Die blaue Wunderblume

Der blauen Wunderblume Heimat ist die deutsche Sage. Seit Jahrtausenden blüht sie dort, namenlos, geheimnisvoll, wunderverheißend! Wer sie findet, wird überreich belohnt. Sie entdeckt dem glücklichen Finder einen märchenhaften Schatz. Ich kenne eine blaue Blume, die einen Schatz von unermeßlichem Werte jedem verheißt. Ob das die blaue Wunderblume der Sage ist? Ich wage nicht, es zu behaupten! Denn dann müßte ich die Sage verdächtigen, daß sie uns auf den „Lein“ hätte locken wollen.
Flachs und Lein sind ein und dasselbe. Das heißt, Flachs ist das eine, Lein aber dasselbe in „Grün“. Lein nennt man die Pflanze, solange sie grün ist und keinen Bast angesetzt hat. Der Sprachgebrauch kümmert sich um diesen Unterschied verteufelt wenig. Er ist eben ein Tyrann, der sich an keine Gesetze bindet. So kommt es, daß man – richtiger – – Lein sagt, wenn man den Flachs meint, und umgekehrt. Ob die Sage deshalb den Namen verschwieg?
Der Lein alias Flachs ist sich seines edlen Wertes nur zu bewußt. Er ist ein äußerst anspruchsvoller, rücksichtsloser, widerhaariger Bursche. Nichts ist ihm gut genug, kein Acker, kein Wetter. Gefällt ihm Beides nicht, dann wird er zweiwüchsig, kurz und lang, im herrlichsten iambischen Rhythmus! Er verlangt Pflege und Wartung, wie keiner seiner Ackergenossen. Und wenn ihm der Sinn danach steht, dann fault er bei lebendigem Leibe, alle Mühe zu Schanden machend. Hinwiederum lohnt Niemand seinen Erzeuger so reich wie er!
Weiterlesen

Die Rhön einst und heute

(Von Lehrer Munk in Melpers, 1916)
Aus meiner vorigen Betrachtung mit gleicher Überschrift ersahen wir, daß es bei dem Übergang aus der früheren Zeit in die neue mit dem Erwerbsleben und der Lebenshaltung der Rhönbewohner in erfreulicher Weise vorwärts gegangen ist. – Heute wollen wir versuchen etwas tiefer zu schauen und uns beschäftigen mit dem Stand der unvergänglichen geistigen Güter am inwendigen Menschen.
Waren die Rhönbewohner der früheren Zeit bei äußerer Dürftigkeit an Gütern der zweiten Art vielleicht reicher als die Leute draußen im Lande?
Aus meiner Jugendzeit sind mir im Gedächtnis Worte eines Geistlichen geblieben, der aus dem reichen Ostthüringen, aus der „Schmergrube des Großherzogtumes“ in die verschrieene „Arme Rhön“, in „das Land der armen Leute“ kam. Ich meine den bekannten Heimatdichter W. Frenkel. Der begann einst seine Antrittspredigt als Superintendent von Dermbach mit den Worten:
„Riche Lüt – arme Lüt,
Arme Lüt – riche Lüt.“ Weiterlesen

Wir Rhöner wollen nicht zurück in die „gute alte Zeit“

Ich hoffe, meine Leser haben diesen, für meinen Geschmack  etwas zu wehmütigen neun Betrachtungen über das „Land der armen Leute“,  die das einfache Leben der „oarme Lüt“ in romantischen, rückwärts gewandten Seelen sehnsüchtelt, solange sie dieses Leben nicht mit ihnen teilen müssen, ohne Schaden an ihrer modernen Seele zu nehmen, heil überstanden. Die Überschrift sagt schon, was jetzt kommen wird:

Die Rhön einst und heute.
(Gedanken über unsern Anteil am Weltkrieg aus dem Schulbetrieb von Lehrer Munk in Melpers aus den „Heimatglocken für Gehaus“ vom September 1916).

Tripp trapp – tripp trapp klappern die hölzernen Schuhe die hartgefrorene Dorfstraße entlang. Das sind die armen Kinder, die sich in aller Wintermorgenfrühe ein Stückchen Bettelbrot im reichen Oberfladungen holen. Du mußt nun aufstehn und Kaffee kochen, es wird bald Zeit zur Schule! Weiterlesen

Das Land der armen Leute – Schluss

„Der unverdrossene Mut der hohen Rhöner bei ihrem steten Kampf mit der feindseligen Natur ist seit alten Tagen sprichwörtlich. In einem Spruchverse, der die rhönischen Städte nach ihren besonderen Besitztümern schildert, heißt es von Bischofsheim, der Stadt der hohen Rhön, bloß, sie habe ‚den Fleiß’. Das ist eine schöne Devise unter dem Wappenbild einer Stadt. Man sieht in den obern Rhöntälern noch Versuche von Obstbaumzucht in Lagen, wo man anderwärts längst aufhört, sich mit Schnee und Nordsturm um saure Apfel zu raufen. In den Wäldern zwischen Dammersfeld und Kreuzberg begegnete mir in diesen Märztagen ein Mann, der mit einer Spitzhacke hinauszog, wie man sie sonst braucht, um Steine loszubröckeln. Als er mir erklärte: er wolle in entlegene Waldwiesen gehen, um die frühmorgens noch halbgefrorenen und halbverschneiten Maulwurfshügel zu zerschlagen, glaubte ich ihm nicht, und hatte Verdacht, er gehe auf schlimmen Wegen. Als ich ihm aber nachgehends von einer Höhe herab lange noch zusah, wie er in der Tat die gefrornen Maulwurfshügel im Talgrunde zerschlug, schämte ich mich über mein Mißtrauen. Ich hatte keinen solchen Begriff mitgebracht von dem hoffnungslosen kummervollen Fleiß dieser armen Leute. Weiterlesen

Das Land der armen Leute 8

„Ich bin auf der ganzen hohen Rhön von keinem Menschen angebettelt worden. Ich habe ganz allein, lediglich mit einem tüchtigen Eichenstock, flinken Beinen und einem frischen Wandermut bewaffnet, die weitgedehnten Wälder und die schaurig öden Hochflächen durchwandert. In der tiefen Einsamkeit bei wildem Schneesturm und bei sinkender Nacht sind mir oft seltsam zerlumpte ‚verwogene’ Gestalten begegnet. Aber es hat mir niemand ein Leides getan. Und doch würde meine geringe Reisebarschaft für eine hungrige Rhönerfamilie ein Kapital gewesen sein, von dem sie flott hätten leben können bis zur nächsten Kartoffelernte. Erst als ich in die begünstigteren Täler der Fulda und Kinzig niederstieg, strömten mir Bettelleute zu Scharen entgegen. Hier hebt die moderne Not an, hier wird die Armut selbstbewußt, der Arme bespiegelt sich in seinem Elend, trotzt und spekuliert auf dasselbe. Es könnte einer gegenwärtig über die ganze hohe Rhön reisen, ohne den erhöhten Notstand überhaupt wahrzunehmen, während er nicht einmal im Postwagen von Fulda nach Hanau fahren kann, ohne daß ihm allenthalben das düsterste Bild der Armut entgegentritt. Neben den Bettelleuten flutet auf dieser Straße jetzt ein wahrer Strom von Auswanderern. Bei Hanau begegnete ich einem Weib aus dem Fulder Land, welches als einziges Reisegepäck ein etwa vierteljähriges Kind aus dem Arm trug! Und in dieser Verfassung hatte sie sich zu Fuß nach einem Seehafen auf den Weg gemacht! Weiterlesen

Das Land der armen Leute 7

„Wie die Gegensätze des Klimas, so sind auch die Gegensätze von arm und reich auf der Rhön eng zusammengerückt, denn die Bevölkerung des ganzen Gebirges ist keineswegs arm. Die Armut tritt weniger überallhin verstreut auf, wie in den meisten mitteldeutschen Gegenden, als nach Berggruppen und Talzügen ziemlich bestimmt abgesondert. Diese historische, unausrottbare Armut haftet an einzelnen Strichen, an denen auch das nordische Klima haftet. Diese sind namentlich: das Dammersfeld, die Kreuzberggruppe und die lange Rhön. Weiterlesen

Das Land der armen Leute 5

Auf der Rhön kreuzen sich die Überlieferungen uralter Armut mit denen früherer Gewerbsblüte. Die historische Armut haftet dort mehr an einzelnen Tälern und Hochlagen als am ganzen Gebirg.
Schon eine Menge Ortsnamen bezeugen dann als epigrammatische Geschichtsurkunden aus grauer Vorzelt, daß von Anbeginn Armut, Öde und Düsterheit das Grundwesen solcher Striche gewesen sei: Sparbrod, Wüstensachsen, Kaltennordheim, Wildflecken, Schmalenau, Dürrhof, Dürrfeld, Todtemann, Rabenstein, Rabennest, Teufelsberg, Mordgraben usw. Im Geiste der Etymologie des 18. Jahrhunderts leitete man den Namen der Rhön selbst frischweg von „rauh“ ab.
Bei andern deutschen Gebirgen kommt ähnliches vor, aber schwerlich sind irgendwo auf so kleinem Raum so viele schauerlich deutsame Namen zusammengedrängt. Unter den Würzburger Bischöfen findet sich auch ein Mann von der hohen Rhön: Heinrich von der Osterburg. Er soll aber seinen Hofhalt so kümmerlich ausgestattet haben, daß man ihm den Beinamen ,,Käs und Brot“ gegeben. Wenn man heutzutage durch die hohe Rhön wandert und tagelang in den elenden Dorfschenken in der Tat noch immer keine andere Kost als Käse und Brot nebst widerlichem Kartoffelfusel auftreiben kann, dann bleibt einem dieser Bischof fortwährend in lebhaftem Andenken, und man wird versucht, ihn als das echteste Rhöner Kind zum Schutzpatron des ganzen Gebirges zu erklären. Weiterlesen

Das Land der armen Leute 4

Der Kartoffelbau hat aber hier nicht bloß seine Poesie, er hat auch seine herbe Prosa. Wo vorwiegend Kartoffelland ist, da ist auch Branntweinland. Dies bestätigen unsre Basaltberge. In einem Städtchen der Rhön von nur zweitausendzweihundert Einwohnern wurden in einem der letzten Jahre nach Ausweis der städtischen Akzistabelle nahe an vierhundert Eimer Branntwein getrunken. Dagegen ist zum Beispiel in Altbayern, wo Kornland vorwiegt und Kartoffeln verhältnismäßig wenig gebaut werden, das Branntweintrinken auch entsprechend selten geblieben. Im bayrischen Hochgebirge gibt es noch alte Leute, die niemals einen Schnaps getrunken haben; vor einem Menschenalter gab es dort aber auch noch Leute, die nicht wußten, wie eine Kartoffel schmeckt. Weiterlesen

Das Land der armen Leute 3

Die Rhön dagegen hat bessere Tage gesehen als die gegenwärtigen, sie hat eine Geschichte gehabt, welche mehr war als eine bloße Geschichte des Elendes. Für die feudale Zeit war sie kein übles Land, aber unser industrielles Jahrhundert weiß nicht, was es mit solchen abgelegenen, produktenarmen Gebirgen anfangen soll. Nicht bloß die Ungunst den Klimas, auch der ganze eigentümliche Entwicklungsgang unseres Kulturlebens, wenn man will die Weltgeschichte, hat sich wie ein tragisches Schicksal auf diese Berge gelegt. Die Rhön gehört so ganz zu jenen deutschen Gauen, von welchen einer unsrer Dichter sagt, sie seien zu romantisch, um noch glücklich sein zu können, ein Dichter, der selber zu romantisch war, um glücklich sein zu können – Gottfried Rinkel. Weiterlesen

1 33 34 35 36 37