Heinrich Isaac: Innsbruck, ich muss dich lassen

Diese Fassung als Orgeltabulatur des durch Heinrich Isaac allgemein berühmt gewordenen Liedes durch Hans Kotter (in seinem Tabulaturbuch, von 1513 bis 1522 zusammengestellt) habe ich mit Samples der historischen Orgel in Forcalquier (die Orgel wurde im Jahr 1627 gebaut) eingespielt.

Dass Heinrich Isaac (* um 1450 in Flandern, vielleicht in der Nähe von Brügge; † 26. März 1517 in Florenz) noch heute selbst dem musikalischen Laien als Komponist bekannt ist, verdankt er vor allem seiner vierstimmigen Bearbeitung des Liedes “Innsbruck, ich muss dich lassen“, das allerdings nicht von ihm komponiert wurde, wie oft behauptet wird. Dass die Reformation dieses Lied mit dem Text „O Welt, ich muss dich lassen“ und spätere Zeiten dann das noch volkstümlicher gewordene „Nun ruhen alle Wälder“ unterlegten, zeugt für die schnelle und ungeheure Verbreitung dieser Bearbeitung von Heinrich Isaac.

Heinrich Isaac war Hofkomponist bei Lorenzo de Medici und Kaiser Maximilian I., dem „letzten Ritter“. Über seine ersten 35 Lebensjahre liegen keine gesicherten Daten vor, und dem ersten Dokument, das seinen Namen enthält, können wir entnehmen, dass er sich in Innsbruck aufhielt und offensichtlich auf der Durchreise nach Florenz war. Dort kam er um 1485 an und trat in den Dienst von Lorenzo de Medici, Il Magnifico. Zunächst wirkte er als Sänger an der Cappella di San Giovanni, dann auch an Santa Maria del Fiore und Santissima Annunziata, schließlich wurde er Maestro di Cappella und Komponist. Als Lorenzo de Medici 1492 starb, blieb Isaac noch im Dienst der Familie, aber der Sturz der Medici auf Betreiben von Savonarola zwang ihn, sich nach einem anderen Arbeitgeber umzusehen. Zum Tode des Medici-Fürsten schrieb Isaac zwei Trauer-Motetten zu seinem Gedächtnis, beide auf Texte des ebenfalls am Medici-Hof lebenden Humanisten Angelo Poliziano.

Während Isaac auf der Suche nach einem neuen Arbeitgeber war, hielt sich zur selben Zeit der Habsburger Maximilian I. in der Nähe von Florenz, in Pisa auf: dort versuchte er, Italien unter die Herrschaft des Spanisch-Habsburgischen Reiches zu bringen. Die meiste Zeit seines Lebens verbrachte Maximilian außerhalb Österreichs, zwischen seinen Reisen residierte er oft in Augsburg, wo er erstmals ein Ensemble von Musikern zusammengestellt hatte. Schon 1490 hatte Maximilian das Land Tirol von seinem Onkel Erzherzog Sigmund erworben, so dass die habsburgischen Erblande seit rund 100 Jahren wieder vereint waren. Dieser Kauf war auch musikalisch von großer Tragweite, denn am Hof Sigmunds wirkte seit 1478 Paul Hofhaimer, einer der berühmtesten Organisten der Zeit. Damals trat er in den Dienst Maximilians, wodurch dieser ein erstes Juwel für seine künftige Hofkapelle gewinnen konnte.
1497 stellte Maximilian I. in Hall nahe Innsbruck erneut ein Ensemble zusammen und im selben Jahr ernannte er Heinrich Isaac zu seinem Hofkomponisten. Die Art seines Dienstvertrags mit Maximilian als Komponist und nicht als Hofkapellmeister gab ihm die Möglichkeit, auf Reisen in die Kulturzentren Deutschlands und Italiens zu gehen. Die eigentliche Hofkapelle war in Wien stationiert und hatte die Aufgabe, dem Kaiser, wann immer sie zu Repräsentationszwecken benötigt wurde, auf seinen Reisen durch ganz Europa zu folgen.
Dass Maximilian I. Heinrich Isaac als Hofkomponisten verpflichtete, ohne ihm die Bürde eines wirklichen Hofamtes aufzuerlegen, und dass er ihn auch für diplomatische Aufgaben am Florentiner Hof benötigte, ist ein Beweis für Isaacs Ansehen als Künstler, aber auch als Mann des geistig und sozial gehobenen Bürgertums. In sofern passte der aus Flandern nach Florenz geholte Musiker sowohl zu dem großen Kunstkenner und –förderer Lorenzo de Medici als auch zum dem „letzten Ritter“ Maximilian. Immer wieder kehrte Isaac nach Florenz zurück, in die Stadt, in der er sich am meisten heimisch fühlte und aus der auch seine Ehefrau, Bartolomea Belli, stammte. Dazwischen ist er zweimal in Torgau am kursächsischen Hof (1497 und 1499) längere Zeit in Augsburg (1500), Konstanz (1507-1508) und Verona (1510).

Heinrich Isaac soll ein freundlicher, fleißiger, bescheidener und überall wohlgelittener Mann gewesen sein, dem Geldgier offenbar fremd war. Seine Ehe scheint sehr gut gewesen zu sein, denn seine Frau hat ihn anscheinend auf längeren Reisen stets begleitet, ihr vermachte Isaac auch sein Hab und Gut. Die Tatsache, dass Isaac immer wieder nach Florenz zurückstrebte, ist offensichtlich sowohl auf seine Liebe zu dieser Stadt und auf seine Sehnsucht nach dem „Parnass“, den sie unter den Medici darstellte, zurückzuführen als auch darauf, dass er seiner Frau zuliebe in ihrer Heimat zu leben bereit war. Darin liegen wesentliche Kennzeichen von Isaacs Persönlichkeit. Offenbar zog ihn nichts nach Flandern zurück. Zwar hielt er sich in den besten Jahren seines Lebens in Deutschland auf, kehrte aber immer wieder nach Italien zurück. Musikalisch fühlte er sich überall heimisch, aber als Mensch hatte er seine flämische Abstammung vergessen und war zum Florentiner geworden.
Im Übrigen verfügte Isaac offensichtlich über eine besondere sprachliche Begabung. Lateinische, französische und italienische Texte haben auch seine in Italien wirkenden Landsleute benutzt, er aber verstand außer seinem heimischen niederländischen Dialekt auch noch sehr gut Deutsch, ist also in der Vielfalt seiner sprachlichen Kenntnisse sozusagen ein Vorläufer von Orlando di Lasso.
Als sich Heinrich Isaac um 1507 in Konstanz aufhielt, soll ihm vom Domkapitel der Auftrag erteilt worden sein, ein Chorwerk zu komponieren, in dem das komplette Proprium (die nur für einen bestimmten Tag festgelegten Texte der Messe) aller Sonn- und Festtage des Kirchenjahres vertont sein sollte. Von wem auch immer dieser Auftrag stammte – das ist nämlich nicht ganz klar – dieser „Choralis Constantinus“ sollte Isaacs umfassendstes Werk und zugleich sein Schwanengesang werden. Er begann die Arbeit erst am Ende seines Lebens und hat sie nicht mehr selbst vollenden können.
Die drei Bände mit rund 400 Musikstücken wurden erst 1550 unter Mitwirkung seines Schülers und Nachfolgers Ludwig Senfl in Nürnberg veröffentlicht.
Nach 1512 wurde Heinrich Isaac in Florenz mehr oder weniger sesshaft. Dank der Fürsprache einiger Freunde verschaffte ihm der damalige Papst Leo X., den er als Kind schon unterrichtet hatte, als Dank für die geleisteten Dienste eine „Pension“ in der Höhe seines letzten Gehaltes unter den Medici.
1514 unternahm Isaac noch einmal eine Reise nach Österreich. Ende 1516 erkrankte er schwer und erlag im März 1517 in Florenz diesem nicht näher definierten Leiden. Nach Isaacs Tod übernahm Ludwig Senfl seine Aufgaben. Senfl wurde 1486 in Basel geboren und kam bereits im Alter von 10 Jahren an die kaiserliche Hofkapelle Maximilians. Er war wohl der einzige Schüler Isaacs – offenbar fiel er sehr bald durch seine Begabung auf, so dass er nicht nur als Sänger, sondern auch als Notenschreiber eingesetzt und von Isaac in die Lehre genommen wurde. Etwa ein Jahr nach Isaacs Tod verfasste Senfl ein elfstrophiges, als Selbstbiographie bekannt gewordenes Lied „Lust hab ich gehabt zur Musica“. Und in diesem Lied preist er auch seinen Lehrer Heinrich Isaac, dem er so viel zu verdanken habe.

Die Noten der beiden Vertonungen in meinem Video habe ich der Sammlung „Denkmäler der Tonkunst in Österreich: HEINRICH ISAAC – WELTLICHE WERKE“. (Bearbeitet von Johannes Wolf), Wien 1907, entnommen. Die Tonart der Orgeltabulatur „Herr Gott, laß dich erbarmen“ habe ich zu F-Dur, das der Original-Tonart von Isaacs Bearbeitung aus meiner Quelle entspricht, transponiert. In der Einleitung zu der angegebenen Sammlung weltlicher Kompositionen von H. Isaac schreibt Dr. Johannes Wolf über das Lied „Innsbruck, ich muss dich lassen“:

Mit dem alten Scheideliede »Insbruck, ich muß dich lassen« ist noch heute Isaac’s Name in den weitesten Kreisen lebendig. Unerledigt ist bis jetzt der Streit, der jüngst von Adolf Thürlings in seiner wertvollen Studie »Innsbruck ich muß dich lassen« in der »Festschrift« zum zweiten Kongreß der Internationalen Musik-Gesellschaft (Basel 1906, S. 54 ff.) neu beleuchtet worden ist, ob die Oberstimme Lehnweise oder Eigengut ist. Darauf hingewiesen sei, daß die Tenormelodie mehrfach dem Wortakzent widerstreitet und die Hauptmelodie auch in jener Zeit schon zuweilen von der Oberstimme gebracht wird, ganz zu schweigen von der Tatsache, daß die Oberstimme in Isaac’s »Missa carminum« Verwendung gefunden hat.

Die Erstdrucke der Melodie liegen in zwei vierstimmigen Sätzen vor. Bei der Fassung A, gedruckt 1541, wird sie im Kanon von Tenor und Sopran gesungen, bei der Fassung B, gedruckt 1539, vom Sopran. Fassung B habe ich für die Strophen 1 und 3, Fassung A für die Strophen 2 des Liedes.

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Ich habe diese Fassung als vierstimmiges Lied und die Orgeltabulatur von Hans Kotter von  mit Samples der Rieger-Orgel im Konzerthaus Wien eingespielt.

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