Mit dem Wissen wächst der Zweifel

Warum nennt sich das Blog Der Baum der Erkenntnis“?
Es ist der Titel dieses Buches von Humberto R. Maturana und Francisco J. Varela:
Der Baum der Erkenntnis: Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens

Unsere Art der Wahrnehmung und und die daraus konstruierte Weltauffassung fußt auf einem vererbten Programm, wie welche Wahrnehmungen wo im Gehirn gespeichert und verarbeitet werden, das als evolutionäre Anpassung zu verstehen ist. Für diese erlebten, bewerteten und als Symbolwelt (Bild von der „Welt da draußen“) abgespeicherten Wahrnehmungen konstruieren wir Handlungsmuster, die nun die eigentlichen, an die momentane Situation anpaßbaren, individuellen Verhaltensmuster darstellen. Die Einsicht jedoch, daß wir in einer von diesem Programm konstruierten Symbolwelt leben, aber in einer, wie auch immer „wirklich“ gearteten realen Welt handeln müssen, wird eben durch dieses Programm behindert:
Die … Auffassung,  dass die äußere Wirklichkeit ganz handfest da ist und dass ich in meinem Gehirn eine halluzinatorische Symbolwelt habe, die diese äußere Wirklichkeit zwar repräsentiert durch Farben, dreidimensionale Formen, Zeitauffassung usw., aber nicht die Wirklichkeit deswegen ist, so dass ich zum Ding an sich kommen kann,  ist sehr viel schwieriger zu akzeptieren. Denn letzten Endes bedeutet dies ja, dass ich von der Umwelt nichts direkt weiß, sondern mich darauf verlasen muss, dass meine innere Symbolwelt so gut die äußere Welt repräsentiert, dass ich mich mit dieser Welt auseinandersetzen kann, mich dort bewegen, handeln und die Vorgänge dort beeinflussen kann. Kurzum, die moderne, evolutionär-ethologische Vorstellung von Erkenntnis und Wahrnehmung als einer (durch ein biologisches Programm) gesteuerten Halluzination, einer inneren Symbolwelt, die über die Sinnesorgane gesteuert wird, läuft eben gegen sich selbst, gegen die angeborene Programmierung, und löst sogar Unbehagen und emotionalen Widerstand aus“, sagte Sverre Sjölander in seinem Vortrag „Angeborene Welt – erworbene Welt“ auf dem Symposium aus Anlass des 8o. Geburtstages von Konrad Lorenz (28. bis 30. September in Schloss Laxenburg  bei Wien, zitiert aus dem Buch  „Nichts ist schon dagewesen. Konrad Lorenz, seine Lehre und ihre Folgen„, herausgegeben von Franz Kreuzer bei © R. Piper GmbH & Co., München 1984).

Nicht besser steht es es bei der Erkenntnis unseres Selbst:
„Jeder Mensch“, so sagte Max Frisch in „Mein Name sei Gantenbein“, „erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er, oft unter gewaltigen Opfern, für sein Leben hält, oder eine Reihe von Geschichten, die mit Namen und Daten zu belegen sind, sodass an ihrer Wirklichkeit, scheint es, nicht zu zweifeln ist.“

Und so kommt es,  daß wir, je intensiver wir über die Welt und unser Selbst nachdenken, desto mehr an dieser Wirklichkeit, wie wir sie wahrnehmen, zweifeln  oder wenn es schlimm kommt, gar verzweifeln. Schon Berkeley beginnt seine „Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis: Worin die Hauptursachen der Irrtümer und Schwierigkeiten in den Wissenschaften zusammen … und der Irreligion untersucht werden“ mit Verzweiflung über nicht auflösbare Ungewißheiten der Menschen, die sich nicht durch bloßes Nachdenken auf letzte Gründe unserer Existenz zurückführen ließen,  mit:

Da die Philosophie nichts anderes ist als das Streben nach Weisheit und Wahrheit, so sollte man vernunftgemäß erwarten dürfen, daß die, welche am meisten Zeit und Mühe auf dieselbe verwendet haben, sich einer größeren Ruhe und Heiterkeit des Gemütes, einer größeren Klarheit und Sicherheit der Erkenntnisse erfreuen und weniger durch Zweifel und Bedenken beunruhigt werden, als andere Menschen.
Wir sehen dagegen, daß vielmehr die ungelehrte Menge der Menschen, die auf der Landstrasse des schlichten Menschenverstandes wandelt und durch die Gebote der Natur geleitet wird, größtenteils zufrieden und ruhig lebt. Ihnen scheint nichts, was gewöhnlich ist, unerklärlich oder schwer zu begreifen. Sie klagen nicht über irgendwelche Unzuverlässigkeit ihrer Sinne und sind ganz frei von der Gefahr, in Zweifelsucht zu geraten.
Sobald wir aber der Leitung der Sinne und der Natur uns entziehen, um dem Lichte eines höheren Prinzips zu folgen, um über die Natur der Dinge Schlüsse zu ziehen, nachzudenken, zu reflektieren, so erheben sich sofort tausend Zweifel in unserem Geist in Betreff eben der Dinge, welche wir vorher völlig zu begreifen meinten.
Vorurteile und Irrtümer der Sinne enthüllen sich von allen Seiten her unserem Blick, und indem wir diese durch Nachdenken zu berichtigen streben, werden wir unvermerkt in seltsame, von der gewöhnlichen Meinung abweichende Behauptungen, Schwierigkeiten und Widersprüche verstrickt, die sich in dem Maße, als wir in der Betrachtung weiter gehen, vermehren und steigern, bis wir zuletzt, nachdem wir manche verschlungene Irrgänge durchwandert haben, uns gerade an dem Punkte wiederfinden, von welchem wir ausgegangen waren, oder, was schlimmer ist, bis wir die Forschung aufgeben und, in Zweifelsucht verloren, die Hände in den Schoß legen.

Es gibt zu wenig (fast nichts), was wir objektiv wissen können über uns und über die Welt – von diesem Wenigen soll hier die Rede sein, der Rest ist Glauben!

Glauben heißt, imstande sein, seine Zweifel zu ertragen.
[Romano Guardini]

2 Kommentare

  • Hallo Herr Hehl,
    zunächst einmal finde ich es toll, dass es eine Plattform gibt, die sich im weitesten Sinne mit der Erkenntnis des Ichs und mit der (vielleicht möglichen oder auch nur angestrebten)Erkennbarkeit oder Interpretierbarkeit unserer Umwelt beschäftigt.
    Da wir aber selbst Teil dieser Umwelt sind, wird dies stets nur eine subjektive Erkenntnis bleiben müssen.
    Aufgewachsen in Erfurt wurde ich von meinen Eltern atheistisch erzogen. Erst im „fortgeschrittenen“ Alter von über 30 Jahren habe ich mir die Frage gestellt, ob mir nicht etwas fehle, wie z.B. ein Gott, zu dem ich aufsehen oder der mir Trost spenden könnte. Die Selbstsuche ließ mich in einem Dilemma zurück, nämlich der Frage, ob ich überhaupt in der Lage sei, ein solches Überwesen erkennen zu können. Falls ich es denn mit meiner beschränkten Wahrnehmung gar nicht erkennen könnte, dann wäre die Suche danach ja auch irrelevant. Nach längeren Recherchen stellte ich fest, dass ich mit meiner Suche bzw. Erkenntnis nicht allein war und es dafür sogar eine kategorisierende Bezeichnung gibt: atheistischer Agnostizismus.
    Jetzt habe ich zwar eine für mich plausible Erkenntnis bzw. Kategorisierung gewonnen, bin aber de facto nicht weiter als zuvor. Die einzige Erkenntnis, die ich gewann ist, dass ich mir selbst Rechenschaft ablegen und so leben muss, dass ich meine Umwelt so wenig wie möglich mit meiner Existenz belästige. Es bleibt die daran anschließende und ungeklärte Frage, ob nun mein Maßstab der „relativen Nichtbelästigung“, angelehnt an die landläufigen Tugenden, der Wahre und Einzige sei…

    viele Grüße
    Frank Hehl

    • Lieber Frank Hehl,

      ich erinnere mich noch gut an unseren Mailkontakt von 2008 und vor allem an unsere weitläufige Verwandtschaft. Sie schreiben

      Jetzt habe ich zwar eine für mich plausible Erkenntnis bzw. Kategorisierung gewonnen, bin aber de facto nicht weiter als zuvor. Die einzige Erkenntnis, die ich gewann ist, dass ich mir selbst Rechenschaft ablegen und so leben muss, dass ich meine Umwelt so wenig wie möglich mit meiner Existenz belästige. Es bleibt die daran anschließende und ungeklärte Frage, ob nun mein Maßstab der “relativen Nichtbelästigung”, angelehnt an die landläufigen Tugenden, der Wahre und Einzige sei…

      Nun ja, eine endgültige Antwort wird niemand für sich und schon gar nicht für andere finden können. Geht es nur darum, für sich selbst das richtige Leben zu (er)finden, muss man dafür Sorge tragen, dass die eigenen, durch Zufälle des Lebens entstandenen Handlungsgewohnheiten genügend miteinander zusammenhängen, sich nicht zu sehr widersprechen, so dass man sich ein stabiles, kohärentes Selbstbild, eine umfassende Theorie seines SELBST, zu eigen machen kann. Ein solches Selbstbild setzt nicht die Überzeugung voraus, dass es nur EINE Wahrheit gäbe. Jeder muss hier seine eigene Wahrheit finden: Überzeugungen, die dabei helfen, eine bestimmte Menge von Bedürfnissen zu erfüllen, können irrelevant sein für die Befriedigung anderer Bedürfnisse, sie müssen also nicht miteinander in Einklang gebracht werden. Die Wahrheit einer Überzeugung lässt sich einzig und alleine dadurch feststellen, indem man sie lebt, sie im Alltag ausprobiert und nachschaut, ob man selbst und die Seinen dadurch glücklicher werden. Es ist bei Modellen individueller Selbstentfaltung völlig irrelevant, ob andere, fremde Menschen damit glücklich werden könnten. Für diese subjektorientierte Vernunft ist die Quelle der Wahrheit das stabile, kohärente Selbstbild. Das ist das was Max Frisch meinte mit: „Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er, oft unter gewaltigen Opfern, für sein Leben hält, oder eine Reihe von Geschichten, die mit Namen und Daten zu belegen sind, sodass an ihrer Wirklichkeit, scheint es, nicht zu zweifeln ist.

      Davon zu unterscheiden ist die kommunikative Vernunft, die ich benötige, um hinreichend konfliktfrei, also für das Gemeinwohl gedeihlich, mit andern zusammen zu leben. Sie ist schlicht die Tätigkeit der Rechtfertigung von Ansprüchen, die Herstellung von intersubjektivem Konsens innerhalb menschlicher Kollektive durch Begründungsangebote statt durch Drohungen oder Gewalt. Trivial herzustellen ist ein solcher Konsens bei gleichen Vorstellungen von Glück, schwieriger wird es zum Beispiel im Falle moralischer Dilemmata, die zwei Wahlmöglichkeiten bieten, welche beide zu einem Loyalitäts-, Gerechtigkeits- oder Selbstbildkonflikt der Diskurspartner führen. Wenn man das Wort vernünftig gebraucht, um die eigene Lösung solcher Dilemmata zu preisen, oder den Ausdruck der Kraft des besseren Arguments nachgeben verwendet, um das eigene Entscheidungsverfahren zu kennzeichnen, macht man sich selbst ein Kompliment ohne wirklichen Inhalt.

      Die Vorstellung vom besseren Argument hat, allgemeiner gesprochen, nur dann Sinn, wenn man eine natürliche, transindividuelle oder transkulturelle Relevanzbeziehung ausfindig machen kann, die Aussagen in solcher Weise miteinander verbindet, dass sie so etwas wie die Cartesische natürliche Ordnung der Gründe bilden. Ohne eine natürliche Ordnung dieser Art bleibt einem nichts anderes übrig, als Argumente danach zu beurteilen, wie gut es ihnen gelingt, Einigkeit zwischen bestimmten Gruppen oder Personen zu erzielen. Aber der benötigte Begriff der natürlichen, inneren Relevanz – einer nicht nur von den Bedürfnissen einer gegebenen Gemeinschaft, sondern von der menschlichen Vernunft als solcher diktierten Form von Relevanz – erscheint weder plausibler noch nützlicher als die Vorstellung von einem Gott, auf dessen Willen man sich berufen kann, um Konflikte zwischen Gemeinschaften beizulegen. Jener Begriff ist vermutlich nichts weiter als eine säkularisierte Form dieser früheren Vorstellung. Durch rationale Logik ist also die Floskel besseres Argument nicht zu begründen.

      Die Vernünftigkeit einer Überzeugung, die einem Argument zugrunde liegt, lässt sich auch bei Modellen sozialer Zusammenarbeit letztlich nur dadurch feststellen, indem man sie lebt, sie im Alltag ausprobiert und nachschaut, ob das Individuum bzw. die betreffende soziale Gemeinschaft dadurch glücklicher werden. Modelle sozialer Zusammenarbeit und Konstruktionen gesellschaftlicher Wirklichkeit sind immer nur als Experimente zu begreifen, die zu neuen Beschreibungen der Wirklichkeit führen können, sie generieren keine universellen Wahrheiten, sondern sie erzählen uns lehrreiche Geschichten.

      Das ist das, was Milan Kundera in Die Kunst des Romans und Richard Rorty in Philosophie als Kulturpolitik meinten. Auch darüber wollte ich schreiben!

      Herzliche Grüße und Danke für Ihren Kommentar

      Helmut Hehl

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