Die Rhön einst und heute

(Von Lehrer Munk in Melpers, 1916)
Aus meiner vorigen Betrachtung mit gleicher Überschrift ersahen wir, daß es bei dem Übergang aus der früheren Zeit in die neue mit dem Erwerbsleben und der Lebenshaltung der Rhönbewohner in erfreulicher Weise vorwärts gegangen ist. – Heute wollen wir versuchen etwas tiefer zu schauen und uns beschäftigen mit dem Stand der unvergänglichen geistigen Güter am inwendigen Menschen.
Waren die Rhönbewohner der früheren Zeit bei äußerer Dürftigkeit an Gütern der zweiten Art vielleicht reicher als die Leute draußen im Lande?
Aus meiner Jugendzeit sind mir im Gedächtnis Worte eines Geistlichen geblieben, der aus dem reichen Ostthüringen, aus der „Schmergrube des Großherzogtumes“ in die verschrieene „Arme Rhön“, in „das Land der armen Leute“ kam. Ich meine den bekannten Heimatdichter W. Frenkel. Der begann einst seine Antrittspredigt als Superintendent von Dermbach mit den Worten:
„Riche Lüt – arme Lüt,
Arme Lüt – riche Lüt.“
Genügsamkeit, Biederkeit, treues Festhalten an Vätersitte und Väterglauben pries er als hervortretende Charakterzüge und als Reichtum des Rhöners. Manches mag – in einzelnen Orten mehr, in andern weniger – geblieben sein. Doch meine ich, würden wir uns täuschen, wenn wir nicht zugeben wollten, daß im großen und ganzen vieles anders und – nicht besser – geworden sei. Man hört die Klage von der Verrohung der Jugend. Unzweifelhaft sind die Erziehungsverhältnisse in vielen Familien durch unsere industrielle Entwicklung schwieriger geworden. Macht man sichs denn doch aber im allgemeinen nicht zu leicht und erwartet zu viel von einer Erkenntnis, die von selbst kommen soll? Zucht ist die unausgesetzte allseitige Einwirkung auf den sich entwickelnden Charakter. Sie war früher strenger vonseiten des Elternhauses sowohl als auch vonseiten des Auges der Erwachsenen in der Gemeinde überhaupt. Zucht und Sitte. Der und jener verschwundenen Unsitte wollen wir keine Träne nachweinen. Was sich aber an guter Sitte erhalten hat, wollen wir doch pflegen und stärken. Sitte und Sittlichkeit. Das Ziel der geistigen Menschwerdung ist der sittlich-religiöse Charakter. Wenn uns heutzutage religiöse Frömmelei als Heuchelei verhaßt ist, so müssen wir uns doch fragen, ab nicht in unserm religiösen Gemeinschaftsleben in Hinsicht auf Sonntagsfrieden, Sonntagsweihe, Kirchenbesuch und Abendmahlsgang, Gleichgiltigkeit und Trägheit eingerissen ist. Bei manchem mag es wohl nur Form gewesen sein. Wer sich mit Recht Christ nennt, dem müssen diese Formen Gefäß sein, die wir mit gutem Inhalt füllen wollen, namentlich im Hinblick auf unsere Jugend, statt sie mutwillig zertreten zulassen oder sie selbst leichtsinnig beiseite zu schieben. Ist die Rede der Alten von der „guten alten Zeit“ demgegenüber berechtigt?
Die neuere Zeit mit ihren leichten Verkehrsmöglichkeiten drängt auf Ausgleich mit der großen Welt, nicht nur in der äußeren Tracht, die bei uns sicherlich nicht schlechter war als die Pariser Mode.
Die ganze Betriebsweise, auch in der Landwirtschaft, ist anders geworden. Der Rhöner konnte nicht zurückbleiben. Also werden wir in allem modern, ganz modern?! Die Jugend merkt ja nichts, doch dem älteren Menschen drängt sich das Wort auf die Lippen: „Schade um manches achtlos verschleuderte edle Vätergut, für das wir auf andere Weise Ersatz suchen.“
Die Glocken der Heimat läuteten den Alten wie uns. Das Bächlein der Heimat fließt im ununterbrochenen Gleichmaß dahin gleich dem Strom der Ewigkeit. Hören wir in dieser ach so schweren Zeit sein Rauschen nicht lauter und eindringlicher als sonst? Was kündet das Klingen u. Rauschen?
„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“
und
„Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewänne und nähme doch Schaden an seiner Seele.“
Was drängte mich wohl zur Niederschrift vorstehender Betrachtungen in einer Zeit, da unsere Brüder, Väter und Söhne im Kampfe für die Heimat draußen stehen in Not und Tod? Wenn die Friedensglocken zu ihrer Heimkehr läuten, sollen sie einkehren in gesegneten Fluren, in friedevollen Häusern, zu Herzen, die nach Erfüllung der Hoffnung reich sind an Glauben und Liebe. Das sind wir ihnen schuldig. Dafür haben sie gestritten und gelitten.
Kommen dann Fremde zu uns, die die Rhön und den Rhöner schauen und kennen lernen, dann sollen sie mit Recht sagen können:
,,Riche Lüt – nur reiche Leute.“


Bücher und DVD über Geschichte, Landschaft und Kultur der Rhön und Thüringens
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