder bestimmte Bräuche.
Meist werden wir aber von unseren Triebwünschen zum Handeln veranlasst. Dörner hat diese Handlungs-Motive in fünf Gruppen aufgeteilt:

„Das sind zunächst die Motive der Existenzerhaltung. Da könnte man genau genommen über hundert aufzählen, aber man kann Hunger, Durst, Schmerz darunter subsumieren. Als nächstes kommt die Sexualität. Dann die Affiliation – ein Motiv, das oft irrtümlich mit der Sexualität zusammengeworfen wird, ein Erbe der Psychoanalyse! – Denn Affiliation, den Gesellungstrieb, gibt es auch ohne Sexualität. Und schließlich gibt es noch Bestimmtheit und Kompetenz, die beiden kognitiven Bedürfnisse. Natürlich muss man diese Gruppen weiter ausdifferenzieren, zum Beispiel gibt es für die Affiliation ganz verschiedene Mechanismen. Aber wir können sagen, alles, was es noch gibt, setzt sich aus diesen fünf Sachen zusammen.“

Man kann daraus auch ableiten, dass der Mensch zwei Seiten besitzt:
  1. Das instinktive Unbewusste, das Reich der genetisch fixierten Triebe und Instinkte. Sie sind das, was Dörner den ersten drei Motivgruppen zuordnete: Existenzerhaltung, Sexualität und Affiliation.
  2. Das rationale Selbst, das Reich des Verstandes und der freien Entscheidungen. Das Regelwerk, dem die beiden kognitiven Bedürfnisse folgen, können wir auch als unseren Verstand bezeichnen. Dessen Schlussweise wird durch die Logik des Aufeinanderfolgens von Ursachen und Wirkungen bestimmt.

Die Probleme, die diese Doppelnatur des Menschen mit sich bringt, werden uns an jedem Tag unseres Lebens bewusst. Ganz sicher warst du, lieber Leser, schon einmal hoffnungslos verknallt oder fühltest dich, unbewusst einem inneren Zwang folgend, zu irgendeinem Menschen, vielleicht sogar zu einem alten Mann hingezogen, der in einem  heruntergekommenen Bahnhof am Ende der Welt auf sein Glück oder was auch immer wartete. Dieser Mensch erschien dir vielleicht aus unerklärlichen Gründen wie die Antwort auf alle Fragen deines Lebens, füllte dein ganzes Denken aus, beschäftigte dich die ganze Zeit, in der er deine Augen suchte um deinen Blick einzufangen. Sicher hast du Gründe dafür finden können: sein suchender, sehnsuchtsvoller Blick, seine unübersehbare Einsamkeit, die lautlos nach dir zu schreien schien. Und du? So laut du konntest, dachtest du, dass du in deiner Einsamkeit ihn, genau ihn, brauchst. Und deine Augen sandten ihre stumme Botschaft an ihn, die er nur allzu gerne hörte. Was aber könnte dich anderes bewogen haben, ihn zu zeichnen und ihm das Bild zu zeigen, als der Wunsch nach Gewissheit, dass all das, was du an Zuneigung in seinem Gesicht lesen konntest, keine Fata Morgana sein möge. Nun sah er auf deinem Blatt das Gesicht eines alten Mannes, dem nun erst bewusst geworden ist, dass er nichts besonderes sei, man könnte sagen: Er hatte eine Art Aufklärung hinter sich, dass sein Leben sich aufbäumen und ihm davonlaufen könnte, wenn er sich nicht endlich wieder seinem Bedürfnis nach Liebe stellte. Die Auswirkungen dieses Schocks hattest du in seinem Gesicht gelesen – das war also ein Mensch wie du, auf der Suche nach seinem ins Nichts zerfließenden Lebens, du hattest in seiner Seele gelesen, ohne dass ihr beide bis dahin auch nur ein Wort gewechselt hattet! Du wurdest für ihn der schönste Mensch auf der Welt, alles an dir war Botschaft für ihn, deine geheimnisvollen dunklen Augen, …, die Hoffnung, dass er mit dir das lange vermisste Spiel von Liebe und Sex werde spielen können, dass das Ende seiner – eurer! – Einsamkeit in dieser gottverlassenen Welt greifbar, zur Tatsache werden könne.

Doch ist das Phänomen „erotische Liebe“ ein logischer Schluss aus eindeutig fassbaren, wissenschaftlichen, logisch beweisbaren Tatsachen, ähnlich dem Ergebnis einer mathematischen Gleichung?
Selbstverständlich nicht. Unser Begehren ist mit dem Blickwechsel „einfach da“ oder eben nicht, es überfällt uns wie Hannibal die Römer am Trasimenischen See. Und was lehrt uns das? Wo immer wir sehr starke Gefühle spüren, ist mit verblüffender Verlässlichkeit unser instinktives Unbewusstes am Werk.
Das Unterbewusste ist darauf programmiert all die Dinge zu tun, die notwendig erscheinen, um das Überleben des Einzelnen und der menschlichen Art zu sichern. Sex spielt dabei eine besonders wichtige Rolle. Wenn zum Beispiel der Wunsch „Sex haben“ erst einmal wechselseitig bei zwei Menschen aufgekommen ist, wird nichts mehr ihn hindern können, ausgeführt zu werden. Vorausgesetzt, beider Verstand findet keine Gründe, die dagegen sprechen, oder er schläft bzw. ist anderweitig beschäftigt.
Der emotionale Teil einer Person ist vertrauensvoll und naiv. Das Unterbewusste ist dumm und misstrauisch. Der Verstand ist weder vertrauensvoll noch misstrauisch. Er ist überhaupt nicht verspielt oder spielerisch. Er ist nicht kreativ. Was er tut, ist ganz einfach Informationen sammeln, sie abspeichern und die gegenwärtige Wahrnehmung mit den Erinnerungen zu vergleichen. Er ist sehr logisch, berechnend und – vorhersehbar, sobald er die Bestimmtheit von Abläufen der Art „Ursache→Wirkung“ erkannt hat. Das Rationale, unser Verstand, ist zwar lernend aber nicht schöpferisch! Unser Verstand, von dem sich die Radikalinskis der „Aufklärung“ alleine leiten ließen, wird den Bedürfnissen der abstrakten Seele des Menschen nicht gerecht.
Das was unsere Vernunft, unsere Seele, ausmacht ist das kreative Wechselspiel zwischen dem instinktiven Unbewussten, seinen Bedürfnissen und dem rationalen Selbst. Das instinktive Unbewusste zwingt den Verstand Rationalisierungen seiner Triebwünsche zu erfinden, weil sie sich so in der gesellschaftlichen Wirklichkeit leichter realisieren lassen. Alexander Mitscherlich sagt in seinem Aufsatz über die Vorurteile dazu:

„Man nennt diese Willigkeit des Intellektes vor dem (unbewußten) Triebwunsch in der Sprache der Psychoanalyse »Rationalisierung«. Der Intellekt wird, wie Freud sagt, Instrument »zu Händen eines Willens«, d. h. der Triebwünsche, und liefert das Resultat, das den Triebwünschen Befriedigung verspricht. Es werden also gleichsam bewußtseins-offizielle Formulierungen gefunden, die eine Scheinbegründung schaffen. Und hinter der Scheinbegründung, die gar nicht das eigentliche Motiv trifft, sondern das eigentliche Motiv verbirgt, bewirkt dieses verborgene eigentliche Motiv unsere Handlungen. Eines der besten Hilfsmittel auf diesem Weg sind die Vorurteile.“

Was hat also die „Aufklärung“ in der westlichen Welt tatsächlich an Umdenken bewirkt?
  • Philosophie kann keine naturwissenschaftlichen Probleme der externen Welt lösen
  • Wissenschaft kann keine moralischen Fragen beantworten
  • Religion und Glaube werden Privatsache
  • Philosophie beschäftigt sich mit der Frage, wie das möglichst gewaltfreie Zusammenleben – eine Utopie –  in der Gesellschaft zu organisieren ist.
  • Aber noch immer regiert der Verstand das Wirtschafts- und Finanzsystem und nicht die Vernunft.
  • Noch immer entscheidet die Effektivität über unsere Handlungen statt der Effizienz, wir leben auf Kosten unserer Nachkommen. Unser aus dem Vollen schöpfen wird irgendwann zur Verknappung der natürlichen Ressourcen führen.

„Nun aber ist, …, diese Einheit und Folgerichtigkeit aller Dinge dennoch an einer Stelle unterbrochen, durch eine kleine Lücke strömt in diese Welt der Einheit etwas Fremdes, etwas Neues, etwas, das vorher nicht war, und das nicht gezeigt und nicht bewiesen werden kann“: die Gesetzlosigkeit menschlicher Vernunft, die über die stupide Folgerichtigkeit des „Wenn→Dann” hinaus denken kann und die sich eine gesellschaftliche Wirklichkeit geschaffen hat, die nicht objektiven, außermenschlichen Gesetzen folgt, sondern vor allem den sich allzu oft widersprechenden Bedürfnissen unterschiedlicher Menschen einer Gesellschaft gerecht werden muss. Das muss zu moralischen Dilemmata führen, die nicht durch die Logik des Verstandes, sondern nur durch die Vernunft des empathischen Konsens gelöst werden können.

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