Pragmatismus, Religion und Metaphysik


Es hat sich herausgestellt, daß sowohl die christliche Religion als auch die materialistische Metaphysik Artefakte sind, die sich selbst verzehren. Das Bedürfnis nach orthodoxer Religiosität wurde durch Paulus‘ Beharren auf dem Primat der Liebe untergraben. Nach und nach erkannten die Christen, daß eine Religion der Liebe nicht verlangen kann, jeder müsse das gleiche Glaubensbekenntnis aufsagen. Das Bedürfnis nach Metaphysik wurde durch die Fähigkeit der modernen Wissenschaft untergraben, den menschlichen Geist als ein außergewöhnlich komplexes Nervensystem zu begreifen und somit sich selbst eher pragmatisch als metaphysisch zu sehen. Die Wissenschaft hat uns gezeigt, wie man die empirische Forschung als Gebrauch dieser physiologischen Zusatzausstattung zur Erlangung stets größerer Herrschaft über die Umwelt sehen kann, anstatt sie als eine Form der Verdrängung von Erscheinungen durch Wirklichkeit zu deuten. Genauso wie es dem achtzehnten Jahrhundert gelang, das Christentum nicht als Offenbarung von oben, sondern als kontinuierliche Fortsetzung der sokratischen Reflexion zu sehen, so ist es dem zwanzigsten Jahrhundert gelungen, die Naturwissenschaft nicht als Offenbarung des inneren Wesens der Wirklichkeit, sondern als kontinuierliche Fortsetzung jener Form des praktischen Lösens von Problemen zu begreifen, in der die Ingenieure brillieren.

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Kiskörös V

Dies ist am Montag, dem 6. September unser Los gewesen:  😉

Uns wurde die Henkersmahlzeit in Kiskörös serviert,… – aber nein, das stimmt doch gar nicht! Wir bedienten uns selbst am kalten Büffet, aßen was das Zeug hielt – es hielt übrigens nicht mehr viel nach den Tagen der Völlerei. Das Essbedürfnis ähnelt dann dem Alkoholbedarf des Gewohnheitssäufers, man braucht nur noch wenig, um den Pegel zu halten. Der Bürgermeister von Kiskörös Domonyi, Lásló und freilich auch unser Maître de plaisir für die Kisköröser Festtage Titl, Péter kamen in das Hotel, um sich persönlich von uns zu verabschieden. Unser Bürgermeister wurde zusätzlich von einer der einflussreichsten und möglicherweise auch hübschesten (ein Vergleich war uns glücklicherweise – bedenkt man die  auslösende Frage des trojanischen Krieges: wer ist die Schönste? – nicht vergönnt)  jungen Dame aus dem dortigen Stadthaus – zuweilen möchte man selbst Bürgermeister sein.

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Altruismus

Wir halten uns für »egoistisch« und werden von anderen so gesehen, wenn wir unsere eigenen Interessen zu verfolgen scheinen. Andererseits glauben wir daran, daß ein Handeln zum Wohl anderer, das anscheinend nicht selbstdienlich ist, von »guter Moral« zeugt; wir fühlen uns gedrängt, dem Weg des »Altruismus« zu folgen, und wir respektieren andere, die ihm folgen. Weil wir uns der Kosten, Risiken und Gefahren, die darin stecken — des Handicaps —, wohl bewußt sind, beeindruckt uns Uneigennutz. Trotzdem halten wir es für unanständig, zu berechnen, welchen Nutzen uns der Uneigennutz bringen kann.

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Kiskörös IV

Der Sonntag begann mit einem feuchtfröhlichen Frühstück im Feuerwehrhaus, zu dem uns Joszef  einlud. Leicht beschwingt wanderten wir danach zum Geburtshaus von Sándor Petöfi, direkt am Festplatz. Ein Spezialitäten-Mittagessen im Museumshaus des slowakischen Heimatvereins war nur durch den ausreichenden Genuss von Brandys aller Art zu verdauen, so kalorienreich war es. Das kann man nicht jeden Tag essen, ohne die schnittige Form zu verlieren. 😉

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Demut als Utopie

Das wiederholte Scheitern von Systemen, die von weit in die Zukunft weisenden Visionen getragen wurden, hat unseren Glauben an die Realisierbarkeit von Utopien nachhaltig erschüttert. Zweifel an der Machbarkeit von Zukunft greifen um sich. Die Erkenntnis, daß große Entwürfe und Fünf-Jahres-Pläne die Tendenz haben, an der sich ändernden Wirklichkeit zu scheitern, ist nicht neu – neu hingegen ist, daß es rationale Erklärungen für die Notwendigkeit des Scheiterns gibt.Die relevanten Variablen sind zum einen die Struktur und Dynamik lebensweltlicher Prozesse und zum anderen die kognitiven Fähigkeiten der Entscheidenden und Handelnden, die versuchen, diese Prozesse zu steuern.

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Schwedenreise (3)

Dass ich heute noch einen Beitrag über die Schwedenreise des Heimatpflegevereins Gehaus e.V. nachschieben kann,  ist das Verdienst von Ulf Åman und Siegfried Hessler. „Der Ulf Åman“, schrieb mir Siegfried Hessler am 20. September, „hat übrigens aus Deinen Bildern ein hübsches Bildspiel mit Musik gemacht.“ Nun ist heute von Siegfried die CD mit diesem Bildspiel in meinen Briefkasten geflattert und sie gefiel mir sehr gut

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Geschichtsschreibung

Weil aber die Vergangenheit nicht im Bereich des menschlichen Erlebens liegt, und weil wir deshalb mit unseren historiographischen Konstruktionen immer nur in der jeweiligen Gegenwart umgehen und Erfahrungen machen können, gibt es keine Möglichkeit, z.B. die Deskriptivität historiographischer Aussagen festzustellen oder zu überprüfen. Und weil sich historische Ereignisse und Prozesse weder wiederholen, noch sich reproduzieren lassen, haben wir auch keine Gelegenheit, entsprechende konzeptuelle Systeme (z.B. Theorien) in einem erfahrungswissenschaftlichen Rahmen zu erfinden, zu testen und weiterzuentwickeln. Die erfahrungswissenschaftlichen Möglichkeiten der Historiographie beschränken sich darauf, anhand der als Spuren oder Zeugnisse der Vergangenheit identifizierten Objekte und unter Verwendung als einschlägig erachteter theoretischer Konzepte und Modelle Geschichten zu erfinden, um sie auf ihre Verträglichkeit mit den Quellen und auf ihre Kompatibilität mit anderen Geschichten hin zu prüfen. Innerhalb des so bestimmten Spielraumes kann sich die Gültigkeit der jeweiligen Geschichtsschreibung also nicht an so etwas wie der Übereinstimmung mit den historischen Tatsachen bemessen, sondern nur daran, ob die jeweiligen Geschichten im Rahmen konsensfähiger Modellvorstellungen, auf der Basis geltender Annahmen über die Geschichte und Geschichtsschreibung sowie hinsichtlich der geltenden weltanschaulichen, ideologischen, ethischen, politischen usw. Konzepte plausibel, überzeugend und relevant sind.

Gebhard Rusch: THEORIE DER GESCHICHIE, HISTORIOGRAPHIE UND DIACHRONOLOGIE
LUMIS Schriften 11 1986
aus dem Institut für Empirische Literatur- und Medienforschung der
Universität – Gesamthochschule Siegen Weiterlesen

Kiskörös III

Nach den löblichen, doch anstrengenden Tagen des Weinverkostungen und des Freundschaftstrinkens nutzten wir vier Gehauser den Samstagvormittag zum Stadtbummel und ließen unsere Seelen unangestrengt durch Kiskörös baumeln. Das aber wurde uns heimgezahlt, als wir vereinbarungsgemäß um 12:30 Uhr mit dem Auto zum Mittagessen in das Kulturhaus fahren wollten. Denn es kam kein Bürgermeister Ralf Adam mit dem Autoschlüssel. Er war mit dem Bürgermeister von Kiskörös auf einer Off-Road-Tour und kam erst um 15:30 Uhr zurück und dass er sicherheitshalber den Autoschlüssel an der Rezeption abgegeben hatte, wusste niemand. Elke Weih brachte dann in Erfahrung, dass die Off-Road-Tour später begann als geplant und so fuhr sie uns mit ihrem Auto, freilich verspätet, in das Kulturhaus, wo wir trotzdem noch von Péter Titls Frau mit slowakischen Spezialitäten verwöhnt wurden.

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Uns selber übersteigen

Ich komme zum dritten Schritt und damit zum Abschluß. In diesem dritten Schritt möchte ich diese Selbsttranszendenz als eine Möglichkeit für unsere Gesellschaft vorführen. Ich darf erinnern, was ich hier unter Selbsttranszendenz verstehen möchte: Das Wort kommt von übersteigen – irgendwohin soll hinübergestiegen werden. Wohin also sollten wir steigen? Über unsere eigenen Ausstattungen, wie sie begrenzt erscheinen durch unsere angeborenen Anschauungsformen. Wir könnten sie durch Forschung übersteigen. Modell Einstein im Falle von Zeit und Raum. Heute ist es unser Anliegen, nun auch das Wesentlichste, das uns heute plagt, zu übersteigen, nämlich unsere Anschauungsformen von der Kausalität, die Vorstellungen von den Ursachen.

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Unser Bild von der Wirklichkeit

Betrachter vor einem Frauenporträt von Georges Braque spotteten, einer so entstellten Person würde niemand gern auf der Straße begegnen, worauf der Maler erwiderte, er habe keine Frau malen wollen, sondern ein Bild.
Im Grunde genommen ist das Verhältnis zwischen Wirklichkeit und mathematischem Bild oder Modell das Gleiche: Letzteres ist auch nur ein Abbild einiger Eigenschaften wirklicher (oder gedachter) Objekte. Alles, was nicht relevant ist, bleibt dabei unberücksichtigt: zum Beispiel welcher Wochentag gerade ist oder dass Nebel über dem See steht. Modellbildung ist Willkür, Zweckmäßigkeit ihr einziger Sinn.

Pierre Basieux „Die Architektur der Mathematik: Denken in Strukturen

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